Tödlicher Tiger-Angriff im Zoo: «Schon der kleinste Fehler kann gravierende Folgen haben»
Aktualisiert

Tödlicher Tiger-Angriff im Zoo«Schon der kleinste Fehler kann gravierende Folgen haben»

Tigerweibchen Irina hat im Zoo Zürich eine erfahrene Pflegerin tödlich verletzt. Laut Experten kann zwar zwischen den Tieren und den Wärtern eine soziale Beziehung entstehen. In seinem Territorium sei ein Tiger aber immer gefährlich.

von
Qendresa Llugiqi
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Tigerweibchen Irina griff die Pflegerin in ihrem Gehege an.

Tigerweibchen Irina griff die Pflegerin in ihrem Gehege an.

Zoo Zürich
Trotz sofortiger Reanimationsmassnahmen kam für die 55-jährige Pflegerin jede Hilfe zu spät.

Trotz sofortiger Reanimationsmassnahmen kam für die 55-jährige Pflegerin jede Hilfe zu spät.

BRK News
Vor dem Zoo waren zeitweise mehrere Polizeiautos parkiert.

Vor dem Zoo waren zeitweise mehrere Polizeiautos parkiert.

Webcam Zoo Zürich

Darum gehts

  • Eine Tigerin hat am Samstag eine Pflegerin im Zoo Zürich angegriffen und tödlich verletzt.
  • Der ehemalige Tierpfleger Rolf Dreier erklärt, wie die Beziehung zwischen einem Pfleger und einem Tiger ist.
  • Ernst Federer, CEO der Abenteuerland Walter Zoo AG, betont: «Ein Tiger bleibt ein Raubtier.»

In der Tigeranlage im Zoo Zürich kam es am Samstagmittag zu einem tragischen Unglück: Eine erfahrene Tierpflegerin (55) wurde vom Tigerweibchen Irina angegriffen. Dabei wurde die Frau so schwer verletzt, dass sie trotz sofortiger Reanimationsmassnahmen an Ort und Stelle verstarb.

Rolf Dreier (69), Direktor des eigenen Mini-Zoos Dreier in Kleinlützel SO, hat viel Erfahrung mit Tigern. 26 Jahre lang war er als Tierpfleger im Basler Zoo tätig. Zu seinen täglichen Aufgaben gehörte die Kontrolle der Tiere, deren Fütterung und die Reinigung der Gehege. «Ich hatte grosse Freude an der Arbeit mit den Tigern, aber auch enormen Respekt. Ich wusste: schon der kleinste Fehler kann gravierende Folgen haben.»

Zwar werde im Zoo mit verschiedenen Sicherheitsmassnahmen darauf geachtet, dass sich Pfleger und Tier nie zur gleichen Zeit im gleichen Bereich aufhalten. Doch: «Leider können Fehler passieren und man vergisst das Tier wegzusperren oder einen Scheibe runterzulassen», sagt Dreier. «Deshalb ist es wichtig, dass die Pfleger ihren Kopf beieinander haben und sich von nichts ablenken lassen – auch nicht von den Besuchern.»

«Ich war abgelenkt, es hätte fatal enden können»

Dreier erinnert sich auch nach Jahren an einen Vorfall im Basler Zoo: «Ich war gerade bei den Bären und einem Mädchen fiel ein Malheft ins Gehege. Gleichzeitig klopfte es laut an der Türe. Obwohl ich nur für wenige Sekunden abgelenkt war, musste ich alles noch einmal kontrollieren. Es hätte fatal enden können.»

Laut Dreier kommt ein Pfleger einem Tiger nur dann nahe, wenn sich dieser dem Gitter nähere. «Es entsteht zwar eine Beziehung, aber keine Freundschaft, wie wir Menschen sie kennen.» Er selbst habe während seiner Zeit als Tierpfleger im Zoo eine tolle Beziehung zu einem Tiger gehabt: «Vor dem Fressen kam der Tiger jeweils ans Gitter und wollte gekrault werden. Dennoch war mir bewusst, dass er der Chef in seinem Territorium war und dieses beschützen würde.»

«Ein Tiger bleibt ein Raubtier»

Ähnlich sieht es Ernst Federer, CEO der Abenteuerland Walter Zoo AG. «Zwar kann durch die Zuwendung und Fürsorge eine soziale Beziehung zwischen Tierpfleger und Tiger entstehen, trotzdem ist es wichtig, dass ein Tierpfleger weiss, dass ein Tiger ein Raubtier bleibt. Man darf ihn nicht vermenschlichen.» Die Pfleger würden sich noch immer in einem Beuteschema bewegen, in dem sie den Kürzeren ziehen: «Nur weil ich mich um den Tiger gesorgt habe, bedeutet es nicht, dass er mich nicht etwa als Nahrung oder Bedrohung ansieht, wenn ich in sein Territorium platze», sagt Federer. «Vielleicht sieht mich der Tiger in diesem Moment aber auch als Spielgefährten. Leider können wir Menschen da aber körperlich nicht mithalten.»

Federer bestätigt, dass sich Pfleger und Tiger im Gehege nie begegnen. Auch nicht für medizinische Anwendungen. «Bei grösseren Eingriffen wird ein Tiger zunächst in Narkose versetzt. Erst wenn wir sicher sind, dass die Wirkung eingesetzt hat, betreten wir sein Revier», erklärt Federer. Für kleinere Eingriffe setze man auf Medizinaltraining, beispielsweise wenn der Pfleger kurz die Ohren, das Maul oder die Krallen kontrollieren müsse. «Dann wird das Tier an das Gitter geholt, etwa durch Kommandos, wie Handzeichen, Farben oder Rufe. Dabei rufen wir entweder die Namen der Tiere oder geben einfache Kommandos. Natürlich verstehen die Tiere keine Worte, orientieren sich aber an der Tonwahl. Die Vorbereitung dafür dauert je nach Tier ein halbes bis ein Jahr. Hier kommt dann das Vertrauen zum Zug, welches durch die tägliche Fürsorge geschaffen wird.»

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