Aktualisiert 20.02.2017 11:16

Zu viele Gymi-Schüler

«Schon jetzt fehlen uns Elektriker oder Bäcker»

Die meisten Schweizer sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten im Vergleich zu Lehrlingen gibt. Zu Recht?

von
D. Pomper
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59 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt. Nur 2 Prozent finden, dass es zu viele Lehrlinge gibt. 20 Prozent halten das Verhältnis für genau richtig. Das zeigen die Resultate der neuesten Vimentis-Umfrage.

59 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt. Nur 2 Prozent finden, dass es zu viele Lehrlinge gibt. 20 Prozent halten das Verhältnis für genau richtig. Das zeigen die Resultate der neuesten Vimentis-Umfrage.

«Schon jetzt fehlen uns Elektriker oder Bäcker. Gleichzeitig gibt es immer mehr Akademiker, die keinen Job finden», sagt SVP-Nationalrat Felix Müri.

«Schon jetzt fehlen uns Elektriker oder Bäcker. Gleichzeitig gibt es immer mehr Akademiker, die keinen Job finden», sagt SVP-Nationalrat Felix Müri.

Keystone/Gian Ehrenzeller
«Es gibt mit Sicherheit nicht zu viele Gymnasiasten», sagt dagegen Bildungspolitikerin Kathy Riklin (CVP). Sonst würde die Schweiz ja nicht gezwungen sein, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.

«Es gibt mit Sicherheit nicht zu viele Gymnasiasten», sagt dagegen Bildungspolitikerin Kathy Riklin (CVP). Sonst würde die Schweiz ja nicht gezwungen sein, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.

Keystone/Peter Klaunzer

Besser ein bodenständiger Schreiner als ein Maturand mit Lateinkenntnissen: 59 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt. Nur 2 Prozent finden, dass es zu viele Lehrlinge gibt. 20 Prozent halten das Verhältnis für genau richtig. Das zeigen die Resultate der neusten Vimentis-Umfrage (siehe Box). Mit zunehmendem Alter steigt die Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten gibt, an. Insbesondere die SVP-, BDP-, Lega- und EDU-Wähler vertreten diese Meinung.

Was denken Sie als Lehrling über Gymnasiasten und umgekehrt? Schreiben Sie uns.

In der Schweiz betrug 2015 die gymnasiale Maturitätsquote 20,1 Prozent. Frauen erlangten mit 23,7 Prozent häufiger die gymnasiale Matur als Männer (16,7 Prozent). Die Maturitätsquote steigt stetig an: 1980 lag sie noch bei 10,6 Prozent. Die totale Maturitätsquote unter Berücksichtigung der Berufs- und Fachmaturität betrug 2015 37,5 Prozent. 2008 lag sie bei 32,2 Prozent, 2010 bei 33,9 Prozent. Im internationalen Vergleich ist die gymnasiale Maturitätsquote tief. In Deutschland liegt die Quote der Abiturienten bei rund 40 Prozent, in Frankreich sogar bei 80 Prozent.

«Viele Eltern überschätzen ihre Kinder»

Eine solche Entwicklung gelte es dringend zu verhindern, sagt Felix Müri, SVP-Nationalrat und Präsident der Bildungskommission: «Schon jetzt fehlen uns Elektriker oder Bäcker. Gleichzeitig gibt es immer mehr Akademiker, die keinen Job finden.» Gemeinsam mit dem Gewerbeverband und der Organisation der Arbeitswelt (OdA) wolle man nun Gegensteuer geben und Schüler und ihre Eltern frühzeitig auf die Vorteile des dualen Bildungssystems aufmerksam machen.

«Es gibt Eltern, die ihre Kinder überschätzen und sie auf Teufel komm raus ans Gymi prügeln. Sie glauben, dass aus ihrem Kind nichts wird, wenn es nicht studiert», sagt Müri. Vor allem bei vielen ausländischen Eltern sei dies zu beobachten.

«Nicht-Gymnasiasten leiden unter falschem Minderwertigkeitskomplex»

«Es gibt mit Sicherheit nicht zu viele Gymnasiasten», sagt dagegen Bildungspolitikerin Kathy Riklin (CVP). Sonst würde die Schweiz ja nicht gezwungen sein, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Riklin erklärt sich das Umfrageresultat mit dem Fakt, dass die Mehrheit der Schweizer keine Matura habe: «Offenbar leiden viele Personen mit einem Lehrabschluss unter falschen Minderwertigkeitskomplexen und lassen ihren Frust an den Gymnasiasten ab.» Die SVP wisse die beiden Seiten gezielt gegeneinander auszuspielen.

Dabei sei ein hohes Ausbildungsniveau wichtig für die technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz. «Spätestens wenn Brücken einstürzen, weil wir keine Ingenieure mehr haben, oder Patienten bei einem Heiler landen statt bei einem Arzt, dürfte allen bewusst werden, wie wichtig Gymnasiasten für unsere Gesellschaft sind», sagt ETH-Absolventin Riklin.

Die Umfrage

Die Vimentis Online-Umfrage mit 21'337 Teilnehmern wurde zwischen dem 3. Oktober und dem 17. Dezember 2016 durchgeführt. Die Stichprobe wurde nach den Kriterien Bildung, Geschlecht, Region (Kanton) und Alter gewichtet.

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