Aktualisiert 27.11.2009 15:40

Zürich

Schuld ohne Strafe

Beim Bau des neuen Letzigrund-Stadions ist ein mazedonischer Arbeiter mit einer Plattform in den Tod gestürzt. Ein fehlbarer Arbeitskollege des Opfers wurde nun verurteilt. Da er beim Sturz selber schwer verletzt worden war, verzichtete das Gericht auf eine Strafe.

von
Attila Szenogrady

Der tragische Vorfall geschah am 15. Mai 2007. Kurz vor Mittag stürzte bei der Baustelle des neuen Letzigrund-Stadions plötzlich ein Gerüst zusammen. Zwei mazedonische Bauarbeiter stürzten mit einer Plattform rund 15 Meter weit in die Tiefe. Während ein heute 34-jähriger Hilfsarbeiter mit schwersten Verletzungen überlebte, fand sein 43-jähriger Vorgesetzter aufgrund von inneren Blutungen sofort den Tod.

Falschen Keil entfernt

Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl leitete eine Strafuntersuchung ein und erhob im Juli 2008 Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Der Vorwurf richtete sich gegen den Arbeiter, der den Sturz überlebt hatte. Laut Anklageschrift hatte dieser in pflichtwidriger Unvorsichtigkeit ausgerechnet einen tragenden Keil aus dem Gerüst geschlagen. Worauf die gesamte Plattform in die Tiefe sauste. Die Anklagebehörden stützten sich nicht nur auf die Aussagen eines Vorarbeiters, sondern auch auf einen Polizeibericht über die Unfallursache. Der Strafantrag lautete auf eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu zehn Franken.

Vergeblich Unschuld beteuert

Vor dem Bezirksgericht Zürich beteuerte der beschuldigte Arbeiter seine Unschuld und liess seinen Verteidiger auf einen vollen Freispruch plädieren. Im Wesentlichen machte der Angeklagte markante Erinnerungslücken geltend.

Allerdings vergeblich. Wie das Bezirksgericht Zürich am Freitag mitteilte, hat es den Angeschuldigten wegen fahrlässiger Tötung für schuldig befunden. Es stuft die Darstellungen des Angeklagten als Schutzbehauptungen ein.

Aber keine Strafe

Allerdings nahm das Gericht aufgrund der schwersten und teilweise bleibenden Verletzungen des Angeklagten Umgang von einer Bestrafung. Das Gericht stützte sich dabei auf den Artikeln 54 des Strafgesetzbuches ab. Demnach sehen die Richter von einer Bestrafung ab, wenn der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist, dass eine Strafe unangemessen wäre.

Vorläufig offen bleiben aber noch die finanziellen Folgen. Das Gericht hat zwar den Angeschuldigten grundsätzlich verpflichtet, der Witwe sowohl Schadenersatz als auch Genugtuung zu bezahlen. Über die genaue Höhe der Summen soll aber ein Zivilgericht entscheiden.

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