Schreckensszenario: Bolivien bricht auseinander
Aktualisiert

Schreckensszenario: Bolivien bricht auseinander

Der Sieg der Autonomiebewegung bei dem umstrittenen Referendum in der bolivianischen Region Santa Cruz birgt die Gefahr eines Auseinanderbrechens des Andenstaates.

Kompromissbereitschaft wurde von keiner Seite signalisiert.

Nach Auszählung von gut einem Fünftel der Stimmen sprachen sich gut 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler in dem rohstoffreichen Departement für die weitgehende Autonomie von der ungeliebten Zentralregierung unter dem linksgerichteten Präsidenten Evo Morales in La Paz.

Dort aber rechnete der Staatschef vor, eigentlich habe das von ihm als «illegal und verfassungswidrig» bezeichnete Autonomiestatut nur etwa 50 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten erhalten. Das ergebe sich aus der Summe der Enthaltungen sowie der ungültigen und der Nein-Stimmen.

Keine Kompromissbereitschaft

Ein Brückenschlag oder Kompromissbereitschaft war auch angesichts der schwersten institutionellen Krise seit der nationalen Revolution von 1952 auf keiner der beiden verfeindeten Seiten auszumachen. Und die wirtschaftlichen, sozialen und ethnischen Gräben in Bolivien sind tief.

Seit Morales, der frühere Anführer der Koka-Bauern, Ende 2005 die Wahlen gewann, versucht er im Hau-Ruck-Verfahren, der seit Jahrhunderten benachteiligten Indio-Mehrheit, vor allem Aymara, zu ihrem Recht zu verhelfen.

Sozialismus versus Neoliberalismus

Mit seinem Projekt einer sozialistischen Gesellschaftsordnung kollidiert er jedoch frontal mit den wirtschaftlich erfolgreichen Repräsentanten des neoliberalen Wirtschaftsmodells in Santa Cruz.

Auch die anderen Landesteile im östlichen Tiefland leisten erbitterten Widerstand. Dort ist das Bruttoinlandprodukt pro Kopf drei mal so hoch wie in den westlichen Andengebieten, wo überwiegend Indios leben. In Santa Cruz liegt die Armutsrate bei etwa 40 Prozent, im westlichen Hochland aber bei 80 Prozent.

Explosive Lage

Angesichts weiterer Referenden gleichen Zuschnitts in drei anderen Departements im Juni bleibt die Lage explosiv. Schon in Santa Cruz war die Stimmung aggressiv. Bei Auseinandersetzungen in einigen Landgemeinden und in einem Armenviertel kam ein Mensch ums Leben, mindestens 24 wurden verletzt.

Politische Kommentatoren in La Paz betonten, jetzt bleibe beiden Seiten gar nichts anderes übrig, als wieder aufeinander zuzugehen. Dazu aber könnte es frühestens nach den drei weiteren Referenden kommen.

«Neues Bolivien»

Der Präfekt von Santa Cruz, Ruben Costas, sagte nach dem Sieg des Autonomieprojekts, der Triumph des «Ja» habe den Weg für ein «neues Bolivien» geebnet. Ob er damit notfalls auch die Abspaltung seiner Region meinte, blieb offen.

Morales warnte, die Autonomiebestrebungen dürften nicht mit Gewalt und durch Drohungen durchgesetzt werden. Dasselbe gilt auch wohl auch für sein Projekt einer gerechteren Verteilung von Chancen und Wohlstand.

(sda)

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