Staatsbesuch von Gül: Schon wieder grosser Bahnhof in Bassersdorf?
Aktualisiert

Staatsbesuch von GülSchon wieder grosser Bahnhof in Bassersdorf?

Der Bahnhof Bassersdorf ZH wird am Donnerstag gesperrt. Warum, darüber schweigen alle Stellen. Das Geheimnis liegt gerade deshalb auf der Hand.

von
Amir Mustedanagic

Der letzte Staatsbesuch hallt in Bassersdorf ZH noch nach: Die Bilder von den geschlossenen Geschäften, den Scharfschützen auf den Dächern und dem weiträumig abgesperrten Gebiet rund um den Bahnhof sind den Anwohnern noch in guter Erinnerung. Für rund eine Stunde legte der russische Staatspräsident Dmitri Medwedew mit seinem Besuch im September 2009 den gesamten Bahnhof lahm. Zwischen 11.45 Uhr und 12.50 Uhr hielt am Bahnhof der beschaulichen Zürcher Gemeinde ausser dem Sonderzug für den hohen Gast kein Zug mehr. Um das gefahrlose Umsteigen sicherzustellen, wie es später als Erklärung hiess. Nun scheint Bassersdorf erneut zum Knotenpunkt internationaler Politik zu werden.

Am Donnerstag bleibt der Bahnhof teilweise gesperrt: Zwei Züge kurz vor 12 Uhr fallen komplett aus, wie ein Hinweisschild am Bahnhof ankündigt. Zudem werden sämtliche Parkplätze für den gesamten Tag geschlossen – wegen «eines offiziellen Anlasses», heisst es auf einem anderen Schild. Was es für ein Anlass ist, dazu schweigen die SBB und die Gemeinde eisern: «Wir nehmen keine Stellung zu dieser Anfrage», heisst es knapp, aber damit umso vielsagender auf der Gemeindeverwaltung. Die SBB verweisen an das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), welches zu diesem Anlass informiere.

Gemeindepräsident schrieb an Calmy-Rey

Bassersdorf hat sich nicht erst mit Medwedews Besuch zum offiziellen-inoffiziellen Verladebahnhof für den internationalen Politbesuch entwickelt: Die Nähe zum Flughafen Kloten, die gute Abschirmungsmöglichkeit und die gute Erreichbarkeit mit Limousinen-Konvois bescheren dem Bahnhof immer wieder hohe Gäste. Angesichts der aktuellen Geheimniskrämerei muss man nicht ein grosser Sicherheitsstratege sein, um daraus den Schluss zu ziehen, dass die Sperrung mit dem anstehenden Besuch des türkischen Präsidenten in Verbindung steht. Abdullah Gül und seine Gattin Hayrünnisa werden am Donnerstag in Zürich mit militärischen Ehren empfangen, bevor sie dann zu einem zweitägigen Staatsbesuch nach Bern weiterreisen. Über die Details der Reise will sich das EDA aus naheliegenden Sicherheitsgründen nicht äussern. Wenn es zu verkehrstechnischen Einschränkungen auf Grund des Besuches komme, seien diese zeitlich beschränkt und nur kurz, heisst es knapp auf Anfrage. Zudem seien die betroffenen Stellen informiert.

Vor allem der letzte Punkt sorgte 2009 für Aufregung. Beim Besuch von Medwedew klagte der damalige Gemeindepräsident von Bassersdorf, die die Gemeinde habe von nichts gewusst. Es seien besorgte Anrufe in der Verwaltung eingegangen, erzählte Franz Zemp damals gegenüber «Newsnetz/Tages-Anzeiger» und schimpfte: «Ich habe Micheline Calmy-Rey ein wütendes Mail geschrieben. […] Die Gemeinden muss man in einem solchen Fall berücksichtigen.» Einen Polizei-Aufmarsch wie bei Medwedew dürfte es dieses Mal nicht geben: Die Sicherheitsvorkehrungen waren damals so extrem, dass - egal wo die Delegation auftauchte - alles gesperrt wurde: Strassen, Plätze, Seen und der Luftraum. Die SVP-Kantonsräte Yves Senn und Claudio Zanetti sahen sich danach gar veranlasst eine Anfrage an den Regierungsrat zu richten.

