03.04.2020 18:58

Sonderweg in der Corona-Krise

«Schweden steuert direkt in einen Sturm»

Schweden macht in der Corona-Krise so ziemlich alles anders als andere. Langsam aber sicher kommen Zweifel am Sonderweg auf.

von
gux
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Ein Brandherd des Coronavirus in Schweden ist Stockholm, wo es allerdings kaum Restriktionen gibt.

Ein Brandherd des Coronavirus in Schweden ist Stockholm, wo es allerdings kaum Restriktionen gibt.

Reuters
Die Bars sind offen.

Die Bars sind offen.

Reuters/Reuters Staff
Ebenso die Restaurants und Cafés.

Ebenso die Restaurants und Cafés.

Reuters/tt News Agency

Schweden geht während der Corona-Krise einen Sonderweg. So sind Kindergärten und Grundschulen weiter offen, bis vor ein paar Tagen lag die Grenze für Versammlungen sogar noch bei 500 Menschen. Selbst Skianlagen wurden eben erst geschlossen – dort machten die Leute bis eben noch Aprés-Skipartys.

Besuche in Altersheimen wurden diese Woche nun untersagt, in Stockholm, einem der Brandherde, sind die Restaurants aber noch immer offen und die Menschen trinken Kaffee in der Frühlingssonne.

Schwedischer Gemeinsinn und Staatshörigkeit

Dass Schweden auf relativ laxe Massnahmen setzt, liegt auch an Anders Tegnell, dem schwedischen Pendant zu unserem BAG-Koch. Der Epidemiologe der Volksgesundheitsbehörde will zwar kein Laissez-faire-Prinzip in dieser Krise, aber eben: auch keine tiefgreifenden Beschränkungen. Er und die schwedische Regierung setzen weitgehend auf die Vernunft der Bevölkerung, auf den schwedischen Gemeinsinn und vor allem auf das historisch gewachsene Vertrauen in die Regierung, die manche auch als Staatshörigkeit bezeichnen.

Doch langsam beginnt sich wegen des eingeschlagenen Wegs Skepsis breitzumachen. Immerhin ist die Zahl der Toten im Vergleich zur Bevölkerungsgrösse in Schweden höher als in Norwegen, Dänemark oder Finnland. Das liege daran, dass die Länder sich in verschiedenen Phasen befänden, so Tegnells Antwort, und die Unterschiede hingen auch mit den bislang infizierten Altersgruppen zusammen. Die statistischen Kurven für Schweden stiegen langsam, aber sicher, was der Wissenschaftler als Bestätigung für den bislang eingeschlagenen Weg sieht.

Gesundheitsbehörde meldet bis zu 30 Tote täglich

Hochrangige schwedische Wissenschaftler hingegen fordern schon länger eine Kursänderung. Die Regierung müsse den Kontakt zwischen den Menschen im Land kräftig einschränken und viel mehr testen. Schulen und Restaurants sollten geschlossen werden, bis man mehr über die Situation wisse. «Wir steuern direkt in einen Sturm», schreibt ein schwedischer Historiker in der «Financial Times». Und britische Medien zitieren einen schwedischen Wissenschaftler, wonach es in Schweden bereits eine Million Infizierter geben könnte, obwohl die offiziellen Zahlen weniger als 6000 Angesteckte angeben. Gemäss seinem Modell werden bis zum 30. April bis zu 5 Millionen Schweden das Virus in sich tragen.

Die Forderung, Schweden solle wie andere Länder den internationalen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO folgen, dürften in den kommenden Tagen noch lauter werden. Heute, Freitag, meldete die schwedische Gesundheitsbehörde 333 Corona-Todesfälle. Täglich kämen zwischen 25 und 30 hinzu. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen stieg um 612 auf die besagten rund 6000.

Angesichts dieser Zahlen überrascht es nicht, dass in der Öffentlichkeit ein Umdenken einsetzt: 31 Prozent der Schweden befürworten Umfragen zufolge mittlerweile eine Abriegelung des Corona-Herds Stockholm.

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