Abhörskandal: Schuldspruch für Ex-Chef von «News of the World»
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AbhörskandalSchuldspruch für Ex-Chef von «News of the World»

Im Prozess um die britische Abhöraffäre ist der frühere Chefredaktor von «News of the World» schuldig gesprochen worden. Die mitangeklagte Rebekah Brooks wurde hingegen freigesprochen.

David Camerons Ex-Regierungssprecher Andy Coulson ist im Murdoch-Skandal um abgehörte Mobiltelefon-Sprachboxen schuldig gesprochen worden. Dem ehemaligen Chefredaktor von «News of the World» droht eine Haftstrafe, das Strafmass steht noch nicht fest. Coulsons Vorgängerin auf diesem Posten, Rebekah Brooks, wurde jedoch von allen Anklagepunkten freigesprochen.

Nach einem 138 Tage langen Prozess am Londoner Strafgerichtshof Old Bailey befand eine Jury am Dienstag, Coulson habe von den illegalen Abhörmethoden des britischen Boulevardblatts gewusst und sie toleriert.

Rebekah Brooks in allen Anklagepunkte freigesprochen

Rebekah Brooks sprach die Jury hingegen in allen elf Anklagepunkten frei. Der engen Vertrauten des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch konnte nicht nachgewiesen werden, in das Abhören von mehr als 600 Mobiltelefonen teils sehr prominenter Opfer verwickelt gewesen zu sein.

Der Abhörskandal hatte hohe Wellen geschlagen: Murdoch sah sich im Juli 2011 gezwungen, das Boulevardblatt endgültig zu schliessen. Coulson musste später von seinem Posten als Mediensprecher Camerons, den er nach seiner Zeit als Chefredaktors angetreten hatte, zurücktreten.

Die Nähe zur Regierung gab der Affäre besondere politische Brisanz. Cameron entschuldigte sich am Dienstag öffentlich dafür, Coulson eingestellt zu haben.

Schillernde Persönlichkeit

Unter den Abhöropfern waren neben Politikern auch Mitglieder des Hofs und andere Prominente. Für Empörung sorgte vor allem, dass auch Angehörige getöteter Soldaten und Verbrechensopfer abgehört wurden. Unter diesen war auch eine vermisste britische Schülerin, die im Jahr 2002 schliesslich ermordet aufgefunden wurde.

In der Wahrnehmung des Verfahrens drehte sich vieles um Brooks' schillernde Person. Die 46-Jährige hatte sich in der männerdominierten britischen Medienwelt zielstrebig nach oben gearbeitet und schreckte Berichten zufolge vor wenig zurück.

Einmal hatte sie sich demnach etwa als Putzfrau verkleidet und sich zwei Stunden lang in einer Toilette bei einer Konkurrenzzeitung versteckt, um deren Frühausgabe zu stehlen. Für die Boulevardmedien spielte zudem eine aussereheliche Affäre zwischen Coulson und Brooks eine zentrale Rolle.

Abgang nach Verurteilung von Palastreporter

Coulson hatte im April zugegeben, die Bestechung eines Polizisten gebilligt zu haben. Der Vorfall liegt elf Jahre zurück: Damals hatte der damalige Palastreporter Clive Goodman um Zustimmung gebeten, einem Polizisten ein Telefonbuch der Königsfamilie für tausend Pfund (heute etwa 1520 Franken) abkaufen zu dürfen. Trotz der Warnung, dies könne die Betroffenen auf die Anklagebank bringen, gab Coulson nach eigenen Angaben grünes Licht.

Der 46-Jährige verliess die «News of the World» im Jahr 2007, nachdem Goodman wegen des Abhörens von Telefonaten Prominenter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Er fand im Kommunikationsteam von Cameron einen neuen Job.

Auch Brooks' Ehemann freigesprochen

Das Urteil vom Dienstag betrifft auch Brooks' Ehemann Charlie, den Sicherheitschef von Murdochs Verlag «News International», Mark Hanna, Brooks' frühere Assistentin Cheryl Carter und den ehemaligen Redaktionsleiter Stuart Kuttner, die allesamt freigesprochen wurden.

Das Gericht behielt sich jedoch vor, gegen Coulson und Goodman weitere Verfahren anzustrengen. Coulson muss sich zudem im Herbst in Schottland in einem weiteren Verfahren wegen Meineids verantworten. (sda)

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