Fall Katrin Wilde: Schon einmal wurde eine Moderatorin gemobbt
Aktualisiert

Fall Katrin WildeSchon einmal wurde eine Moderatorin gemobbt

Sie war jung, sie war talentiert und sie war Deutsche. Letzteres wurde der Energy-Moderatorin Katrin Wilde im Herbst 2007 zum Verhängnis. Als erste deutsche Radiostimme in Zürich wurde sie aus der Schweiz gemobbt.

von
Marius Egger

Sie ist jung, ein Männertraum und Deutsche. Jetzt steht Alena Gerber unter Beschuss der SVP-Polterer Hess und Fehr (20 Minuten Online berichtete). Dass eine Deutsche als Moderatorin von usgang.tv die Schweizer bezirzt, passt den Politikern nicht. Moderatorin? Deutsche? Kritik? Da war doch was?

Besser, integrationswillig, unter Beschuss

Am 20. August 2007 moderierte Katrin Wilde zum ersten Mal die Morgenshow von Radio Energy. «Bei über 22 000 Deutschen in der Stadt Zürich verträgt es eine sympathische deutsche Stimme im Radio», sagte Energy-Geschäftsführer Dani Büchi damals zu 20 Minuten und doppelte nach. «Katrin war einfach besser als alle Schweizer Bewerber. Jung, erfahren und talentiert», sagte er gegenüber der «NZZ am Sonntag». Und die Jungmoderatorin wollte sich schnellstens integrieren: «Ich suche dringend ein Schweizerdeutsch-Wörterbuch.» Doch mit dem ersten Sendemorgen begann für die 22-jährige deutsche Moderatorin der Spiessrutenlauf.

Drohungen unter der Gürtellinie

Innert drei Monaten erhielt Wilde gegen 600 E-Mails. Einige waren aufmunternd, andere neutral. Viele waren allerdings mies und rassistisch. «Und weitere fünfzig waren unter jeder Sau», so Büchi in der «NZZaS». «Drei davon lebensbedrohend.» Inhalt der anonymen Schreiben: «Ihr Deutschen seid eine Epidemie», «Frau Wilde, wenn Sie das nächste Mal in Ihr Land fahren, nehmen Sie den Viehtransporter, pferchen all Ihre Landsleute rein und bleiben, wo sie herkommen.» Und noch eine Schublade tiefer: «Schade, dass die Gasöfen in Deutschland abgestellt wurden. Denn da gehören Sie hin.»

Es blieb nicht nur bei verbalen Drohungen. Drei Wochen nach ihrem ersten Auftritt in der Morgenshow schlugen Unbekannte ein Seitenfenster ihres Autos ein. «Zwei Tage später kam ein anonymes Schreiben beim Sender an, in dem stand, das sei nur eine Warnung gewesen», sagte Wille in einem Interview mit dem deutschen Magazin «Focus». Die Polizei wurde eingeschaltet. Wille ging nach dem Vorfall nicht mehr ohne Alarmknopf aus dem Haus, mit dem sie im Notfall eine Sicherheitsfirma hätte alarmieren können. Und Wildes Vater Richard zeigte sich gegenüber 20 Minuten Online besorgt: «Erst wurde sie bedroht und jetzt wurde ihr Auto demoliert, was passiert als nächstes?»

«Keine Chance den Deutschen»

Trotz vielen Solidaritätsbekundungen, die bei Radio Energy in den darauffolgenden Tagen eingingen, wurde es um Wilde nicht ruhiger. Anfang Oktober beklagte sie in einem Interview im «Focus»: «Ich erlebe hier eine Borniertheit, die ich so nicht kannte. In der Schweiz gibt es eine Menge Leute, die sagen: Deutsche wollen wir hier nicht, und denen geben wir auch keine Chance.» Wilde besänftigte damit ihre Kritiker nicht – im Gegenteil. Die Reaktionen wurden noch heftiger. Katrin Wilde, damals 22 Jahre jung, flüchtete zu ihren Eltern nach Saarbrücken. Gerüchte machten die Runde, Wilde sei psychisch kollabiert und brauche viel Ruhe. Wilde, das ist kein Gerücht, kam nie wieder.

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