Aktualisiert 03.08.2006 16:31

Schweden knapp an Nuklear-Katastrophe vorbeigeschrammt

Im schwedischen Oskarshamn sind nach einem schweren Zwischenfall zwei Atomreaktoren abgeschaltet worden. Auch in Forsmark musste ein Meiler abgeschaltet werden. Experten sprechen vom schwersten Zwischenfall seit Tschernobyl.

Die Betreibergesellschaft erklärte, der Schritt auf Mittwochabend sei erfolgt, weil die Sicherheit in der Anlage in Oskarshamn nicht garantiert werden könne. In der vergangenen Woche war bereits im Forsmark-Kraftwerk nördlich der Hauptstadt während eines Stromausfalls ein Fehler bei den Ersatzgeneratoren aufgetreten. Daraufhin wurden dort einer der Reaktoren abgeschaltet. Nur weil zwei der vier baugleichen Dieselaggregate doch noch ansprangen, konnte in Forsmark ein Teil der Notkühlung wieder in Betrieb genommen werden. Näher käme man an eine Kernschmelze nicht heran, sagte der Kernkraftexperte Lars-Olov Höglund der schwedischen Zeitung «Svenska Dagbladet».

Die Nuklearbehörde SKI rief am Donnerstag eine Krisensitzung ein. SKI-Sprecher Anders Bredfell erklärte, die beiden Atommeiler in Oskarshamn blieben so lange ausser Betrieb, bis geklärt sei, ob die Ersatzgeneratoren dort auf die gleiche Weise versagen könnten wie in Forsmark. Die schwedische Sektion von Greenpeace rief die Regierung auf, eine vorläufige Stilllegung aller Atomkraftwerke in Betracht zu ziehen. Es müsse festgestellt werden, ob es sich hier um einen serienmässigen Konstruktionsfehler handele. Der Zwischenfall in Forsmark habe gezeigt, wie leicht der Reaktorkern hätte schmelzen können.

In Deutschland forderte Greenpeace als Reaktion auf den schwedischen Störfall eine Überprüfung der Notstromversorgung für deutsche Atomkraftwerke. Ein früherer SKI-Direktor habe selbst davon gesprochen, dass es «nur mit purem Glück nicht zu einer Kernschmelze» gekommen sei, erklärte Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace: «Das Atomkraftwerk ist durch den Störfall fast zwanzig Minuten lang im Geisterbetrieb gefahren, bis die Belegschaft den Betrieb des Kraftwerks manuell wieder in den Griff bekam.»

Der energiepolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Hans-Josef Fell, forderte von der Bundesregierung sofortige Aufklärung über den schweren Zwischenfall im Atomkraftwerk Forsmark. «Eine Kernschmelze hätte katastrophale Konsequenzen für ganz Nord- und Mitteleuropa haben können»,erklärte Fell. Er wollte darüber hinaus wissen, warum das Bundesumweltministerium die deutsche Öffentlichkeit nicht offiziell über die Vorkommnisse informiert habe.

Die umweltpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Eva Bulling-Schröter, erklärte, nach Medienberichten habe die Herstellerfirma der Generatoren des schwedischen Atomreaktors bereits seit den 90er Jahren von der «Konstruktionsschwäche» gewusst und dieses Wissen nicht beziehungsweise erst nach einem Zwischenfall in einem deutschen Atomkraftwerk weitergeben. «Dies lässt sehr an der Glaubwürdigkeit der Herstellerfirmen zweifeln», erklärte Bulling-Schröter.

Nach den jüngsten Abschaltungen sind in Schweden derzeit nur noch fünf von insgesamt zehn Atomreaktoren im Betrieb. Ein weiterer Reaktor in Forsmark sowie einer in Ringhals wurden zwecks jährlicher Wartungsarbeiten schon früher abgeschaltet. Die schwedische Energiebehörde betonte jedoch, dass die Stromversorgung im Land weitgehend gesichert sei, da man in den Sommermonaten auf Wasserkraft zurückgreifen könne. (dapd)

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