Risiken und Nutzen - «Schwangere sollten sich impfen» – «Das würde ich nie tun»
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Risiken und Nutzen«Schwangere sollten sich impfen» – «Das würde ich nie tun»

Zwei von drei Schwangeren lassen sich nicht gegen Corona impfen, schätzt der Chefarzt der Frauenklinik Bern. Das sei fahrlässig, warnt er. Die schwangere R.A.* sagt, warum sie auf die Impfung verzichtet.

von
Anja Zingg
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R. A.* ist im achten Monat schwanger. Impfen lassen möchte sie sich nicht.

R. A.* ist im achten Monat schwanger. Impfen lassen möchte sie sich nicht.

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A. fürchtet sich vor unbekannten Risiken: «Ich habe Angst, dass die Impfung meinem Kind schaden könnte.»

A. fürchtet sich vor unbekannten Risiken: «Ich habe Angst, dass die Impfung meinem Kind schaden könnte.»

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Daniel Surbek, Chefarzt der Frauenklinik des Inselspitals Bern, dagegen, empfiehlt die Impfung allen Schwangeren - aufgrund der aktuellen Situation.

Daniel Surbek, Chefarzt der Frauenklinik des Inselspitals Bern, dagegen, empfiehlt die Impfung allen Schwangeren - aufgrund der aktuellen Situation.

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Darum gehts

  • Da die Fallzahlen steigen, sollen Schwangere sich impfen lassen, findet ein Chefarzt.

  • R. A.* ist im achten Monat schwanger, auf die Covid-Impfung verzichtet sie jedoch.

  • N. R.* hingegen liess sich impfen, sobald es für Schwangere möglich war.

Die 31-jährige R. A. aus dem Raum Zürich wird in einem Monat das erste Mal Mutter. Impfen lassen will sie sich nicht: «Das würde ich nie tun. Ich habe Angst, dass die Impfung meinem Kind schaden könnte.» Das Risiko sei ihr schlicht zu gross und die wissenschaftliche Datenlage zu dünn. Natürlich habe sie auch Respekt vor einer Corona-Infektion. Aber sie sei gesund, habe keine Vorerkrankungen und halte sich an die Hygieneregeln.

Ihr Hausarzt hat R. die Impfung empfohlen. Ihre Gynäkologin riet ihr ab, schlussendlich hörte sie auf ihre Gynäkologin. R. ist überzeugt, dass sie den richtigen Weg gewählt hat. Auch ihr Umfeld habe sie in ihrem Entscheid immer unterstützt. «Ich habe sehr tolerante Freunde und Familie, niemand hat mir bei meinem Entscheid reingeredet.»

Angst vor Ansteckung im Spital

Die 38-jährige N. R. (38) dagegen griff gleich zum Telefon, als sie erfuhr, dass sich Schwangere nun gegen Corona impfen lassen können. «Ich habe sofort meinen Hausarzt angerufen und einen Termin vereinbart.» R. befürchtete, sich im anstehenden Spitalaufenthalt bei der Geburt mit Corona anzustecken: «Dort habe ich es nicht in der Hand, wie gut sich die Leute an die Hygieneregeln halten.» Ein zweiter Grund sei gewesen, dass es Anzeichen gäbe, dass Antikörper auch durch die Plazenta auf das Ungeborene übergehen und später dann auch über die Muttermilch (siehe Box). R.s Umfeld reagierte gespalten: «Einige fanden es vernünftig, andere fahrlässig.» Inzwischen hat R. eine kleine Tochter. «Wir sind beide putzmunter und haben keinerlei Schäden.»

Sich als Schwangere impfen lassen oder nicht? Das Bundesamt für Gesundheit ist vorsichtig: «Die Impfung in der Schwangerschaft wird nicht generell empfohlen, solange keine ausreichenden Studiendaten insbesondere zur Sicherheit von Mutter und Kind vorliegen», heisst es in der aktuellen Impfempfehlung. Empfohlen werde die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff für schwangere Frauen ab dem zweiten Trimester mit chronischen Krankheiten, sowie schwangere Frauen mit einem erhöhten Expositionsrisiko (beispielsweise Gesundheitspersonal) für eine Covid-19-Erkrankung.

«Fehlgeburten bei Corona-Infektion möglich»

Daniel Surbek, Chefarzt der Frauenklinik des Inselspitals Bern, dagegen, empfiehlt die Impfung allen Schwangeren - aufgrund der aktuellen Situation. «Das BAG sagt ganz klar, dass exponierte Schwangere sich impfen lassen sollen. Die Fallzahlen steigen und es ist mit einer vierten Welle zu rechnen. Das Expositionsrisiko in diesen Wochen ist besonders gross.» Surbek geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Frauen, die in der Frauenklinik in Bern gebären, gegen Covid geimpft sind. «Gesicherte Zahlen dazu gibt es aber keine.»

Die Chance, sich jetzt anzustecken, ist grösser, als noch vor ein paar Wochen. «Auch Schwangere gehen zur Arbeit, einkaufen oder in ein Restaurant.» Im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen kommt es bei Schwangeren öfters zu schweren Verläufen, bei einer Corona-Infektion. Bei einem schweren Verlauf besteht das Risiko einer Frühgeburt.

Frau soll selbst entscheiden

Surbek, der Vorstandsmitglied bei der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist, betont, dass es schlussendlich immer die Entscheidung der Frau ist, ob sie sich impfen lassen möchte. Er sagt aber auch: «Weltweit sind bereits Hunderttausende Schwangere geimpft. In Studien, in denen geimpfte und ungeimpfte Schwangere verglichen werden, gibt es keine Anzeichen, dass es in der Schwangerschaft von Frauen nach einer Covid-Impfung zu mehr Fehlgeburten, Fehlbildungen oder Komplikationen kommt.»

Und auch wer plant, schwanger zu werden, kann sich laut Surbek bedenklos impfen: «Ich sehe in meiner täglichen Arbeit viele Frauen, die geimpft sind und schwanger wurden. Und auch die Schwangerschaft verläuft normal.» Hinsichtlich der Fruchtbarkeit ist die Impfung absolut bedenkenlos.

Generell möchte der Chefarzt allen jungen Personen ans Herz legen: «Wer jung ist, hat natürlich ein kleineres Risiko, einen schweren Verlauf durchzumachen. Aber mit einer Impfung schützt man eben nicht nur sich selbst, sondern insbesondere auch seine Mitmenschen.»

*Name der Redaktion bekannt.

Gewisser Schutz ist möglich

Impfen während Stillzeit?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA untersuchten die Muttermilch stillender Mütter. Die ersten Ergebnisse zeigen: Der Impfstoff ist in der Muttermilch nicht nachweisbar. Jedoch fanden die Forscher Antikörper gegen Covid-19, die von der Mutter nach der Impfung produziert worden waren.

Die Studien zum Thema seien zwar klein, jedoch vielversprechend, so eine Forscherin der University of California in San Francisco. Noch ist nicht klar, ob und wie sehr die gefundenen Antikörper Babys vor einer Corona-Infektionen schützen können.

Dass eine Coronainfektion die Muttermilch verändern kann, zeigt dieser Fall eindrücklich: Eine junge Mutter steckte sich kurz nach der Geburt ihrer Tochter mit Covid-19 an. Darauf nahm ihre Muttermilch eine grüne Farbe an. Ihr Arzt und Stillberater konnte sie jedoch beruhigen: Die Farbveränderung sei wahrscheinlich auf die Antikörper zurückzuführen, die ihr Körper entwickelt habe, um das Virus abzuwehren und ihr Baby zu schützen.

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