Aktualisiert 15.12.2010 10:32

Schütze von BuchsSchüsse, Folter, Mordpläne

Er verschanzte sich in seinem Haus, schoss aus dem Fenster und soll Mordpläne gegen 26 Personen gehegt haben. Nun steht der Amokschütze von Buchs wegen Fragen zum Prozess vor Gericht.

von
ann

Mit dunkler Brille, Käppi und in Handschellen wurde Hans S. in Zurzach ins Gerichtsgebäude geführt. Er wirkte scheu und zurückhaltend, als er kurz nach neun Uhr mit dünner hoher Stimme dem Richter über seine derzeitige Situation Auskunft gab. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann vor zwei Jahren mit Schüssen ins Quartier ganz Buchs AG in Aufruhr versetzte und die Spezialeinheit «Argus» ihn niederstrecken musste. «Die Folgen der Schüsse spüre ich heute noch», sagte S. nuschelnd dem Gericht. Er nehme täglich Schmerzmittel.

In der Strafanstalt Lenzburg könne er nur beschränkt einer Tätigkeit nachgehen aufgrund seiner körperlichen Verfassung. Darum arbeite er nur an drei Nachmittagen die Woche. «Von meiner Partnerin, ihrer Tochter und hie und da von meiner Schwester und meinem Bruder bekomme ich Besuch. Mit meinen Mitgefangenen kann ich nicht viel anfangen», sagte er und machte eine abschätzige rassistische Bemerkung. Vor allem seine Partnerin besuche ihn in der Regel einmal wöchentlich. «Da reden wir über unsere Zukunftspläne und was die Tochter so macht. Die zwei Stunden sind schnell vorbei», sagte der Angeklagte S.

«Ich lese in den 24 Ordnern über mich»

Wenn er nicht arbeite oder eine Therapie besuche, beschäftige er sich mit seinem Fall. «Ich lese in den 24 Ordnern, die über mich geschrieben wurden», sagte er dem vorsitzenden Richter vor dem Bezirksgericht Zurzach. Der Gerichtstermin ist noch nicht Teil der Hauptverhandlung, die erst im kommenden Jahr stattfinden wird. In der jetzigen Vorverhandlung geht es darum die Frage zu klären, ob der Fall wie geplant in Zurzach verhandelt werden kann. Zudem sollen weitere prozessuale Vorfragen besprochen werden.

Mit dem Prozessort Zurzach dürfte der Angeklagte aber nicht zufrieden sein: Er hatte im Vorfeld gleich gegen sämtliche Bezirksgerichte des Kantons ein Ausstandsbegehren eingereicht. Dieses wurde von der Inspektionskommission des Obergerichtes jedoch abgelehnt und der Fall dem Bezirksgericht Zurzach zugeteilt. Dieser Entscheid ist noch nicht rechtskräftig. In Zurzach soll der Prozess stattfinden, weil auch Aarauer Amtspersonen auf der Todesliste des Angeklagten standen – unter anderen der Bezirksamtmann. Bereits die Untersuchung war vom Bezirksamt Baden vorgenommen worden

Sein Anwalt zeigte sich aber am Mittwoch davon überzeugt, dass das Bezirksgericht Zurzach durchaus in der Lage sei, einen fairen Prozess zu machen. Er sprach dem Gericht sein Vertrauen aus. Der Verteidiger bestand bei der Vorverhandlung einzig darauf, dass sein Mandant kein Terrorist sei. «Man mag ihn als Waffenliebhaber oder gar Waffennarr bezeichnen, aber er ist sicher keine Gefahr für die Gesellschaft.»

Was spielte sich vor zwei Jahren ab?

Das Ausstandsbegehren war nicht die einzige juristische Aktion des Angeklagten: Er hatte versucht, die beiden Polizisten der Sondereinheit «Argus», die auf ihn geschossen hatten, vor Gericht zu bringen. Das Obergericht jedoch wies im Juni eine Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft in zweiter Instanz ab. Die Polizisten hätten aus Notwehr gehandelt und sich damit nicht strafbar gemacht, begründete das Obergericht den Entscheid.

Zum Schusswechsel kam es 13. November 2008. In einem Einfamilienhaus-Quartier in Buchs bei Aarau hatte sich der damals 50-jährige verschanzt. Vor dem Haus hatte sich die Sondereinheit «Argus» postiert. Hans S. gab mehrere Schüsse ab, woraufhin die Sondereinheit schliesslich das Haus stürmte und schoss zwei Mal auf den Mann. Er musste schwer verletzt ins Kantonsspital eingeliefert werden. Der Sozialhilfebezüger war der Polizei und den Justizbehörden als Waffennarr bekannt. Er sah sich nach Angaben des Untersuchungsrichters als «Opfer von Behördenwillkür».

Folterpläne gegen 26 Personen

Im Haus wurden nach dem Vorfall rund 20 Pistolen und automatische Waffen, Schalldämpfer, grosse Mengen Munition und Sprengstoff sichergestellt. Weiter fand die Polizei Hinweise auf konkrete technische und organisatorische Vorkehrungen, um 26 Personen – nach vorheriger Folter – zu töten. Zu den geplanten Opfer zählten auch mehrere Amtspersonen aus dem Kanton Aargau.

Die Staatsanwaltschaft wertet die Schüsse des Mannes als versuchte vorsätzliche Tötung: Er habe versucht, mit der Pistole auf Kantonspolizisten zu schiessen. Er muss sich des Weiteren wegen strafbarer Vorbereitungshandlungen zu mehrfachem Mord verantworten, wie das Bezirksgericht Zurzach mitteilte. Der Staatsanwalt beantragt darum elf Jahre Freiheitsstrafe wegen vorsätzlicher Tötung und Vorbereitungshandlungen zu mehrfachem Mord und danach eine Verwahrung.

Für den 50-jährigen Hans S. wird es nicht die erste Gerichtsverhandlung: Er war im Januar 2008 vom Aargauer Obergericht in zweiter Instanz wegen sexueller Nötigung und Pornografie zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die unbedingt ausgesprochene Strafe hatte der 50-Jährige bis zur späteren Tat noch nicht angetreten. (ann/sda)

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