Erbadel des Bundeshauses: Schon Papi sass im Parlament
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Erbadel des BundeshausesSchon Papi sass im Parlament

Zehn Parlamentarier aus allen grossen Parteien haben eines gemeinsam: einen Vater oder Onkel, der auch schon im Bundeshaus sass. Vetternwirtschaft? Nicht doch, sagen die Söhne.

von
Simon Hehli

Wenn in Afrika ein Potentatensohn das Amt seines Vaters erbt, sich in Griechenland zwei Familien über Generationen hinweg die Macht streitig machen oder Bush Junior in die Fussstapfen von Bush Senior tritt, rümpfen Schweizer gerne die Nase: Politikerdynastien sind im Land von Basisdemokratie und Wilhelm Tell suspekt. Doch auch die Eidgenossenschaft hat eine Art von Erbadel. Er sitzt hierzulande im Parlament.

Wer die Mitgliederliste der Bundesversammlung aus den 80er-Jahren durchforstet, stösst auf verdächtig viele Namen, die auch jetzt in Bern vertreten sind. Das kommt nicht von ungefähr: Sieben heutige Nationalräte haben Väter, die bereits im Parlament aktiv waren. Es sind die vier Sozialdemokraten Marina Carobbio, Max Chopard, Jean Christophe Schwaab und Alexander Tschäppät sowie die drei Bürgerlichen Jean-François Rime (SVP), Christian Wasserfallen und Jean-René Germanier (beide FDP).

Damit nicht genug: CVP-Chef Christophe Darbellay und Parteikollegin Ruth Humbel haben Onkel mit Vergangenheit im Bundeshaus. Und SVP-Mann Lukas Reimann sitzt sogar zusammen mit seinem Onkel und Parteikollegen Maximilian im Rat. Reimann Junior ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Apfel auch bei der politischen Gesinnung nicht weit vom Stamm fällt: Alle Politikersprösslinge sind der Partei ihrer Väter oder Onkel treu geblieben – mit einer Ausnahme: Der Freiburger Rime kehrte 2002 der FDP den Rücken, weil sie ihm zu links geworden war.

Die beiden Startvorteile der Politikerkinder

Zehn Nationalräte aus Politikerfamilien und dazu noch Bundesratstochter Eveline Widmer-Schlumpf in der Landesregierung – ist die Schweizer Politik ein Hort der Vetternwirtschaft? Nein, sagt der Lausanner Politologe Georg Lutz. Das Schweizer Wahlsystem lasse es gar nicht zu, dass Parteien einfach nach Belieben Vertreter ihrer internen Oligarchie im Parlament platzieren: Im Gegensatz zu anderen Ländern können die Schweizer Bürger die Wahllisten abändern – und dementsprechend Kandidaten streichen, wenn sie den Verdacht des Nepotismus erregen.

Dass trotzdem Politikerkinder überproportional im Nationalrat vertreten sind, ist für Lutz aber kein Zufall. Sie hätten zwei Startvorteile. Erstens bekämen sie bereits als Kinder und Jugendliche mit, wie das Handwerk der Politik funktioniert: das Interesse an politischen Ideen und wie sie sich umsetzen lassen, das Vernetzen und die Debatten. «Das ist wie bei Unternehmerkindern, die ganz natürlich in die Firma des Vaters hineinwachsen», so Lutz.

Zweitens sei die Bekanntheit die härteste Währung im Schweizer Politiksystem: Bei Listen mit 25 Personen könnten die Wähler die Kandidaten kaum nach politischen Inhalten differenzieren, sagt Lutz. «Ein prominenter Name hilft da sicher.»

Sich das eigene Profil erkämpfen

Christian Wasserfallen, Sohn des früheren Berner Nationalrats und umstrittenen Polizeidirektors Kurt Wasserfallen, stellt eine gewisse Privilegierung nicht in Abrede. Er und sein Bruder hätten dank der Zutrittbadges des Vaters bereits früh Erfahrungen im Bundeshaus gesammelt und die FDP-Parteiprominenz kennengelernt. Doch seinem Namen sei die Wahl in den Nationalrat nur zum Teil zu verdanken: «Hätte ich zuvor im Stadtrat Däumchen gedreht, wäre ich nicht gewählt worden.»

Im Bundeshaus angekommen, sei die grösste Herausforderung gewesen, vom «Anhängsel» des Vaters zum Akteur zu werden, erinnert sich Wasserfallen. Ähnlich sieht es Max Chopard, dessen gleichnamiger Vater von 1969 bis 1987 für die Aargauer SP im Nationalrat sass. «Innerparteilich hatte ich einen schweren Stand, ich musste mir ein eigenständiges Profil erarbeiten.»

Dieser Nachteil sei aber dadurch aufgehoben worden, dass sein Name schon bekannt war, als er zum ersten Mal für ein öffentliches Amt kandidierte, sagt Chopard. Es sei nicht so, dass Politikerkinder automatisch in die Fussstapfen von Vater oder Mutter treten, fügt er an: «Ich bin das jüngste von sechs Kindern und als einziges in der Politik aktiv – obwohl wir natürlich alle durch die Diskussionen am Familientisch geprägt wurden.»

Manchmal scheitern die Kinder auch

Dass eine solche Prägung durch einen Parlamentariervater nicht unbedingt für eine Karriere im Bundeshaus reicht, mussten mehrere Politikersprösslinge bei den Wahlen 2011 erfahren. Die Aargauer EVP-Grossrätin Lilian Studer, Tochter von Alt-Nationalrat Heiner Studer, schaffte die Wahl nicht. Ebenso wenig CVP-Kommunikationschefin Marianne Binder, die eigentlich doppelt prädestiniert wäre für das Amt: Ihr Vater Anton Keller sass für die Aargauer CVP im Nationalrat, ihr Schwiegervater Julius Binder im National- und Ständerat.

Und Alexander Tschäppät, dem Sohn des ehemaligen Berner Stadtpräsidenten Reynold Tschäppät, gelang das Comeback im Nationalrat trotz Promibonus nicht direkt. Nur weil er für den in den Ständerat gewählten Hans Stöckli nachrücken durfte, kann er nun seine vierte Legislatur in Angriff nehmen – und mit dem Vater gleichziehen, der einst selber 16 Jahre in der Grossen Kammer politisierte.

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