«Welches sind die gesetzlichen Grundlagen, um eine Stadt für einen Umsteigepassagier abzuriegeln?», wollten die Politiker vom Regierungsrat wissen. Die Antwort fiel sehr juristisch, aber «befriedigend» aus, sagt Kantonsrat Claudio Zanetti. «Es ist eine Güterabwegung und letztlich wäre es viel schlimmer einem so hohen Staatsgast passiere etwas», sagt Zanetti. Im Vordergrund standen bei der Anfrage vor allem die finanziellen Kosten, die eine solche Aktion mit sich zogen. Den Kanton kostete der Einsatz allerdings nichts, was wohl entsprechend beruhigend war. Die Kosten von 820 Franken für die beiden Linienbusse, die die Passagiere während der Unterbrechung von Bassersdorf an die umliegenden Haltestellen brachten, übernahm das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Der Einsatz der Polizei verlief im Rahmen der «Aufgabenerfüllung zugunsten des Bundes», für welche die Polizei jährlich pauschal entschädigt wird.

«Die Gemeinde hat im Prinzip ja nichts davon»

Der Ärger war 2009 vor allem bei den Reisenden gross, weil sie nicht vorbereitet waren. «Plötzlich waren überall Polizisten und Scharfschützen und es hiess nur knapp die Züge fahren nicht», erinnert sich Yilli Doko, «viele dachten erst an einen Terroranschlag». Jetzt sei alles anders gewesen, sagt der Leser-Reporter: «Inzwischen wissen wir ja in Bassersdorf, was uns blüht, wenn die Hinweis-Schilder wieder stehen», so Doko. Ihn stören die Staatsbesuche in Bassersdorf deshalb nicht mehr. Im Gegenteil. «Es ist doch gut, wenn hohe Staatsgäste nach Bassersdorf kommen - einerseits passiert mal etwas und andererseits ist es doch auch eine Ehre.»

Die Vize-Gemeindepräsidentin von Bassersdorf sieht die Staatsbesuche weder als Gewinn noch als Störfaktor für Bassersdorf: «Im Prinzip haben wir ja nichts davon», sagt Ruth Bösch-Wegmann. Es sei ja nicht so, dass es ein wirklicher Besuch sei. «Aber es wird sicher in der Gemeinde einige Personen geben, die sich darüber freuen, wenn wieder einmal ein hoher Gast vorbeikommt», so Bösch-Wegmann, «für mich ist es allerdings nicht von grosser Bedeutung». Wäre es anders, müssten sich die Bassersdorfer allerdings anstrengen: Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff stieg beim Staatsbesuch im vergangenen September in Kloten in den Sonderzug um.

Gesperrte Strassen in Bern

Aufgrund des Staatsbesuches des türkischen Präsidenten Abdullah Gül werden in Bern mehrere Strassen und Plätze für jeglichen Verkehr gesperrt sein, wie die Kapo Bern mitteilt. So bleiben Bundesgasse, Christoffelgasse, Bundesplatz, Kochergasse, Amthausgasse und Münzrain von 7.00 Uhr bis ca. 24.00 Uhr gesperrt. Der Helvetiaplatz ist vor dem Historischen Museum zwischen 14.00 Uhr und 18.00 Uhr gesperrt. Auf Grund der umfangreichen Sperrungen werden die Bernmobil-Linien 10 und 19 via Bärenplatz umgeleitet. Die Buslinien 13, 14, 14D und 17 verkehren am Donnerstag während der ganzen Betriebszeit nur bis / ab Hirschengraben.

Deine Meinung