Aktualisiert 27.09.2018 11:59

Verletzter am Bahnhof

«Schon ein Notruf ist eindeutig Zivilcourage»

In Dietikon haben Passanten ein Foto von einem verletzten Mann gemacht, ihm aber nicht geholfen. Eine Expertin erklärt mögliche Gründe.

von
J. Käser/D. Krähenbühl
1 / 5
Dieses Foto haben Leser-Reporter in Dietikon ZH aufgenommen. Ein junger Mann liegt blutüberströmt am Boden. Hilfe? Fehlanzeige!

Dieses Foto haben Leser-Reporter in Dietikon ZH aufgenommen. Ein junger Mann liegt blutüberströmt am Boden. Hilfe? Fehlanzeige!

Am Bahnhof Dietikon komme es immer wieder zu tätlichen Auseinandersetzungen, sagen die Passanten, die sich nicht um den Verletzten kümmerten. Sie hätten wahrscheinlich auch aus Angst nicht geholfen.

Am Bahnhof Dietikon komme es immer wieder zu tätlichen Auseinandersetzungen, sagen die Passanten, die sich nicht um den Verletzten kümmerten. Sie hätten wahrscheinlich auch aus Angst nicht geholfen.

Google Maps
Die Polizei sagt, dass Dietikon kein Gewalt-Hotspot sei, und rät, bei Auseinandersetzungen nicht einzugreifen. Stattdessen solle man so schnell wie möglich die Polizei informieren.

Die Polizei sagt, dass Dietikon kein Gewalt-Hotspot sei, und rät, bei Auseinandersetzungen nicht einzugreifen. Stattdessen solle man so schnell wie möglich die Polizei informieren.

Keystone/Gaetan Bally

Ein Mann lag blutüberströmt am Boden. Ein Passant ging an ihm vorbei, schoss ein Foto, half dem Verletzten aber nicht. Zu 20 Minuten sagt er, er habe nicht in eine Auseinandersetzung verwickelt werden wollen und sowieso keine Zeit gehabt. Sind das die typischen Gründe dafür, dass jemand wegsieht?

Nein, eigentlich nicht. Menschen helfen hilfsbedürftigen oder verletzten Personen häufig deshalb nicht, weil sie schlicht nicht wissen, wie man sich richtig verhält – sie fragen sich: Was kann ich tun? Oft spielt auch die Angst eine Rolle, die Situation für das Opfer nur noch schlimmer zu machen oder selbst zum Ziel eines Übergriffs zu werden. Und selbst wenn jemand genau wüsste, wie er sich in einer solchen Situation korrekt verhalten kann, ist es oft sehr schwer, dieses Wissen in derartigen Stresssituationen in die Tat umzusetzen. Wir verlieren unter diesem Stress den klaren Kopf.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wird eine Person gefragt, wie die stabile Seitenlage bei einem bewusstlosen Menschen herzustellen ist, können das die allermeisten Menschen, die einen Nothelferkurs besucht haben, korrekt beschreiben. Kommen diese Leute dann jedoch an einen Unfallort, können sie vor lauter Aufregung nicht auf dieses Wissen zugreifen. Auch löst beispielsweise die Angst, mit Blut in Kontakt zu kommen, bei vielen Menschen eine ganz natürliche Abwehrreaktion aus.

Das bedeutet also, dass wir schon helfen möchten, aber aus Überforderung oder Angst einfach nicht können?

In häufigen Fällen ist das so, aber nicht immer. Ferner ist es entscheidend, worin man die Ursache für die Notsituation des Opfers sieht. Hält man das Opfer für selbst verantwortlich und denkt sich etwa, dass diese Person selbst schuld sei, da sie alkoholisiert ist, dann entsteht bei den potentiellen Helfern weniger Mitleid und eine geringere Hilfsbereitschaft. Sie sagen sich, dass das Opfer die Notsituation eigentlich hätte verhindern können, hätte es nicht getrunken. Glauben die Leute andererseits, dass das Opfer unverschuldet in eine Notlage geraten ist, empfinden sie Mitleid, aus dem wiederum Hilfsbereitschaft resultiert.

Ist es eine generelle Eigenschaft unserer Gesellschaft, dass wir uns immer weniger füreinander interessieren und deshalb auch nicht einschreiten, wenn jemand Unbekanntes in eine Notlage gerät?

Es gibt zwar empirische Hinweise, dass in grossen Städten, in denen Anonymität herrscht, die Hilfsbereitschaft geringer ausgeprägt ist als in kleineren, überschaubaren Regionen. Ich persönlich würde der häufig geäusserten pessimistischen Einschätzung, dass wir uns immer weniger füreinander interessieren, aber nicht zustimmen. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Menschen sich ehrenamtlich für andere Menschen engagieren, etwa in der Pfadi, beim Roten Kreuz und in vielen anderen Organisationen.

Das heisst, dass wir uns trotz der zunehmenden Individualisierung nicht weniger für andere Leute einsetzen und ihnen helfen?

Es gibt keine belastbaren empirischen Befunde, die einen Zeitvergleich erlauben würden. Es hat immer Beispiele von herausragendem Mut und Einsatz für andere gegeben. Dabei denke ich etwa an die Menschen im Nationalsozialismus, die ihr Leben riskiert und verloren haben im Kampf gegen Unrecht und Terror. Aber auch gibt es Menschen, die sich heute für geflüchtete Menschen engagieren.

Sehr viele unserer Leser behaupteten, sie hätten natürlich ganz anders reagiert, wenn sie in die Situation in Dietikon geraten wären. Heisst das, dass wir doch grösstenteils sehr couragiert sind?

Viele Menschen teilen Werte wie Solidarität, Hilfsbereitschaft, Mut und viele weitere. Doch wie bereits erwähnt, hapert es manchmal mit der Umsetzung dieser Werte in Handeln – man hört dann sehr oft: «Ich weiss, ich hätte eingreifen und helfen sollen, aber …»

Kann man lernen, sich couragiert zu verhalten, oder ist das ein Charaktermerkmal?

Ja, das können wir lernen. Es gibt Zivilcourage-Trainings, in denen Wissen zu den psychologischen Prozessen in kritischen Situationen vermittelt wird. Weiter wird dieses Wissen mittels Rollenspielen und mentalen Simulationsübungen angewendet.

Diverse Leser haben geschrieben: «Um die Polizei anzurufen, braucht es keine Zivilcourage, das ist doch normal.» Könnten Sie das kommentieren?

Das ist der grosse Irrtum. Einen Notruf abzusetzen, statt einfach wegzuschauen, ist ein klares Zeichen von Zivilcourage im Sinne von «Ich übernehme Verantwortung!» Es herrscht manchmal ein grosses Missverständnis zum Begriff der Zivilcourage: Kleine Schritte statt Heldentaten – das ist das Motto, das uns leiten muss. Es gilt, sich selbst nie in Gefahr zu bringen, aber nicht tatenlos zu bleiben.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.