09.06.2014 19:44

«Ross» statt «Pferd»

Schüler sollen wieder Mundart lernen

Österreichische Lehrer sollen künftig Dialektwörter lehren. Diese Forderung geniesst auch in der Schweiz Sympathien – in den Schulzimmern hats bislang aber keinen Platz für die Mundart.

von
J. Büchi

Nicht wenigen Schweizern tut es im Herzen weh, wenn es in schweizerdeutschen Werbungen «Cerealie zum Früehstück» gibt und Zahnpasten für «än suubere Mund» sorgen. Das «Müesli», der «Zmorge» , und das «Muul» scheinen in der Welt der Produktevermarkung nichts verloren zu haben.

Das Problem kennen auch die Österreicher. Weil die «Marille» auch bei unseren östlichen Nachbarn plötzlich «Aprikose» heisst, und es statt einem «Sackerl» eine «Tüte» gibt, schlug die österreichische Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek Alarm: «Was in Filmen, Fernsehsendungen oder im Internet zu hören ist, wird oft in unserem Nachbarland Deutschland produziert und synchronisiert», schreibt die Sozialdemokratin laut welt.de in einer Broschüre, die sie seit dieser Woche in den Schulen verteilen lässt.

Auf diese Weise würden österreichische Eigenheiten und Ausdrucksweisen verschwinden, befürchtet sie, und ruft die Lehrer dazu auf, der Entwicklung Einhalt zu gebieten. Das österreichische Deutsch solle an den Schulen als «eigenständige und gleichberechtigte Varietät der deutschen Standardsprache» vermittelt werden. Und was unternehmen die Schweizer Schulen?

Mundart hat keinen Platz im Schulzimmer

«Bei uns gibt es derzeit keine entsprechenden Richtlinien», sagt Jürg Brühlmann vom Schweizerischen Lehrerverband. Es sei Aufgabe der Kantone und der Erziehungsdirektorenkonferenz, die Unterrichtssprache zu regeln. Und von dieser Seite sei die Weisung klar: «Es wird konsequent Hochdeutsch gesprochen.» Ursprung dieser Regelung sei das schlechte Abschneiden der Schweiz bei der Pisa-Studie vor rund zehn Jahren – dieses habe man auf mangelnde Schriftdeutschkenntnisse der Schüler zurückgeführt.

Brühlmann ist sich aber bewusst, dass das Thema die Bevölkerung bewegt. Spätestens, seitdem mit dem Kanton Aargau im Mai schon der zweite Kanton eine Initiative angenommen hat, die Mundart als Unterrichtssprache im Kindergarten verlangt. In Zürich stimmte das Stimmvolk diesem Grundsatz schon im Jahr 2011 zu.

Neue Initiativen in Vorbereitung

Der Schweizer Demokrat René Kunz, der die Initiative im Aargau lanciert hat, bekräftigt: «Dass wir uns an der Urne gegen die Regierung und fast alle Parteien durchgesetzt haben, zeigt, dass die Bewahrung unserer Mundart der Bevölkerung sehr wichtig ist.» Im Abstimmungskampf hätten sich viele besorgte Eltern an ihn gewandt. Es beschäftige die Leute, dass ihre Kinder plötzlich «Pferd» statt «Ross» sagten.

Laut Kunz haben sich bereits verschiedene Parteien aus anderen Kantonen bei ihm gemeldet, die nun ebenfalls Vorstösse für Mundart in Kindergarten oder Schule prüfen. Bald könnten also weitere Kantone Schweizerdeutsch als Unterrichtssprache in ihrer Verfassung festschreiben.

Ein «Schöchli» braucht niemand mehr

Sprachforscher und Mundart-Experte Christian Schmid kennt die Kontroverse um den Verlust des Schweizerdeutschen. «Gerade ältere Leute ‹gränne› den Wörtern nach, die sie einst gelernt haben und nun verschwunden sind.» Schmid erinnert jedoch daran, dass in der Welt der Technik Neuerungen stets als Fortschritt bezeichnet würden. Es sei schizophren, dass sie in der Sprache gleichzeitig als Verlust empfunden würden.

Für Schmid muss in der Mundart allerdings zwischen zwei Entwicklungen unterschieden werden: Einerseits gebe es Wörter, die im Alltag schlicht keine Rolle mehr spielten und deshalb verschwänden – etwa in der Bauernsprache. «Was ein ‹Schöchli› oder ein ‹Madli› ist, ist heute für die meisten Leute schlicht irrelevant.» Beides sind Ausdrücke für Heu auf dem Feld – einmal in Haufen-, einmal in Wurstform.

«Muul» unanständig

Während der Verlust dieser Begriffe nichts als logisch sei, verhalte es sich dort anders, wo ein gebräuchliches schweizerdeutsches Wort von einem hochdeutschen verdrängt werde, so Schmid. Die synchronisierten Werbungen seien deshalb auch in seinen Ohren «ganz, ganz schrecklich». Es sei wohl tatsächlich so, dass das «Muul» aus Sicht der deutschen Produzenten einen uneleganten bis unanständigen Klang habe. «Es ist schade, wenn dadurch Mundartausdrücke verdrängt werden.»

Es sei aus seiner Sicht deshalb grundsätzlich sinnvoll, die Lehrer entsprechend zu sensibilisieren, wie dies die Österreicher tun. «Allerdings stellt sich die Frage, wie das gehen soll, wenn bei uns ja eh ausschliesslich Hochdeutsch gesprochen wird in den Schulzimmern.» Jürg Brühlmann vom Lehrerverband räumt ein: «Vielleicht wäre es sinnvoller, nur zu 80 statt zu 100 Prozent Hochdeutsch zu sprechen im Unterricht.» Eine solche Regelung würde nicht nur dem Erhalt des Dialekts, sondern allenfalls auch der Integration ausländischer Schüler dienen.

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