Aktualisiert 27.01.2012 11:05

Treffen der Mächtigen«Schwab macht aus heisser Luft Millionen»

Er schätzt den WEF-Gründer Schwab als klugen, brillanten Mann. Seine Veranstaltung aber findet Jean Ziegler total skandalös: «Davos ist die Ideologiefabrik der Kosmokraten.»

von
Sandro Spaeth
Kapitalismuskritiker Jean Ziegler: «Die Gierigen kommen wegen der korrektiven Psychotherapie ans WEF».

Kapitalismuskritiker Jean Ziegler: «Die Gierigen kommen wegen der korrektiven Psychotherapie ans WEF».

Sie kennen WEF-Gründer Klaus Schwab persönlich. Sie beide sind Professoren an der Uni Genf. Hat er Sie nicht zu seiner diesjährigen Veranstaltung eingeladen?

Jean-Ziegler: Nein. Ich bin gegen diesen WEF-Zirkus. Es geht dort nicht um Dialoge, sondern um Machtbeziehungen. Das WEF mit seinen inhaltsleeren Mottos ist eine korrektive Psychotherapie. Die Herren der Welt, die Kosmokraten, die am Forum teilnehmen, haben einen schlechten Ruf und leiden darunter. Klaus Schwab richtet sie wieder auf.

Haben Sie das Herrn Schwab schon mal gesagt?

Klaus Schwab kennt meine Meinung. Er ist ein kluger, brillanter und freundlicher Mann. Ich bewundere ihn. Ihm gelingt es, mit seinem WEF-Zirkus, der nichts anderes ist als heisse Luft, ein Millionenvermögen zu machen.

Was stört Sie sonst noch am WEF?

Der grosse Skandal ist die Hörigkeit des Bundesrats. Er macht bei diesem Privatfest mit und lässt auch noch den Steuerzahler dafür aufkommen. 5000 Soldaten und Polizisten müssen den Anlass bewachen. Zudem wird auf alle eingeschlagen, die in Zürich und Bern ihr Recht auf freie Meinungsäusserung wahrnehmen und gegen das WEF demonstrieren.

Herr Ziegler, am WEF bräuchte es Kritiker wie Sie!

Ich bin im internationalen Organisationskomitee des Weltsozialforums, das 2001 als Gegenbewegung zum WEF ins Leben gerufen wurde und gleichzeitig stattfindet. Zu Beginn probierte Klaus Schwab die Kritiker aus Porto Alegre (Brasilien) per Live-Übertragung zuzuschalten. Ich votierte aber immer gegen solche Scheindialoge.

Weshalb?

Dem WEF genehme Kritiker sind so nur Schaufensterpuppen. Was wir hingegen aufbauen müssen, ist eine Zivilgesellschaft, die gegen die Kosmokraten aufsteht.

Das WEF tut so, als könne es die Welt verbessern.

Das WEF ist die Ideologiefabrik der Kosmokraten. Es werden in jedem Jahr Ziele gesetzt, aber man kommt nie darauf zurück. Eines der Primärziele 2011 war die weltweite Nahrungsmittelspekulation zu kontrollieren. Sie ist einer der Hauptgründe für den Hunger. Getan wurde nichts.

Woran erkennen Sie das?

Der Preis einer Tonne Reis hat sich in einem Jahr verdoppelt, eine Tonne Weizen ist sogar um 111 Prozent gestiegen. Die Nahrungsmittelspekulation ist 2011 explodiert. Letztes Jahr starben 36 Millionen Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Unverständlich ist, dass man am WEF nicht auf das Thema zurückkommt. 2012 spricht Klaus Schwab lieber von irgendwelchen Global Shapers... Das WEF fabriziert die Legitimationstheorie für die kannibalische Weltordnung.

Es wird immer vom Geist von Davos gesprochen. Was halten Sie davon?

Auch das haben Schwabs PR-Fritzen erfunden. Es ist doch Unsinn zu sagen, dass die Herren der Welt in Davos zusammenkommen, um Beziehungen zu knüpfen. Wenn man Präsident von Nestlé, Novartis oder einer Grossbank ist, kann man doch das Telefon nehmen und jedermann anrufen – von Merkel bis zu Sarkozy. Es braucht kein WEF. Die Gierigen kommen wegen der korrektiven Psychotherapie.

Sie schrieben einst, die Hälfte der Konzernherren und Banker, die nach Davos kommen, sollten längst im Gefängnis sein. Schadet dieses Gebell nicht ihrer Glaubwürdigkeit?

Mittlerweile sollten drei Viertel im Gefängnis sein! Wer mit Nahrungsmitteln spekuliert und damit Millionen Menschen ins Unglück stürzt, gehört hinter Gitter. Was ich sage, ist nicht polemisch, ich analysiere. Als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates bin ich in der glücklichen Situation, dass ich klar reden kann.

Sie geniessen UNO-Immunität. Würden Sie sonst nicht so stark kritisieren?

Da müsste ich etwas mehr aufpassen. Ich hatte neun Prozesse am Hals, als mir während meiner Zeit als Nationalrat die Immunität aufgehoben wurde. Die UNO-Immunität ist viel stärker. Die Kläger müssten an den Internationalen Gerichtshof nach Den Haag.

Ihre deutlichen Worte haben Sie schon viel Geld gekostet. Denken Sie manchmal, da hätte ich doch besser den Mund gehalten?

Nein. Wenn man wie ich das Privileg eines Uno-Mandats und damit Zugang zu Informationen hat, dann muss man eine klare Sprache sprechen. Wenn ich sagen würde, die Kosmokraten, die in Davos zusammenkommen, seien Wohltäter, könnte ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen.

Sie sind einer der ältesten Kapitalismuskritiker und werden in diesem Frühjahr 78 Jahre alt. Dürfen die Mächtigen auf Ihren baldigen Ruhestand hoffen?

So lange man am Leben ist, soll man kämpfen. Insbesondere wenn man so unglaublich privilegiert ist wie ich. Ein Intellektueller wird nie pensioniert. Das würde ja bedeuten, mit Denken aufzuhören. Beim Skifahren fahre ich zwar mittlerweile etwas langsamer. Aber sonst bin ich bestens bei Kräften.

Zieglers Bekannte: Che Guevara und Jean-Paul Sartre

Der Genfer Soziologieprofessor Jean Ziegler (77) hat sich durch seine Bücher als Radikalkritiker des globalisierten Finanzkapitalismus einen Namen gemacht. Mehrere davon wurden internationale Bestseller: «Das Imperium der Schande», «Der Hass auf den Westen», «Die Lebenden und der Tod». Ziegler sass für die SP insgesamt 18 Jahre im Nationalrat. Von 2000 bis 2008 war Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. 2008 wurde er in den beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates gewählt. Seit 2010 ist er dessen Vizepräsident. Ziegler war mit dem Revolutionsführer Che Guevara bekannt. Zu seinen Freunden gehörten zudem Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Sie hatten Zieglers bürgerlichen Name Hans gestrichen und in Jean geändert. (sas)

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