Vogelwarte Sempach: Schon eine einzelne Person kann die Vogelbestände im Wald stören
Publiziert

Vogelwarte SempachSchon eine einzelne Person kann die Vogelbestände im Wald stören

Mit dem Frühling gehen auch wieder mehr Menschen nach draussen. Auch wegen des Coronavirus sind mehr Leute in der Natur unterwegs. Das kann aber für Vögel fatal sein.

von
Gianni Walther
1 / 3
Das Auerhuhn reagiert sehr sensibel auf Störungen und profitiert stark von Wildruhezonen.

Das Auerhuhn reagiert sehr sensibel auf Störungen und profitiert stark von Wildruhezonen.

Markus Varesvuo
Störungen, wie sie etwa durch Klettern und Geocaching entstehen, können für Felsbrüter wie den Uhu verhängnisvoll sein.

Störungen, wie sie etwa durch Klettern und Geocaching entstehen, können für Felsbrüter wie den Uhu verhängnisvoll sein.

Ralf Kistowski
Der Flussregenpfeifer ist in der Schweiz stark gefährdet. Hauptgrund ist die Zerstörung natürlicher Flussläufe, seines bevorzugten Lebensraums.

Der Flussregenpfeifer ist in der Schweiz stark gefährdet. Hauptgrund ist die Zerstörung natürlicher Flussläufe, seines bevorzugten Lebensraums.

Marcel Burkhardt

Darum gehts

  • Durch die Einschränkungen während der Coronavirus-Pandemie und den einsetzenden Frühling verbringt die Bevölkerung wieder mehr Freizeit im Freien.

  • Bei ihren Freizeitaktivitäten dringen Menschen in Lebensräume von Tieren vor: Vögel werden dabei während ihrer Brutzeit gestört.

  • Störungen durch Menschen gelten als eine der wichtigsten Ursachen beim Rückgang der Vogelarten.

  • Das hat laut der Vogelwarte Sempach Folgen: Im Extremfall verlassen Vögel sogar ihre Brut.

  • Schon die Anwesenheit einer einzelnen Person im Wald kann dazu führen, dass sich dort weniger Vögel niederlassen.

Die Sonne scheint, die Vögel pfeifen und überall spriessen die Pflanzen: Mit dem Frühling erwacht die Natur zu neuem Leben. Aber auch die Menschen bewegen sich mit den steigenden Temperaturen wieder vermehrt in der freien Natur: «Die Einschränkungen der letzten Monate animieren immer mehr Schweizerinnen und Schweizer zu Freizeitaktivitäten im Freien», teilt die Schweizerische Vogelwarte in Sempach mit.

So erholsam ein Ausflug im Freien auch sein kann: Menschen können dabei Tiere stören. Bei einigen Vogelarten hat nämlich die Brutzeit bereits begonnen. «In dieser Zeit sind sie besonders verletzlich und können durch Störungen schnell negativ beeinflusst werden», sagt Livio Rey, Mediensprecher der Vogelwarte. «Problematisch sind Störungen, die unregelmässig und plötzlich auftreten», so Rey weiter. Probleme bereiten könnten etwa Menschen, die durchs Unterholz gehen oder beim Baden Tiere aufschrecken. «Viele Vögel können sich an Lärm gewöhnen, der beispielsweise von Spaziergängern verursacht wird. Woran sie sich aber nie gewöhnen, ist das Eindringen in ihren Lebensraum.» So könnten Tiere schon durch die Silhouette eines Menschen aufgeschreckt werden. Da helfe es auch nicht, wenn sich Personen abseits der Wanderwege auf ihren leisesten Sohlen bewegen, weil jede Bewegung die Vögel aufschreckt. Rey: «Auch Raubtiere sind ja bei der Jagd still.»

Die Vogelwarte gibt Tipps

Freizeitaktivitäten im Freien ausüben und die Natur geniessen, gleichzeitig aber respektvoll mit ihr und ihren Bewohnern umgehen? Das ist möglich, wenn man:

  • Wildruhezonen und Schutzgebiete respektiert

  • auf markierten Wegen bleibt

  • Abstand zu den Vögeln hält

  • die Vögel nicht am Nest stört

Auswirkungen während der Brutzeit am schlimmsten

Die Präsenz des Menschen kann grosse Auswirkungen haben: «Bereits die Anwesenheit einer einzelnen Person in einem Wald kann dazu führen, dass sich dort weniger Vögel niederlassen.» So hätte die Vogelwarte beispielsweise ein Experiment in einem grossen Waldgebiet gemacht, das nicht von Wegen durchschnitten ist. Zweimal täglich sei eine Person durch das Gebiet gelaufen mit einem Lautsprecher, aus dem menschliche Stimmen kamen. «Bei dem Experiment konnte gezeigt werden, dass sich im Gebiet 15 Prozent weniger Vögel niedergelassen haben als im Kontrollgebiet, in dem keine Menschen vor Ort waren.»

Deshalb ist es laut Rey wichtig, dass beim Wandern in der Natur Wildruhezonen und Schutzgebiete respektiert werden. Wer in der Natur einen Ausflug oder Sport treiben will, sollte auf markierten Wegen bleiben, damit die Tiere ihre Ruhe haben. Denn: Wenn Vögel gestört werden, kann dies verschiedene Auswirkungen haben. So würden die Tiere die Flucht ergreifen, ihre Nahrungssuche unterbrechen oder auch mit einem erhöhten Stresslevel reagieren, was einen unnötigen Energieverbrauch zur Folge habe.

«Während der Brutzeit sind die Auswirkungen von Störungen am gravierendsten und können im Extremfall zum Verlassen der Brut führen.» Stress könne beispielsweise bei Vogelweibchen aber auch dazu führen, dass diese weniger gut in der Lage sind, gesunde Eier zu produzieren. Dadurch könnten sogar die Überlebenschancen der Küken sinken.

Achtung Hühner… und Watvögel!

Die Brutzeit ist für alle Vogelarten eine sensible Phase, aber einige Arten reagieren auch im Winter besonders stark auf Störungen. Insbesondere Raufusshühner (Auerhuhn, Birkhuhn, Alpenschneehuhn) müssen während des Winters haushälterisch mit ihren Energiereserven umgehen. Störungen durch Schneesport wie Schneeschuhwandern oder Skitouren können zur Flucht führen, deren zusätzlicher Energieaufwand die Überlebenschancen verringert. Zudem kann der dadurch erzeugte Stress den Bruterfolg im Frühjahr beeinträchtigen.

Wer es etwas gemässigter mag und sich bei schönem Wetter am Fluss entspannt, sollte auf Flussregenpfeifer und Flussuferläufer achten. Diese Watvögel brüten auf den steinigen Uferflächen und auf Kiesinseln naturnaher Flüsse. Ihr Bestand ist bereits durch den massiven Lebensraumverlust bedroht, Störungen während der Brutzeit setzen sie zusätzlich unter Druck.

Deine Meinung

76 Kommentare