Tötungsdelikt in Hombrechtikon ZH – «Schon wieder ein Femizid und ein ganz brutaler dazu»
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Tötungsdelikt in Hombrechtikon ZH«Schon wieder ein Femizid und ein ganz brutaler dazu»

In Hombrechtikon hat sich letztes Jahr ein Femizid ereignet. Der Staatsanwalt verlangt für den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren.

von
Stefan Hohler
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Beim Opfer handelte es sich um eine 44-jährige Schweizerin.

Beim Opfer handelte es sich um eine 44-jährige Schweizerin.

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Der mutmassliche Täter ist ein heute 48-jähriger Pole. An jenem Abend hatte die Frau gesagt, dass sie die Beziehung beenden möchte, was der Freund nicht akzeptierte.

Der mutmassliche Täter ist ein heute 48-jähriger Pole. An jenem Abend hatte die Frau gesagt, dass sie die Beziehung beenden möchte, was der Freund nicht akzeptierte.

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Laut Anklageschrift hat er seine Freundin mit Faustschlägen und Fusstritten zu Tode geprügelt.

Laut Anklageschrift hat er seine Freundin mit Faustschlägen und Fusstritten zu Tode geprügelt.

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Darum gehts

  • Beim Femizid von Hombrechtikon handelt es sich laut Staatsanwalt um Mord.

  • Der beschuldigte Pole soll für 18 Jahre ins Gefängnis und für 15 Jahre des Landes verwiesen werden.

  • Die Anwältin des Beschuldigten fordert einen Freispruch und Entschädigung für die Haft.

«Schon wieder ein Femizid und ein ganz brutaler dazu», so beginnt der Staatsanwalt sein Plädoyer am zweiten Prozesstag vor dem Bezirksgericht Meilen. Der Beschuldigte habe seine Freundin, eine 44-jährige Schweizerin mit russischen Wurzeln, im März 2020 in einer Wohnung in Hombrechtikon ZH mit Fäusten und Fusstritten buchstäblich totgeschlagen.

An jenem Abend hatte die Frau gesagt, dass sie die Beziehung beenden möchte, was der Freund nicht akzeptierte und ausrastete. «Er hat auf ihre Trennungsabsichten mit Kränkung, Wut, Rache und Selbstjustiz reagiert», sagt der Staatsanwalt am Montag vor Gericht. Zwar sei der Mann nicht geständig, die Beweislage aber erdrückend. Das spätere Opfer sei noch alleine und selbständig am frühen Abend des 3. März 2020 in sein Zimmer eines ehemaligen Gasthauses gekommen. «Damit kann davon ausgegangen werden, dass ihr die Verletzungen vor Ort zugefügt wurden», sagt der Staatsanwalt. Nur der ebenfalls anwesende Beschuldigte komme als Mörder in Frage, eine Dritttäterschaft könne ausgeschlossen werden.

Nachbarn hätten Streit und Lärm gehört und der Beschuldigte habe zu einem Nachbarn gesagt: «zweite Frau kaputt». Das medizinische Gutachten schliesse aufgrund des Verletzungsbildes aus, dass die stark alkoholisierte Frau durch einen Sturz starb, sagt der Staatsanwalt. Er verlangt wegen Mordes eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren und eine Landesverweisung von 15 Jahren.

Ähnlicher Fall schon ein Jahr zuvor

Der Anwalt des damals 14-jährigen Sohnes der Verstorbenen fordert eine Genugtuung von 50’000 Franken. Der Sohn habe mit seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt, obwohl sie nach der Trennung nicht mehr zuhause wohnte. Der Anwalt erwähnt einen ähnlichen Fall aus der Hombrechtiker Alkoholikerszene vom Sommer 2019. Damals sei eine andere Freundin des Beschuldigten wegen einer angeblichen Sturzverletzung ins Spital eingeliefert worden, wo sie später an einer Hirnblutung starb. Rückblickend wäre eine vertiefte Abklärung der Todesursache sinnvoll gewesen, sagt der Anwalt.

Verteidigerin fordert Freispruch und Haftentlassung

Die Anwältin des Polen verlangt einen Freispruch sowie Genugtuung und Schadenersatz von knapp 200’000 Franken für die seit März 2020 andauernde Haft. Ihr Mandant sei nach dem Urteil aus dem Gefängnis zu entlassen. Sie kritisiert den «Ermittlungseifer» des Staatsanwaltes, welcher erst nach einem zweiten rechtsmedizinischen Gutachten aus Deutschland die Anklageschrift verfassen konnte. «Es wurde von der ersten Stunde an einseitig ermittelt», sagt die Anwältin. Während das Aktengutachten von Bonn von einem Tötungsdelikt ausgeht, schreibe das Obduktionsgutachten des Instituts für Rechtsmedizin IRM Zürich, dass ein Tötungsdelikt nicht ausgeschlossen werden könne.

Laut der Rechtsanwältin waren die beiden verliebt. Sie hätten aus ihren Zimmern der heruntergekommenen Liegenschaft in Hombrechtikon ausziehen und gemeinsam eine Wohnung suchen wollen. «Die Frau hat noch am Nachmittag des 3. März 2020 eine Vierzimmerwohnung besichtigt», sagt die Anwältin. Dies sei ein Hinweis, dass sie zusammen wohnen wollten und eine Trennung kein Thema war. Wo sich die Frau bis zum Eintreffen in ihrem Zimmer am frühen Abend aufhielt, sei nicht bekannt. Klar aber sei, dass sie mit 3,7 Promille stark betrunken war. Fazit der Anwältin: Die tödlichen Verletzungen hätte ein Unbekannter der Frau zufügen können oder viel naheliegender: Sie hat sich bei einem Sturz oder mehreren Stürzen so schwer verletzt. Auch die Wiederbelebungsversuche der Feuerwehrleute vor Ort hätte zu den Rippenbrüchen führen können.

Mit den Parteivorträgen ist das Beweisverfahren abgeschlossen. Wann das Urteil gefällt wird, ist noch offen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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