Digitale Geräte: Schüler sollen googeln statt auswendig lernen
Aktualisiert

Digitale GeräteSchüler sollen googeln statt auswendig lernen

Schüler und Eltern erachten das Auswendiglernen von Fakten zunehmend als unnötig. Es gebe ja Handys und Tablets.

von
B. Zanni
1 / 5
Die digitalen Medien machen das Auswendiglernen zu einem umstrittenen Thema, vor allem, wenn es um lexikalisches Wissen geht. Einige Schüler wollen dann am liebsten das Tablet mit an die Prüfung nehmen.

Die digitalen Medien machen das Auswendiglernen zu einem umstrittenen Thema, vor allem, wenn es um lexikalisches Wissen geht. Einige Schüler wollen dann am liebsten das Tablet mit an die Prüfung nehmen.

Keystone/Gaetan Bally
Das Internet, das zu fast allem eine Antwort liefert, stellt die Schule vor Herausforderungen. Dass Schüler Flussnamen und geschichtliche Daten büffeln, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Das Internet, das zu fast allem eine Antwort liefert, stellt die Schule vor Herausforderungen. Dass Schüler Flussnamen und geschichtliche Daten büffeln, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Education Images
«Eltern und Lernende fragen sich wegen Smartphones und Tablets häufiger, ob es sich lohnt, dieses oder jenes auswendig zu lernen», sagt Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Vor allem in Schulen, die noch viel Wert darauf legten, sei der Widerstand gross.

«Eltern und Lernende fragen sich wegen Smartphones und Tablets häufiger, ob es sich lohnt, dieses oder jenes auswendig zu lernen», sagt Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Vor allem in Schulen, die noch viel Wert darauf legten, sei der Widerstand gross.

Picasa

Zwei Mütter in einer S-Bahn: «Mein Sohn muss alle Schweizer Flüsse auswendig lernen. Das ist völlig übertrieben. Man kann ja jeden Flussnamen im Internet nachschauen.» Ihre Sitznachbarin nickt eifrig und doppelt nach: «Mein Sohn muss massenhaft Französisch- und Englisch-Vokabular lernen – ein völliger Blödsinn. Er könnte ja jedes Wort auf dem Handy übersetzen.» Solche Ansichten sind keine Einzelfälle. Eltern und Schüler machen zunehmend Stimmung gegen das Pauken von Wissen.

«Eltern und Lernende fragen sich wegen Smartphones und Tablets häufiger, ob es sich lohnt, dieses oder jenes auswendig zu lernen», sagt Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Vor allem in Schulen, die noch viel Wert darauf legen, sei der Widerstand gross.

Mit iPad an Prüfung

Laut Brühlmann geht es meist um lexikalisches Wissen wie geschichtliche, geografische Daten, Vokabeln sowie mathematische und chemische Formeln. «Dann fragen manche Schüler, ob sie nicht das iPad an die Prüfung mitnehmen dürfen, weil sie solche Fakten im Internet mit einem Klick nachschauen können.» Ähnlich verhalte es sich mit Rechtschreibregeln. «Wegen der Korrekturprogramme sehen sie oft keinen Sinn, sich die neue Rechtschreibung anzueignen.»

Christian Amsler, Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, stellt fest: «Die Schere geht immer weiter auseinander zwischen Schülern und Eltern, die finden, man müsse gar nichts mehr auswendig lernen, und solchen, die schulischen Drill mit viel Kopfwissen im Sinne der ‹guten alten Zeiten› fordern.» Vor allem Schüler, die Wissen schnell aufsaugten, fänden es unnötig, Formeln und Fakten zu büffeln. «Die Lehrer müssen Schülern und Eltern immer wieder klarmachen, dass Lernen auch eine Fleissarbeit ist.»

«Sich mit Bergnamen aufspielen»

Die Schule hat ihre Anforderungen den digitalen Technologien angepasst. In fünf Jahren habe die Mehrheit der Schüler ein iPad auf den Knien, sagt Brühlmann. «Wir erwarten nicht mehr, dass sie sich detailliertes Faktenwissen aneignen.» Jedes Kind habe ein Handy-Abo mit Internetzugang. Es reiche, wenn ein Schüler wisse, in welchem Abschnitt des 20. Jahrhunderts der Zweite Weltkrieg stattgefunden habe, und dass er oft gebrauchte Wörter einer Fremdsprache intus habe.

Der Schulstoff werde dadurch anspruchsvoller. «Die Schüler müssen vermehrt Zusammenhänge herstellen können und können nicht mehr mit Auswendiglernen eine 6 schreiben.» Es sei erwiesen, dass Faktenwissen keinen grossen Wert habe. «Wer die Namen aller Schweizer Berge kennt, kann sich vor anderen höchstens etwas aufspielen.»

Verwirrendes Springen von Link zu Link

Laut Ricarda T.D. Reimer, Leiterin der Fachstelle Digitales Lehren und Lernen in der Hochschule an der Pädagogischen Hochschule FHNW, reicht es in keinem Fall aus, «einfach» Wissen im Internet abzurufen. «Beim Springen von einem Hyperlink zum nächsten weiss man am Ende oft gar nicht mehr, womit man sich befassen wollte.» Um Zusammenhänge zu begreifen, sollte man sich manche Daten gezielt einprägen. Da jeder Mensch im Internet etwas veröffentlichen könne, sei es umso wichtiger, Quellen einordnen und bewerten zu können.

Eine Schule ohne Pauken kommt auch für die Schulvertreter nicht infrage. Amsler: «Für viele Schüler ist es sehr motivierend, wenn sie an Tests eingeprägte Fakten wiedergeben können.» Laut Brühlmann ist Auswendiglernen auch ein Gehirn-Training. «Sonst können wir uns irgendwann überhaupt nichts mehr merken.»

Wie erleben Sie das Auswendiglernen in der Schule in Zeiten von Smartphone und Tablet? Erzählen Sie von Ihren Erfahrungen und melden Sie sich hier:

Deine Meinung