Aktualisiert 10.04.2013 11:40

Wegen Adoniskomplex

Schon 12-Jährige trainieren für Traum-Body

Der Fitness-Wahn erreicht die Primarschule: Im Wettstreit um Status und Aufmerksamkeit gehen schon Kinder ins Krafttraining. Fachleute warnen vor deformierten Körpern.

von
Stefan Heusser
Jugendliche beginnen früher mit dem Krafttraining.

Jugendliche beginnen früher mit dem Krafttraining.

«Wie baue ich, 14, möglichst schnell Muskeln auf?», fragt Football1998 in einem Internetforum für Bodybuilder und ist damit bei weitem nicht der Einzige. Beat Schneiter, Inhaber des FitnessShops in Zürich, bestätigt, dass bereits Zwölfjährige nach Kreatin, Carnitin und Glutamin fragen.

«Sie wollen sogar Anabolika und Testosteron-Booster kaufen», sagt Schneiter. Einmal sei ein Vater mit seinem 12-jährigen Sohn gekommen. «Er erklärte, der Sohn müsse Muskeln zulegen, sonst habe er keine Chance, ins Regionalkader zu kommen.» Der Junge habe ihm leidgetan. «Aber mehr als Training mit dem eigenen Körpergewicht und Eiweiss-Zusätze konnte ich ihm nicht empfehlen.» Schneiter warnt Möchtegern-Kraftprotze vor illegalen Substanzen und empfiehlt ihnen Protein-Shakes und leichte Hanteln. Doch er weiss: Zu Hause bestellen sie sich die Präparate im Internet.

Deformierte Knochen

Auch Fitnessstudios spüren den frühen Wunsch der angehenden Männer nach Bizeps und Sixpacks: «Wir haben Abo-Anfragen von 14-Jährigen. Es besteht ein grosses Interesse», sagt Tamara Johnson von Activ Fitness. «Sie wollen Krafttraining machen und Muskeln zulegen.»

Das Phänomen wird als Adoniskomplex bezeichnet: «Der Jugendliche will den perfekten Body haben», erklärt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Im Gegensatz zur Essstörung Anorexie, die häufig bei Frauen vorkommt, trainieren sich Jungs Muskeln an. «Für die Betroffenen wird der Körper zum Monothema», so Guggenbühl, «Sixpack und Muskeln sind das einzig Wichtige.» Die Jugendlichen suchten nicht das Optimum, sondern das Maximum. «Konsequenzen sind ihnen egal.»

Der Körperwahn kann gravierende Folgen haben. Mareike Cordes vom Sportmedizinischen Zentrum in Bern warnt vor Störungen am Skelett. «Da der jugendliche Körper noch wächst, reagieren Sehnenansätze, Gelenkknorpel und Knochenkerne auf grössere Kraftbelastungen mit Entzündungen und Überlastungszeichen», sagt Cordes.

Fitnesstrainerin Johnson findet die vorzeitige Stimulation vor allem unnötig: «Krafttraining schüttet Reize aus, damit der Körper wächst – das kann zu komischen, deformierten Knochenbildungen führen.» Sie rät den jungen Kraftprotzen, sich bis 16 mit Fussball und Pfadi auszutoben und gemässigten Muskelaufbau zu betreiben. Bei Active Fitness müssen 16-Jährige eine Elternbestätigung fürs Trainieren mitbringen.

«Aufbauen statt Aufpumpen»

Wird beim Trainieren zusätzlich mit Kreatin oder illegalen Substanzen nachgeholfen, wird es für die Pubertierenden noch gefährlicher: «Im schlimmsten Fall», so Sportnahrungsexperte Schneiter, «kann überdosiertes Kreatin zu Nierenversagen führen – daran kann man sterben.» Die Jungen sollten sich nicht durch ihre Umgebung beeinflussen lassen. Im Mannschaftssport kämen sie mit Krafttraining früh in Berührung – doch was für den Kollegen gut sei, sei für einen selbst vielleicht nicht gut, denn jeder Organismus sei individuell. «Aufbauen statt Aufpumpen», lautet Schneiters Ratschlag.

Hier trainiert schon ein 6-Jähriger. Hoffentlich ein Einzelfall. Quelle: Youtube/Zygmunt August M

Ein 13-Jähriger präsentiert seinen Körper - auch eine Menge Öl ist mit im Spiel. Quelle: Youtube/Alien1000000

Brigitte Rychen*, sind viele junge Männer mit ihrem Körper unzufrieden?

Wir stellen eine Zunahme von Essstörungen bei jungen Männern fest. Es ist auffallend, wie Muskulatur bereits ab 13 Jahren zum Thema wird und in der Pubertät noch an Bedeutung gewinnt.

Was sind die Gründe?

Der Druck auf die Jungs nimmt zu, was das Aussehen betrifft. Das kommt einerseits durch das Männerbild in den Medien. Doch auch Beziehungsprobleme und mangelndes Selbstwertgefühl sind Ursachen. Die Gesellschaft fordert Leistung. Auf den Körper bezogen heisst das: Man muss schlank und muskulös sein.

Was können junge Männer tun, die unzufrieden sind?

Eine psychosoziale Beratung ist empfehlenswert. Weil oft mangelndes Selbstwertgefühl für den Muskelwunsch verantwortlich ist, sind Freunde und ein soziales Netz wichtig. Ein bisschen Körperunzufriedenheit gehört bei Teenagern aber dazu.

* Brigitte Rychen arbeitet bei der Fachstelle für Prävention von Essstörungen (PEP) in Bern. (sth)

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