Aktualisiert 02.02.2020 09:18

In Stelleninserat

Schule wirbt mit kleinem Ausländeranteil

In einem Stelleninserat einer Thuner Schule steht, sie biete den Bewerbern «überdurchschnittlich wenig Kinder mit Migrationshintergrund». Die Passage sorgt für Empörung.

von
J. Probst
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Mit einem Stelleninserat sucht die Primarschule Göttibach in Thun eine Klassenlehrperson.

Mit einem Stelleninserat sucht die Primarschule Göttibach in Thun eine Klassenlehrperson.

Keystone/Peter Schneider
Darin streicht die Schule hervor, was sie der gesuchten Lehrperson alles zu bieten hat. Ein Punkt: «überdurchschnittlich wenig Kinder mit Migrationshintergrund.»

Darin streicht die Schule hervor, was sie der gesuchten Lehrperson alles zu bieten hat. Ein Punkt: «überdurchschnittlich wenig Kinder mit Migrationshintergrund.»

Für die Präsidentin des Lehrerverbands, Dagmar Rösler, ist diese Passage problematisch: «Es liest sich so, als mache es die Stelle attraktiver, dass wenig Ausländer an der Schule sind», sagt sie.

Für die Präsidentin des Lehrerverbands, Dagmar Rösler, ist diese Passage problematisch: «Es liest sich so, als mache es die Stelle attraktiver, dass wenig Ausländer an der Schule sind», sagt sie.

Die Primarschule Göttibach in Thun sucht eine Klassenlehrperson – mit einem ungewöhnlichen Angebot. Die Schule streicht im Stelleninserat heraus, was sie der gesuchten Lehrperson alles zu bieten hat. So dürfen Bewerber etwa ihr Pensum selber definieren und sich auf ein «innovatives und aufgestelltes Kollegium» freuen.

Ein Punkt lässt aufhorchen: Die Primarschule bietet der Lehrperson gemäss Stelleninserat «überdurchschnittlich wenig Kinder mit Migrationshintergrund» (siehe Bildstrecke). In anderen Worten: Die Lehrperson muss nur mit wenigen ausländischen Kindern arbeiten.

«Absolutes No-Go»

Die Präsidentin des Lehrerverbands, Dagmar Rösler, hält nichts von dieser Passage: «Das ist problematisch und vermittelt falsche Signale», sagt sie zu 20 Minuten. «Es liest sich so, als mache es die Stelle attraktiver, dass wenig Ausländer an der Schule sind.» Dabei suchten Lehrerinnen und Lehrer gar nicht explizit solche Stellen, so Rösler.

«Das geht überhaupt nicht», sagt auch Personalexperte Matthias Mölleney, Leiter des Zentrums für Personalmanagement der Hochschule für Wirtschaft Zürich. Er wird deutlich: «Eine solche Aussage ist ein absolutes No-Go. Von so einer Aussage ist es nicht mehr sehr weit bis zum Rassismus.»

Schulleiterin: «Nicht wertend gemeint»

Die Schulleiterin der Thuner Schule, Regine Gfeller, verteidigt das Inserat: Dass der Ausländeranteil tief sei, stehe dort, weil sich die Bewerber oft danach erkundigten. «Sie wollen wissen, auf was für eine Stelle sie sich da bewerben, wie die Klassenzusammensetzung ist und wie das Quartier aussieht. Diese Faktoren beeinflussen den Schulalltag doch ziemlich.»

Gfeller betont aber: «Die Aussage ist überhaupt nicht wertend gemeint.» Es sei lediglich eine Sachinformation zum Stellenprofil. Es sei nicht grundsätzlich besser, wenige Kinder mit Migrationshintergrund in der Klasse zu haben, sondern «einfach anders». Sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass das missverstanden werden könnte, so Gfeller.

Für Personalexperte Mölleney unverständlich: «Das ist sicher keine Sachinformation. Der Arbeitgeber stellt es als Vorzug dar, dass dort nur wenige Ausländer zur Schule gehen.» So eine Aussage habe in einem Stelleninserat unter «Wir bieten» nichts zu suchen. Zumal die Schule den Ausländeranteil auch überhaupt nicht beeinflussen und somit «bieten» könne.

Inserat mittlerweile angepasst

Die Thuner Schulkommission bedauert die «unglückliche» Formulierung im Stelleninserat, wie Präsident Mark van Wijk (FDP) schreibt: «Die Thuner Volksschulen sind offen für alle Kinder der Stadt Thun.» Das Vorgehen sei «definitiv nicht allgemeine Praxis in der Stadt». Die Schulkommission begrüsse die rasche Anpassung durch die verantwortliche Schulleitung.

Denn nach der Anfrage von 20 Minuten hat Schulleiterin Gfeller die Passage aus der Online-Stellenanzeige gelöscht: Die Schule bedanke sich für den Hinweis, dass die Aussage missverständlich sei, schreibt Gfeller. Die Ausschreibung sei sofort entsprechend angepasst worden: «Wir bedauern, wenn wir jemanden durch diese unglückliche Formulierung verletzt haben.»

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