Schuldisziplin: Eltern drohen vermehrt mit dem Anwalt
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Schuldisziplin: Eltern drohen vermehrt mit dem Anwalt

Ohrfeigen im Klassenzimmer sind tabu, Disziplinregeln aber verschärfen sich. Die Eltern finden das nicht lustig.

In Winterthur wurde ein Lehrer einen Monat vor der Pensionierung freigestellt, weil er einen seiner Sechstklässler auf den Kopf geschlagen haben soll. Die Mutter des Schülers reichte darauf Anklage gegen den betreffenden Lehrer ein, der seit Jahren unterrichtet. Dieser Fall hat unter den Lehrpersonen eine heftige Diskussion ausgelöst.

Mit «Timeouts» gegen renitente Schüler

Mancherorts beklagen die Pädagogen fehlende Machtmittel gegenüber ihren Schülern. Dem widerspricht Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, entschieden: «Die Disziplinregeln sind in vielen Schulen verschärft worden.» Ausdruck dieser Verschärfung sind beispielsweise Handyverbote oder Bussen für Eltern, die nicht mit der Schule zusammen arbeiten wollen. Zudem seien heute in vielen Kantonen sogenannte «Timeouts» in der Schulverordnung verankert. Dies gibt den Schulen die Möglichkeit, renitente Schüler für längere Zeit zu suspendieren, «ohne dass der fehlbare Schüler am nächsten Tag wieder im Klassenzimmer sitzt, denn das bringt überhaupt nichts», sagt Zemp. «Man muss in solchen Fällen die aufschiebende Wirkung durch Einsprachen von Eltern entziehen können, wie dies zur Zeit im Kanton Baselland diskutiert wird.»

Doch mit den verschärften Schulreglementen tut sich die Erziehergeneration anscheinend schwer. Zemp: «Die Eltern drohen vermehrt mit dem Anwalt gegen solche disziplinarischen Massnahmen.» Zahlen hat Zemp keine. Die verschärften Massnahmen seien juristisch jedoch «sauber geregelt», sagt Zemp mit Verweis auf das Anstaltsrecht. Das "Timeout" hält Zemp in schwierigen Fällen als «Ultima Ratia» für sinnvoll. «Sie müssen die Schüler schon eine gewisse Zeit suspendieren können, sonst wirkt das nicht.»

Körperstrafen sind tabu

Kein Gehör hat der Zentralpräsident für die Stimmen, die sich die Körperstrafe als Disziplinierungswaffe für die Lehrer zurückwünschen. «Das geht nicht. Körperstrafen sind im Klassenzimmer absolut tabu.» So hat auch das Bundesgericht in den Neunzigerjahren in einem «Ohrfeigen-Fall» geurteilt. Das Urteil war ein Wendepunkt für die Pädagogen, ist sich Zemp sicher. «Ich kenne keinen Lehrer, der Körperstrafen als Erziehungsmittel anwenden will.» Die Stimmen, die dies fordern, seien aus «einer Generation, die sich die alten Erziehungsmethoden zurückwünscht. Das geht einfach nicht. Ein Lehrer kann mit Körperstrafen kein Vertrauensverhältnis aufbauen.»

Marius Egger, 20minuten.ch

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