Akuter Lehrermangel: Schreiner oder Koch – diese Personen ohne Diplom dürfen unterrichten

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Akuter LehrermangelSchreiner oder Koch – diese Personen ohne Diplom dürfen unterrichten

Einzelne Kantone stellen Lehrpersonen ohne Diplom ein. Lehrerverbände befürchten Qualitätseinbussen. 

von
Thomas Obrecht
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Schulleitungen müssen vermehrt auf Personen ohne pädagogische Ausbildung zurückgreifen. (Symbolbild)

Schulleitungen müssen vermehrt auf Personen ohne pädagogische Ausbildung zurückgreifen. (Symbolbild)

20min/Michael Scherrer
Die Lehrerverband-Chefin schlägt wegen Lehrpersonen ohne Diplom Alarm. (Symbolbild)

Die Lehrerverband-Chefin schlägt wegen Lehrpersonen ohne Diplom Alarm. (Symbolbild)

20min/Simon Glauser
Mittlerweile könne man nicht mehr von «Bildung sprechen, sondern lediglich von Betreuung». (Symbolbild)

Mittlerweile könne man nicht mehr von «Bildung sprechen, sondern lediglich von Betreuung». (Symbolbild)

Tamedia/Raisa Durandi

Darum gehts

  • In der Schweiz herrscht akuter Lehrpersonenmangel.

  • Schulleitungen müssen vermehrt auf Personen ohne pädagogische Ausbildung zurückgreifen.

  • Das sorgt bei den Lehrerverbänden für Kritik. 

Die Lehrerverbände schlagen wegen Lehrpersonen ohne Diplom Alarm: «Die Bildungsqualität ist in Gefahr. Wenn ich als Mutter erfahren würde, dass meine Tochter zu einer Lehrperson ohne Ausbildung kommt, könnte ich nicht mehr gut schlafen», sagte Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), am Montag vor den Medien. 

Der Grund: «Nicht ausgebildete Personen wissen nicht, wie unser Schulsystem funktioniert. Die Heranführung an den schulischen Alltag fehlt ihnen ohne eine pädagogische Ausbildung komplett», erklärt Rösler gegenüber 20 Minuten. Probleme könnten unter anderem bei der Unterrichtsvorbereitung, altersgerechten Stoffvermittlung, dem Umgang mit schwierigen Situationen in der Schule und der Elternarbeit entstehen. Auch wenn einige Kantone Crashkurse für diese Leute anbieten, reiche das noch lange nicht aus. 

Zudem werde durch den Einsatz von Nichtausgebildeten der Mangel nicht langfristig behoben. «Lehrpersonen ohne Ausbildung dürfen von Gesetzes wegen nur temporär eingesetzt werden», sagt Rösler. «Entscheidet sich die Lehrkraft ohne Diplom dann nicht für eine pädagogische Ausbildung, müssen die Stellen wieder neu besetzt werden.»

Im Kanton Zürich beispielsweise, welcher zusammen mit den Kantonen Bern und Aargau am stärksten vom Lehrermangel betroffen sei, betrage die Frist ein Jahr. Die Lehrerverbände fordern deshalb den Bund und die Kantone dazu auf, praktizierende sowie angehende Lehrpersonen zu unterstützen. «Nur nachhaltige Lösungen können die Qualität an Schulen langfristig sichern», so Rösler.

«Schlussendlich muss die Person vor allem passen»

Auch Thomas Minder, Präsident vom Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH), sieht das Beschäftigen von Personen ohne Lehrbefähigung kritisch. «Lehrpersonen ohne Diplom fehlt es an Wissen zu Lernprozessen, dem Umgang mit Lehrmitteln und der Kommunikation mit Eltern. Die Bildungsqualität wird unweigerlich leiden.» Dass trotz aller Bedenken Personen ohne Diplom eingestellt werden, soll verhindern, dass Schulkinder unbetreut bleiben. «Die Kinder müssen zur Schule. Man kann sie nicht einfach Zuhause lassen.»

Die höchste Priorität beim Einstellungsprozess: Personen zu finden, die kompetent mit Kindern umgehen können. «In erster Linie suchen wir Personen mit pädagogischem Hintergrund, wie etwa Sozialpädagogen oder Personen aus der frühkindlichen Betreuung.» Diese bringen laut Minder die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit Kindern mit. «Inhaltlich können die anderen Lehrkräfte die Lehrpersonen ohne Diplom dann unterstützen, indem sie ihnen ihre Lektionenpläne zur Verfügung stellen und bei der Ausgestaltung des Unterrichts helfen.»

Grundsätzlich schliesse man aber auch Personen aus weit entfernten Berufsfeldern nicht aus. So habe es bereits Beispiele von Schreinern oder Köchen gegeben, die in der Schule Werken respektive Hauswirtschaft unterrichtet haben. «Schlussendlich muss die Person vor allem passen.» Minder sagt aber auch: «Ich denke, Eltern von Kindern, die jetzt durch eine Person ohne Ausbildung unterrichtet werden, werden sicher von der Schule Antworten verlangen.»

Laut Stefan Wolter, Bildungsökonom und Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, kann man derzeit nicht sagen, ob die Bildung schlechter wird. «Das hängt von Fall zu Fall ab und vom Fachwissen der unterrichtenden Person.» Er sieht aber auch Chancen: «Damit könnte frischer Wind in die Schulen gebracht werden. Denn die Personen kommen freiwillig in den Beruf rein und verfügen über recht hohe Motivation.»

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