«Rinderwahn»: Schottenrinder auf Rütli erzürnen Patrioten
Aktualisiert

«Rinderwahn»Schottenrinder auf Rütli erzürnen Patrioten

Der neue Rütli-Pächter will Schottische Hochlandrinder auf die Rütli-Wiese holen. Dies verletzt einige in ihrem Nationalstolz.

von
Daniela Gigor
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Seit dem 19. Jahrhundert hat Rätisches Grauvieh auf der Rütliwiese geweidet.

Seit dem 19. Jahrhundert hat Rätisches Grauvieh auf der Rütliwiese geweidet.

Keystone/Martin Ruetschi
Das Rätische Grauvieh soll in der kommenden Saison durch Schottische Hochlandrinder ersetzt werden.

Das Rätische Grauvieh soll in der kommenden Saison durch Schottische Hochlandrinder ersetzt werden.

Keystone/Arno Balzarini
Schottische Hochlandrinder sollen ab Karfreitag auf der Rütli-Wiese weiden.

Schottische Hochlandrinder sollen ab Karfreitag auf der Rütli-Wiese weiden.

Keystone/Arno Balzarini

Der Obwaldner Mike McCardell ist seit dem 1. Januar neuer Rütli-Pächter. Neben dem Restaurant gehört die Pflege des gesamten Grundstücks zu seinen Aufgaben. Weil er mit fast drei Hektaren genügend Land zur Verfügung hat, will McCardell Schottische Hochlandrinder aus der Zucht seiner Eltern auf die Rütli-Wiese holen. «Ausserdem besteht die Idee, dass wir Wollsäue und Pfauengeissen halten werden», sagt McCardell.

Dass die Hochlandrinder auf der historischen Rütli-Wiese weiden sollen, passt aber nicht allen. So schreibt jemand in einem Leserbrief an die «Neue Luzerner Zeitung»: «Geschätzter Herr McCardell, stellen Sie sich mal vor, es kämen in diesem Sommer Gäste aus England oder gar Schottland aufs Rütli. Und sie würden nicht nur Freude an dieser geschichtsträchtigen Wiese haben, sondern vermutlich erstaunt sein, auf diesem Fleckchen Erde auch noch Schottische Hochlandrinder anzutreffen, von denen in Schillers Geschichtsschreibung kein Wort zu finden ist.»

Rütli-Delegation soll sich Entscheidung überlegen

Auch eine Frau ärgert sich in einem weiteren Leserbrief: «Schottische Hochlandrinder auf dem Rütli – das geht ja gar nicht. Nicht, dass ich etwas gegen diese Tiere habe. Im Gegenteil, ich finde sie lustig. Aber an diesem Ort der Gründung der Eidgenossenschaft fühle ich mich durch solche Pläne zutiefst in meinem Nationalstolz verletzt.» Und weiter: «Dass das schöne alte Schweizer Grauvieh, das man extra auf dem Rütli hatte, Schottischen Hochlandrindern Platz machen muss, ist für mich völlig absurd.» Sie hofft, dass die Rütli-Delegation der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) sich das noch einmal anschaue und das Rütli mit Schweizer Tradition belasse.

Auch im Internet laufen einige gegen die Schottischen Hochlandrinder Sturm. So fragt etwa ein Mann beim «Schweizerbauer.ch»: «Wo war Toni Brunner? Er als erfolgreicher Wirt hätte doch das Rütli pachten können. Jetzt kommen Ausländer auf den heiligen Boden und dazu noch eingewanderte Kühe mit langen Haaren. Jetzt geht es bachab mit der Schweiz. Vielleicht sollte die SVP eine Initiative starten.» Pascal Blöchlinger, Präsident der Urner SVP, stört das Vieh auf dem Rütli allerdings nicht.

Eine Frau schreibt auf dem Portal des SRF: «Nichts gegen hübsch anzusehende jööö-härzig-Rinder, aber ich finde es einfach schade, dass immer mehr Exoten gehalten werden, anstatt erhaltenswerte, alte Schweizer Arten wie eben das Rätische Grauvieh.»

Pächter Mike McCardell sagt zu dieser Kritik: «Ich stehe zu den Hochlandrindern. Mit dieser Kritik, die ich verstehe, kann ich leben.»

«Ausländerfeindlichkeit gegenüber Vierbeinern»

Am Entscheid, dass die Schottischen Hochlandrinder aufs Rütli kommen, gibt es allerdings nichts mehr zu rütteln. «Dass sie kommen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche», sagt Lukas Niederberger, SGG-Geschäftsleiter, auf Anfrage von 20 Minuten. Wie Niederberger weiter sagte, gab es bis im 19. Jahrhundert kein Vieh auf dem Rütli. In der Vergangenheit hätte dort das früher rare Rätisches Grauvieh geweidet. Heute sei der Bestand dieser Tiere wieder gesichert. «Ursprünglich stammt das Rätische Grauvieh aus dem Tirol», sagt Niederberger weiter. Er verteidigt die Entscheidung, Schottische Hochlandrinder aufs Rütli zu bringen. Zum einen, weil es schwierig sei, reinrassiges Schweizer Vieh zu finden, weil viele Tiere künstlich befruchtet würden. Und: «Ausländerfeindlichkeit gegenüber Zweibeinern ist arg genug. Wenn sich dies auf Vierbeiner ausweitet, wird es absurd.»

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