31.07.2020 10:53

Vergleich

Schweden hat strengere Corona-Massnahmen als die Schweiz

Schweden galt als Land mit den lockersten Corona-Auflagen. Doch schon vor Wochen ist es von der Schweiz überholt worden.

von
Claudius Seemann
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Schweden galt im Frühling als Land mit den lockersten Massnahmen gegen das Coronavirus und wurde dafür sowohl gelobt als auch kritisiert.

Schweden galt im Frühling als Land mit den lockersten Massnahmen gegen das Coronavirus und wurde dafür sowohl gelobt als auch kritisiert.

KEYSTONE
Die Fahlzahlen in Schweden sind jedoch in den letzten Wochen deutlich zurückgegangen (im Bild: der Epidemiologe Anders Tegnell). In der Schweiz steigen sie aber derzeit an.

Die Fahlzahlen in Schweden sind jedoch in den letzten Wochen deutlich zurückgegangen (im Bild: der Epidemiologe Anders Tegnell). In der Schweiz steigen sie aber derzeit an.

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Schon seit Juni hat die Schweiz weniger strenge Auflagen als Schweden. Darauf machte vor kurzem auch Epidemiologe Christian Althaus auf Twitter aufmerksam.

Schon seit Juni hat die Schweiz weniger strenge Auflagen als Schweden. Darauf machte vor kurzem auch Epidemiologe Christian Althaus auf Twitter aufmerksam.

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Darum gehts

  • Mit den lockeren Corona-Auflagen wird Schweden wegen seiner Freiheiten gelobt, aber wegen hoher Infektions- und Todesfällen auch kritisiert.
  • Doch die Schweiz schon hat bereits seit Juni weniger strenge Auflagen als Schweden.
  • Auch ein von der Universität Oxford berechneter Index zeigt, dass die Schweiz lockere Auflagen als Schweden hat.

Schweden galt im Frühling als Land mit den lockersten Massnahmen gegen das Coronavirus: Im Gegensatz zu anderen Ländern liess es nie Restaurants oder Bars schliessen. Das Modell wurde von den einen wegen ihrer Freiheiten gelobt, von anderen angesichts der hohen Infektions- und Todesfallraten kritisiert. In den letzten Wochen zeigt sich nun ein anderes Bild: Der Siebentagedurchschnitt ist in Schweden mit rund 190 Fällen pro Tag rückläufig, während er in der Schweiz mit 135 Fällen pro Tag ansteigt.

Ein Vergleich zeigt: Mit den letzten Lockerungsschritten und dem Ende der ausserordentlichen Lage hat die Schweiz schon seit Juni weniger strenge Auflagen als Schweden. Darauf machte vor kurzem auch der Epidemiologe Christian Althaus auf Twitter aufmerksam: «Von Unterstützern der ‹Herdenimmunität›-Idee wird dieser Umstand gerne verschwiegen», schreibt er auf Twitter.

Doch inwiefern sind die Schweden strenger als die Schweizer? 20 Minuten listet die wichtigsten Punkte auf.

Nationales Besuchsverbot in Altersheimen

In Schweden gilt im ganzen Land nach wie vor ein Verbot für Besuche in Altersheimen. Ein Leiter eines Altersheims kann in besonderen Fällen jedoch Ausnahmen bewilligen. Die Schweiz hat die Bestimmungen für Altersheime seit Mai bereits schrittweise gelockert; unterdessen dürfen Besucher die Räumlichkeiten wieder betreten. Einzelne Altersheime hierzulande wurden wegen neuer Corona-Fälle für Besucher jedoch gesperrt.

Keine Ansammlungen von mehr als 50 Leuten

Öffentliche Versammlungen und Veranstaltungen sind in Schweden schon seit 29. März nur bis 50 Personen erlaubt. Die Regel gilt noch heute: Die Polizei ist nach wie vor befugt, durchzugreifen und eine Versammlung aufzulösen. Wer eine Veranstaltung, wie zum Beispiel eine Demonstration, organisiert und gegen die 50er-Regel verstösst, kann gemäss Verordnung der schwedischen Regierung mit einer Geldstrafe oder gar einer Freiheitsstrafe von einem halben Jahr bestraft werden. In der Schweiz wurde ab 6. Juni zunächst eine 300-Personen-Regel eingeführt und das Versammlungsverbot vom Bundesrat schliesslich ganz ausgesetzt.

