Folgeschäden nach Corona - «Schon am ersten Tag nach der Impfung konnte ich besser atmen»
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Folgeschäden nach Corona«Schon am ersten Tag nach der Impfung konnte ich besser atmen»

Long Covid ist noch kaum erforscht, genauso wenig wie seine Heilung. Zwei Betroffene erzählen, wie die Impfung ihnen Milderung brachte.

von
Carla Pfister

Darum gehts

  • Long-Covid-Betroffene leiden oft Monate nach überstandener Krankheit an Langzeitbeschwerden.

  • Die Covid-Impfung lindert gemäss Erfahrungen von Long-Covid-Patienten die Beschwerden.

  • Zwei Betroffene erzählen, wie sich die Impfung bei ihnen ausgewirkt hat.

Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Abgeschlagenheit, Depression: Long-Covid-Patienten leiden oft noch Monate nach der Erkrankung an Symptomen (siehe Box). Gemäss einer neuen norwegischen Studie litten 61 Prozent der 312 von Covid Genesenen an Langzeitfolgen. Die Nachwehen einer Infektion mit dem Coronavirus und deren Therapie sind bisher wenig erforscht, die Heilungschancen unbekannt.

Das britische Long-Covid-Netzwerk «LongCovidSOS» hat 812 Betroffene über Social Media befragt und festgestellt: 57,7 Prozent der Befragten gaben an, nach der ersten Impfung eine spürbare Verbesserung der Symptome erlebt zu haben. mRNA-Impfstoffe wie Moderna und Pfizer-Biontech zeigten die besten Resultate.

«Ich fiel fast vom Velo»

Auch bei Claudia Jäggi (45, siehe Video) hat die Impfung von Pfizer-Biontech die Long-Covid-Symptome gelindert. Sie erkrankte in der ersten Welle im März 2020 mit einem mittelschweren Verlauf. «Ich hatte Entzündungen an der Lunge und starken Husten. In gewissen Phasen bekam ich zu wenig Luft. Es hat gerade so gereicht, um im Bett zu liegen», so die Heilpädagogin. «Rund einen Monat später fuhr ich mit dem Velo eine gerade Strecke durch Winterthur. Ich bin fast vom Velo gefallen.» Niedergeschlagenheit und permanente Muskelschmerzen seien immer stärker geworden.

Ende April konnte sich Jäggi zum ersten Impftermin anmelden. «Am ersten Tag der Impfung merkte ich bereits, dass ich weniger Mühe habe mit dem Atmen. Die Entzündungsherde in meiner Muskulatur, die man auch im MRI (siehe Box) gesehen hatte, waren weg.» Nach der zweiten Impfung seien ihre Beschwerden nochmals zurückgegangen. Heute fühle sie sich zwar immer noch schneller müde als vor der Erkrankung, sei aber sehr dankbar für die Verbesserung nach der Impfung.

MRI

MRI ist die Abkürzung für Magnetresonanztomographie, ein medizinisches Verfahren. Mittels einem starken Magnetfeld lassen sich Bilder des Gewebes und der Organe erzeugen. Diese Bilder dienen der ärztlichen Diagnose.

Hart traf das Coronavirus auch Florence Bernhard (46). Sie steckte sich im November mit dem Coronavirus an und hatte einen schweren Verlauf. «Ich hatte fast alle Symptome und diese sehr ausgeprägt. Meine Denkfähigkeit war auch schwerwiegend geschwächt», so die selbstständige Unternehmerin. Da sie zuvor sehr sportlich und gesund gewesen sei, hätte niemand bei ihr einen so schweren Verlauf erwartet. «Am liebsten hätte ich einen Rollator gehabt.»

«Die Verbesserungen waren verblüffend»

Nach zwei Monaten stellte die Ärztin schliesslich die Diagnose Long Covid und überwies sie in eine Rehabilitationsklinik. «Und dann kam die erste Impfung», so Bernhard, die den Moderna-Impfstoff erhielt. «Ich hatte schwere Nebenwirkungen und Angst, weil es sich anfühlte, als würde das Ganze noch einmal beginnen.» Sie sei traumatisiert gewesen, sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

«Bei der zweiten Impfung hatte ich dieselben schweren Nebenwirkungen. Doch die Verbesserungen danach waren verblüffend», sagt Bernhard. Eine Woche nach der zweiten Impfung musste sie vor einem Saal voller Studenten ein Referat halten: «Ich war extrem überfordert und dachte, das schaffe ich nie. Aber als ich am Morgen aufwachte, war zum ersten Mal nach der Impfung mein Gehirn-Nebel weg. Ich fühlte mich wieder klar.» Sie habe drei Stunden referiert und mit den Studenten diskutieren können, so Bernhard. «Das hätte ich mir davor nie zugetraut.»

Reset für das Immunsystem

«Ich würde mir sehr wünschen, dass besser darüber aufgeklärt wird, dass die Impfung Long Covid so stark verbessern kann. Gerade auch, weil empfohlen wird, dass Genesene keine zweite Impfung erhalten: Bei mir hat erst die zweite Impfung gewirkt», so Bernhard. Sie fühle sich, als sei ihr Immunsystem wieder in die richtige Bahn gelenkt worden. «Ich würde jedem und jeder Betroffenen empfehlen, sich zweimal impfen zu lassen.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Langzeitfolgen

Long Covid

Die Langzeitfolgen nach überstandener Corona-Erkrankung nennen Experten Long Covid. Betroffene klagen unter anderem über Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Müdigkeit, Atemnot und sogar Depressionen. Häufig treten solche Beschwerden nach einem schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung auf. Aber auch bei Menschen mit leichten Krankheitssymptomen können plötzlich schwere neurologische Ausfälle, Herzprobleme, chronische Erschöpfung auftreten. Eine Schweizer Studie zeigte, dass 25 Prozent der genesenen Teilnehmenden an Long-Covid-Symptome leiden. Unter den Betroffenen erleiden gemäss dem Studienleiter Milo Puhan zwei bis drei Prozent der Post-Covid Patienten «gravierende medizinische Langzeitprobleme».

Hast auch du mit Long Covid zu kämpfen? Der Verein Long Covid Schweiz sowie das Altea-Netzwerk sind Anlaufstellen, wo Betroffene Hilfe finden und sich austauschen können.

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