Finanzkrise: «Schwarzer Montag» an den Börsen
Aktualisiert

Finanzkrise«Schwarzer Montag» an den Börsen

Die Finanzkrise hat am «schwarzen Montag» in der US-Bankenwelt einen neuen Höhepunkt erreicht und Schockwellen an den weltweiten Börsen ausgelöst. Zwei der grössten US-Investmentbanken verschwinden.

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Notverkauf des Rivalen Merrill Lynch verunsicherten die Anleger an der Wall Street tief. Der New Yorker Aktienmarkt schloss deutlich im Minus. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte notierte zum Handelsschluss mit einem Minus von 4,42 Prozent bei 10 917 Punkten, sein grösster Tagesverlust seit Juli 2002.

Der breiter gefasste S&P-500 schloss mit seinem stärksten Tagesverlust seit September 2001 4,69 Prozent tiefer bei 1192 Zählern. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor 3,6 Prozent und ging mit 2179 Punkten aus dem Handel.

Börsen weltweit im Minus

Die Börsen in Asien und Europa waren nach den zahlreichen Hiobsbotschaften aus dem US-Finanzsystem beeits früher um drei bis fünf Prozent eingebrochen. Die Schweizer Börse SWX schloss mit einem Minus von 3,8 Prozent bei 6939 Punkten.

Nach vergeblichen Rettungsversuchen ist die über 150 Jahre alte Bank Lehman Brothers, die viertgrösste Investmentbank der USA, zahlungsunfähig. Die Nummer drei der Branche, Merrill Lynch, wird von der Bank of America aufgekauft.

Das Gesicht der US-Finanzbranche hat sich damit schlagartig verändert: An der Wall Street gibt es mit Goldman Sachs und Morgan Stanley nur noch zwei unabhängige Investmentbanken statt fünf wie noch vor einem halben Jahr.

Kaum Auswirkungen auf Bankenplatz Schweiz

Der dramatische Umbruch auf dem US-Bankenmarkt hat nach Ansicht der Eidgenössische Bankenkommission (EBK) jedoch keine direkten Auswirkungen auf den Bankenplatz Schweiz. Die Bankguthaben seien sicher. Die Schweizer Banken seien komfortabel mit Eigenmitteln ausgestattet.

Als konstruktiven Beitrag zur Stabilisierung der Lage bezeichnete die EBK den Liquiditätsschirm im Umfang von 70 Mrd. Dollar, den zehn internationale Grossbanken, darunter auch die UBS und die CS, gespannt haben. Das zeige, wie wichtig eine gute Kapitalausstattung für eine Bank sei.

Retten, was zu retten ist

Lehman Brothers beantragte Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts. In dem Verfahren kann sie zunächst ihre Geschäfte weiterführen, ohne von ihren Geldgebern überrannt zu werden. Nun sollen unter Zeitdruck die lebensfähigen Teile der Bank mit insgesamt 26 000 Mitarbeitern verkauft werden.

Die verzweifelten Rettungsbemühungen für Lehman Brothers scheiterten letztlich daran, dass die US-Regierung in anderen Fällen geleistete Staatshilfen ausschloss und die Branche nicht bereit war, die milliardenschweren Risiken zu übernehmen.

Das Problem von Lehman waren vor allem Ramschpapiere aus dem Immobiliensektor. Zuletzt hielt die Bank Vermögenswerte von 600 Mrd. Dollar, die nur mit 30 Mrd. Dollar Eigenkapital unterlegt waren.

Bankchef Dick Fuld erkannte zu spät, dass sein Institut dringend eine Kapitalspritze benötigte. Als sich Lehman schliesslich auf die Suche nach einem Retter begab, war es zu spät, da die Finanzmärkte bereits das Vertrauen verloren hatten.

Merrill Lynch gerettet - dank Verkauf

Merrill Lynch wurde in der Nacht auf Montag von der Bank of America aufgefangen. Die Bank of America, die lange auch als Retterin für Lehman umworben wurde, zahlt für Merrill Lynch rund 50 Mrd. Dollar in Aktien.

Die Bank of America bietet 0,8595 Stammaktien für jede Merrill- Lynch-Stammaktie, was 29 Dollar pro Papier entspricht. Das ist ein Aufschlag von gut 70 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag. Im Mai dieses Jahres war das Merrill-Papier noch 50 Dollar wert, im Januar 2007 sogar 90 Dollar.

Merrill Lynch war zuletzt wegen Milliardenverlusten und einem drastischen Kursverfall immer stärker unter Druck geraten.

Das nächste Drama

Bereits kündigt sich das nächste Drama an: Die American International Group (AIG), einer der weltgrössten Versicherer, bat die US-Notenbank (Fed) um einen Überbrückungskredit von 40 Mrd. Dollar. Neue Investoren sollen zudem für eine dringend benötigte weitere Finanzspritze von mehr als 10 Mrd. Dollar sorgen. AIG erlitt zuletzt Milliardenverluste, und der Aktienkurs fiel um 45 Prozent.

Die US-Notenbank kündigte ihrerseits Massnahmen zur Unterstützung der Finanzmärkte an. Damit sollten «die potenziellen Risiken und die Störungen des Marktes abgeschwächt werden», erklärte Fed-Chef Ben Bernanke. Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpte 30 Mrd. Euro zusätzlich in den Geldmarkt. (sda)

Verluste auch an den lateinamerikanischen Börsen

Die Börse im brasilianischen São Paolo erlitt am Montag die grössten Verluste an einem Tag seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York.

Der Aktien-Index Bovespa des grössten Handelsplatzes für Wertpapiere des Subkontinents schloss 3976,53 Zähler (7,95 Prozent) niedriger bei 48 416,33 Punkten.

Auch in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires mussten die Anleger herbe Verluste hinnehmen. Der Merval-Index rauschte dort 85,51 Zähler (5,19 Prozent) auf 1562,14 Punkte in die Tiefe.

Der IPC-Index in Mexiko-Stadt kam angesichts dieser Verluste vergleichsweise glimpflicher mit einem Minus von 970,25 Zählern (3,79 Prozent) und einem Schlussstand von 24 618,15 Punkten davon.

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