31.01.2019 04:42

Lehrerin

«Schüler werden zu wenig auf Jobwahl vorbereitet»

Schüler später einschulen, damit sie bei der Berufswahl reifer sind? Das ist laut Experten der falsche Ansatz.

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Kinder im Kanton Nidwalden sollen beim Schuleintritt älter sein. Der Regierungsrat will das Schuleintrittsalter heraufsetzen und dazu das Stichdatum um vier Monate vorziehen.

Kinder im Kanton Nidwalden sollen beim Schuleintritt älter sein. Der Regierungsrat will das Schuleintrittsalter heraufsetzen und dazu das Stichdatum um vier Monate vorziehen.

Keystone/Steffen Schmidt
Jugendpsychologe Philipp Ramming kann das Problem gut verstehen. «Heutzutage gibt es auf dem Lehrstellenmarkt so viele Optionen.»

Jugendpsychologe Philipp Ramming kann das Problem gut verstehen. «Heutzutage gibt es auf dem Lehrstellenmarkt so viele Optionen.»

Keystone/Christian Beutler
Auch Lehrerin Karin Meister stellt bei ihren Schülern fest, dass diese oft nicht genug Zeit für die Berufswahl haben.

Auch Lehrerin Karin Meister stellt bei ihren Schülern fest, dass diese oft nicht genug Zeit für die Berufswahl haben.

Keystone/Christian Beutler

Kinder im Kanton Nidwalden sollen beim Schuleintritt älter sein. Der Regierungsrat will das Schuleintrittsalter heraufsetzen und dazu das Stichdatum um vier Monate vorziehen. Man verspreche sich davon reifere Jugendliche am Ende der Schulzeit, schreibt die Nidwaldner Regierung. Sie gibt den Gesetzesentwurf nun in die Vernehmlassung.

Heute sind die jüngsten Kinder beim Schuleintritt in Nidwalden sechs und beim Austritt 15 und 16 Jahre alt. Schon mit 14 Jahren müssen sie deshalb teilweise entscheiden, wohin ihr Berufsweg gehen soll. Laut der Bildungsdirektion und dem Lehrerverband Nidwalden sind vermehrt Jugendliche am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht bereit für einen Entscheid über ihre weitere Ausbildung oder den Einstieg in eine Berufslehre.

«Die Schüler sind zunehmend überfordert»

Jugendpsychologe Philipp Ramming kann das Problem gut verstehen. «Heutzutage gibt es auf dem Lehrstellenmarkt so viele Optionen. Man wird nicht einfach Bauer, Bäcker oder Elektriker, sondern hat Hunderte Berufe zur Auswahl. Die Schüler sind zunehmend überfordert und können sich gar nicht vorstellen, was man in diesen Berufen konkret macht.» Die Kinder später einzuschulen, sei aber die falsche Lösung. «Ich bezweifle, dass diese paar Monate einen Unterschied in der Reife der Schüler machen.»

Sinnvoll sei es, den Schülern während dem Unterricht mehr Zeit für die Berufswahl zu geben und einen Lehrstellenwechsel einfacher zu gestalten. Weil die Schüler unsicher seien, würden sie oft den Ratschlag anderer befolgen. «Die Gefahr ist, dass die Jugendlichen einfach das machen, was die Eltern von ihnen erwarten oder einen Beruf wählen, der im Freundeskreis gerade als besonders cool gilt. Ob man sich wirklich für diesen Beruf eignet und Freude daran hat, wird zweitrangig.»

«Berufliche Orientierung ist neu verbindlich»

Auch Lehrerin Karin Meister stellt bei ihren Schülern fest, dass diese oft nicht genug Zeit für die Berufswahl haben. «Neben Schule, Hausaufgaben und dem Lernen für Prüfungen wird die Lehrstellensuche den Schülern noch zusätzlich aufgehalst. Das ist ein enormer Leistungsdruck.» Sie hat darum das Betreuungsangebot «Zukunftsjahr» für Jugendliche ab der Oberstufe lanciert. Das kostenpflichtige Programm in Zürich ermöglicht es den Jugendlichen, eine Pause zu machen.

Das sogenannte «Sabbatical für Jugendliche» könne individuell gestaltet werden: «Man kann herausfinden, was man im Leben machen will, ohne dass man sich ums Lernen, Prüfungen und Zeugnisse sorgen muss.» Das könne bedeuten, eigene Ideen auszuprobieren, etwa ein handwerkliches Projekt umzusetzen oder eine Website zu programmieren. «Oder man kann einfach mal zurücklehnen und sich fragen: Was würde ich jetzt am liebsten machen?»

Lehrerverbandspräsident Beat W. Zemp teilt diese Sicht nicht. Die Schule bereite die Schüler genügend auf die Berufswelt vor, sagt er. «Im Lehrplan 21 ist die berufliche Orientierung erstmals verbindlich verankert.» Eine generelle Unreife habe man nicht festgestellt – «sonst würde es in anderen Kantonen ähnliche Bestrebungen geben». Dem Kanton Nidwalden stehe es aber frei, das Stichdatum zu ändern, da er das Harmos-Konkordat nicht unterschrieben habe.

Frau Lowth*, warum wollen Sie die Schüler später einschulen?

Wir haben in Nidwalden gemerkt, dass die Schüler am Ende der Schulzeit noch nicht bereit für die Berufswahl sind. Sie sind teils erst 14 Jahre alt, wenn sie ihren Entscheid treffen.

Machen denn die wenigen Monate einen Unterschied?

Je nach Konstellation werden die Schüler bis zu einem Jahr später eingeschult. In diesem Alter entwickeln sich die Schüler innert eines Jahres erfahrungsgemäss stark, sie werden reifer und mehr vom Elternhaus abgelöst.

Experten würden eher zu mehr Berufswahlunterricht raten.

Ich glaube, hier machen wir bereits genug. In der 1. und 2. Sekundarschule ist eine Stunde pro Woche für die Berufswahl reserviert, in der 3. Sek eine halbe Lektion. In der Regel können wir die meisten Schüler in einem geeigneten Lehrbetrieb oder einer weiterführenden Schule unterbringen.

*Lea Lowth, Präsidentin Lehrerverband Nidwalden

Schweizer sind früh fertig

Im Vergleich der OECD-Länder sind Schweizer Schüler besonders schnell mit der Schule fertig: Im Alter von 15 Jahren endet in der Regel die Schulpflicht. Nur in Griechenland, Korea und Slowenien ist man mit 14 Jahren schneller. In den meisten Ländern endet die Schulpflicht mit 16, in Deutschland oder Belgien erst mit 18 Jahren. Beim Eintritt in die Primarschule liegen die Schweizer (sechs Jahre) im Mittelfeld. In vielen skandinavischen Ländern und im Baltikum beginnt die Schulpflicht mit sieben Jahren, in Grossbritannien, Irland und Australien schon mit fünf Jahren.

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