In Bars und Restaurants darf man nur sitzen

Von der schwedischen Regierung wird vorgeschrieben, dass die Gäste in den Restaurants und Bars sitzen müssen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Zudem sollen die Restaurantbetreiber sicherstellen, dass die Gäste einen Abstand von einem Meter einhalten und nicht in zu grossen Menschenmengen anstehen. In der Schweiz gilt seit 22. Juni keine bundesrätliche Anordnung mehr für Restaurants: Für diese gilt das Schutzkonzept der Gastrobranche.

Einreisesperre für ausserhalb von EU/Efta

Mit Ausnahme von 12 Ländern wird in Schweden für alle Bürger von ausserhalb der EU- oder Efta-Staaten die Einreise verweigert. Möglich ist die Einreise zum Beispiel aus dem Vereinigten Königreich oder der Schweiz. Bei der Schweiz ist die Einreise bei 21 Ländern ausserhalb der Schengen-Staaten möglich – bei binationalen Paaren macht sie jedoch nun in sämtlichen Drittstaaten eine Ausnahme. Im Gegensatz zu Schweden besteht hierzulande bei der Einreise aus gewissen Staaten jedoch eine Quarantänepflicht.

Schweiz eines der lockersten Länder

Anhand von neun Anhaltspunkten hat die Universität den «Government Response Stringency Index» berechnet, mit welchem sich die Stärke der Corona-Massnahmen der Länder vergleichen lässt. Auch gemäss diesem Index zeigt sich, dass die Schweiz weniger strenge Schutzbestimmungen als Schweden hat.

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Die Studie untersuchte verschiedene Länder hinsichtlich ihrer Corona-Massnahmen.

Die Studie untersuchte verschiedene Länder hinsichtlich ihrer Corona-Massnahmen.

Screenshot University of Oxford
Bei der Schweiz zeigt sich im Mai deutliche Lockerungsschritte. Ein Langzeitvergleich zwischen der Schweiz und Schweden zeigt aber …

Bei der Schweiz zeigt sich im Mai deutliche Lockerungsschritte. Ein Langzeitvergleich zwischen der Schweiz und Schweden zeigt aber …

Screenshot University of Oxford
… dass Schweden mittlerweile stärkere Massnahmen hat.

… dass Schweden mittlerweile stärkere Massnahmen hat.

Screenshot University of Oxford

Hinsichtlich Maskenpflicht ist Schweden wiederum liberaler als die Schweiz. Während bei uns das Tragen von Masken im ÖV, Tram und Bus Pflicht ist, werden in Schweden lediglich Empfehlungen herausgegeben.

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449 Kommentare
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Chief

01.08.2020, 15:39

Die Fallzahlen bzw. Infektionsherde mit den stärksten Neuinfektionen (Bars, Clubs, dann Familienfeste bzw. private Feste) zeigen eindeutig, wo zu stark gelockert wurde bzw. wo sich die Menschen / Veranstalter nicht / zu wenig an die Empfehlungen des BAG halten. Im ÖV nehme ich die Einhaltung der Regeln als gut wahr, wenn sicher noch Potenzial nach oben besteht. Man wird in der Schweiz voraussichtlich wieder strengere Regeln, Massnahmen einführen müssen, da in bestimmten Situationen sich die Menschen kaum an die Empfehlungen halten. Die meisten Ansteckungen verzeichnen in den letzten Wochen Menschen zwischen 20 - 40 Jahre. Vielleicht spielt auch der Alkoholeinfuss eine Rolle in gewissen Momenten, da gehen vielleicht die guten Vorsätze vergessen. Will die Politik die Infektionszahlen tief halten, so müssen wieer strengere Regeln eingeführt werden, gerade im Hinblick auf Herbst, Winter, wo wir uns wieder vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten werden.

Dirk

01.08.2020, 13:49

Im Gegensatz zur Schweiz haben sie die sozialen, wirtschaftlichen und demokratischen Verhältnisse nicht geschädigt...

Peter

01.08.2020, 08:49

Viele Leute In der Schweiz halten soch nicht an die Maskenpflicht im ÖV. Sie setzten die Masken erst auf, wenn sie im Zug Platz nehmen oder sogar erst wenn sie Kontrolleure sehen. Alles ist viel zu lasch, weil es keine Bussen gibt!