«Schnürlischrift»: Schriftstreit an Schweizer Schulen
Aktualisiert

«Schnürlischrift»Schriftstreit an Schweizer Schulen

Generationen von Schülern sind mit der so genannten «Schnürlischrift» gross geworden. Doch der 1947 eingeführten Schulschrift droht das Aus — immer mehr Kritiker melden sich zu Wort, darunter auch Lehrer.

von
Daniel Huber

Kaum jemand schreibt sie, alle haben sie erlernt: die «Schnürlischrift». Je nach individueller Erfahrung löst der Anblick der geschwungenen und verbundenen Buchstaben in uns sehr unterschiedliche Gefühle aus; wo die einen nostalgisch werden und ins Schwärmen geraten, erinnern sich andere mit Grausen an traumatische Erlebnisse. Kalt lässt die Schrift keinen.

Das Ende der Fraktur

Schrift transportiert immer auch ein Stück Ideologie. Das bekannteste Beispiel dafür dürfte die Fraktur sein, die – wenn sie nicht mit Metal und Hard Rock assoziiert wird – heute noch quasi reflexartig mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Doch die Wirklichkeit ist wie so oft vielschichtiger und zweideutiger: Es war ausgerechnet ein Erlass von Adolf Hitler, der 1941 die Fraktur aus den deutschen Schulstuben vertrieb.

60 Jahre «Schnürlischrift»

Auch in der Schweiz brach in Sachen Schrift bald darauf eine neue Zeit an. 1947 wurde die so genannte Schweizer Schulschrift eingeführt; sie löste die bis dahin unterrichtete Kurrentschrift ab, die heute kaum mehr jemand lesen kann.

Mittlerweile ist diese «Schnürlischrift» genannte Schrift aber unter Beschuss gekommen. Die Reformer stossen sich dabei vor allem an den zahlreichen Schlaufen dieser Schrift und bemängeln zudem, sie verbinde einige Buchstaben in unsinniger Weise. Darunter leide der Schreibrhythmus und Schreibfluss.

Zu viele Schnörkel?

Zu den Kritikern der Standard-Schulschrift gehört der Berner Grossrat Daniel Kast (CVP). Er argumentiert, die «Schnürlischrift» sei eine Zierschrift, «mit vielen Schnörkeln und gegenläufigen Bewegungen» (20 Minuten berichtete). Sie überfordere viele Schüler und führe so zu der «bei Jugendlichen und Erwachsenen weit verbreiteten teilverbundenen Schrift».

Meiers Basisschrift

Als Alternative schlägt Kast die Basisschrift des Glarner Grafikers Hans Eduard Meier vor, die bereits an einzelnen Schulen in den Kantonen Luzern, Basel-Stadt, Glarus, St. Gallen, Aargau und Bern unterrichtet wird. Die «Schnürlischrift» sei «furchtbar gstabig und mühselig, überhaupt nicht kindergerecht», sagte Meier dem «Tages-Anzeiger».

Seine Schrift ist vergleichsweise schnörkellos; bei den Oberlängen und Unterlängen der Kleinbuchstaben fallen die Schlaufen weg. «All die Schnörkel, Bögen, Schlaufen, die braucht es nicht», meint Meier, der überzeugt ist, dass sich seine Schrift mit der Zeit gegen die «Schnürlischrift» durchsetzen wird – denn die sei «einfach nicht mehr zeitgemäss». Als Vorzug der Basisschrift gilt auch, dass sie sich nicht so stark wie die «Schnürlischrift» von der unverbundenen Blockschrift der 1. Klasse unterscheidet.

Schlaufen sorgen für Tempo

Doch auch Meiers Basisschrift stösst auf Kritik. Der Schreibdidaktiker Jürg Keller behauptet, ebenfalls im «Tages-Anzeiger», die Basisschrift sei nur bedingt tauglich. Die verbundenen Stellen und Schlaufen der Handschrift seien dem Schreibtempo förderlich: «Wer gut verbunden schreiben kann, schreibt schneller.» Mitunter würden in der Handschrift sogar Schlaufen eingebaut, die gar nicht zum entsprechenden Zeichen gehörten – nur, damit nicht abgesetzt und neu begonnen werden müsse. Die Basisschrift mit ihren «unklaren Proportionen» und «einzelnen nicht verbindbaren Kleinbuchstaben» dagegen erlaube ein zusammenhängendes rhythmisches Schreiben nicht.

«Ästhetisch zweifelhaft»

Auch die diplomierte Psychomotorik-Therapeutin Agathe Bieder Boerlin vermag der Basisschrift nicht viel Positives abzugewinnen. Deren Schriftbild bezeichnet sie als «eckig, unharmonisch, unrhythmisch und ästhetisch zweifelhaft». Die Schriftbilder würden so auseinanderfallen, meint Bieder Boerlin, die zudem das Argument, die Basisschrift sei schneller zu schreiben, entschieden zurückweist. Diese sei «strichdominant» und daher werde beim Schreiben mehr abgebremst und neu angesetzt.

«Schnürlischrift» und Basisschrift im Vergleich:

Der Kanton Zürich hat die Basisschrift vorläufig noch nicht eingeführt. Möglicherweise beschert der Kantönligeist unseren ABC-Schützen also im Schreibheft ein ähnliches Durcheinander, wie es im Sprachunterricht schon mit Frühenglisch bzw. Frühfranzösisch der Fall ist.

«Schnürlischrift» oder Basisschrift? Wo stehen Sie im Schulschriften-Streit? Ihre Meinung ist gefragt!

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