Meggen: Schweine ja, Kinder nein – abruptes Ende für pionierhafte Waldschule

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MeggenSchweine ja, Kinder nein – Behörden setzen pionierhafter Waldschule ein abruptes Ende

Die Naturbasisstufe in Meggen ist die erste und einzige öffentliche Waldschule der Schweiz – und eigentlich ein voller Erfolg. Doch: Die Schulleitung hat nun überraschend das Aus verkündet. Der Wald werde zu stark beansprucht. Der Ärger darüber ist gross.

von
Matthias Giordano
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Das Tipi des Naturkindergartens in Meggen. Im Hintergrund die Jurte für die Naturbasisstufe. Spätestens im Sommer 2023 müssen die Jurte und die Schüler und Schülerinnen wieder weg sein.

Das Tipi des Naturkindergartens in Meggen. Im Hintergrund die Jurte für die Naturbasisstufe. Spätestens im Sommer 2023 müssen die Jurte und die Schüler und Schülerinnen wieder weg sein.

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Sie sei zu nah am Wald gelegen, dadurch werden der Wald und der Waldrand zu stark beansprucht, heisst es vonseiten der Gemeinde.

Sie sei zu nah am Wald gelegen, dadurch werden der Wald und der Waldrand zu stark beansprucht, heisst es vonseiten der Gemeinde.

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Die Naturbasisstufe ist ein europaweit einzigartiges Projekt, das versucht, Kindern in Verbindung mit ihrer Umwelt Wissen zu vermitteln.

Die Naturbasisstufe ist ein europaweit einzigartiges Projekt, das versucht, Kindern in Verbindung mit ihrer Umwelt Wissen zu vermitteln.

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Darum gehts

  • Der Waldkindergarten und die Naturbasisstufe in Meggen sind ein schweizweit einzigartiges Projekt. Pädagogen, Eltern sowie die Kinder selbst sind vom Erfolg überzeugt.

  • Dennoch wollen die Schulleitung und die Gemeinde den Unterricht im Wald nun beenden. Der Wald werde dadurch zu stark belastet, heisst es von der Gemeinde.

  • Der Forstwart und Besitzer der Wald- und Landfläche jedoch widerspricht: Die Kinder seien äusserst sensibel mit der Natur. Er meint: «Diese Kinder wissen mehr über den Wald als die meisten Erwachsenen.»

  • Kurios: Ganz in der Nähe des Areals der Waldschule dürfen ab 2023 Schweine durch den Wald trampeln. Schulkindern jedoch bleibt das ab nächstem Sommer verwehrt.

Rund 50 Schülerinnen und Schüler und 45 Kindergärtlerinnen und Kindergärtler lernen in Meggen in der freien Natur. Die Naturbasisstufe ist ein europaweit einzigartiges Projekt. Kindern wird dort in direkter Verbindung mit ihrer Umwelt Wissen vermittelt. Eigentlich ist die Waldschule ein voller Erfolg. Naturpädagogen aus dem ganzen Land bejubeln die Pionierarbeit. Eine anonyme Befragung zeigt eine überwältigende Zufriedenheit und Unterstützung seitens der Eltern und Kinder. Erst im Sommer wurde eine Masterarbeit über die Naturbasisstufe in Meggen mit dem Förderpreis Master of Arts in Design von der Hochschule Luzern ausgezeichnet.

Doch all das nützt offenbar nichts. Am Donnerstagabend haben Schulleitung und Gemeindepräsident den Eltern und Lehrerinnen und Lehrern ihren Entscheid mitgeteilt: Den Unterricht im Wald wird es ab nächstem Jahr nicht mehr geben. Lediglich der Kindergarten soll beibehalten werden.

Der Grund: Eine Gesamtbeurteilung im Frühling habe ergeben, «dass die Nutzungen und Einrichtungen sowie die Anzahl der Klassen das zuständige Mass für die Beanspruchung von Wald, Waldrand und Landwirtschaftszone bei weitem überschreiten», erklärte sich die Gemeinde Meggen gegenüber der «Luzerner Zeitung».

Für die Waldschule wurden an einem Waldrand ein Tipi, eine Jurte und andere kleinere Einrichtungen, wie eine Toilette, aufgebaut. Das Projekt wurde 2018 als Kindergarten gestartet und zwei Jahre später auf eine Naturbasisstufe ausgeweitet. Das heisst, Erst- und Zweitklässler lernen dort gemischt. Die kantonale Dienststelle Raum und Wirtschaft (Rawi) hatte 2018 eine Ausnahmebewilligung für ein Tipi und einen Bauwagen erteilt – die gelte jedoch nicht für die 2020 aufgestellte Jurte. 

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«Diese Kinder wissen mehr über den Wald als die meisten Erwachsenen»

«Dass die Kinder den Wald zu stark belasten, sehe ich so überhaupt nicht», sagt Walter Scherer. Er ist Forstwart und Besitzer der beanspruchten Land- und Waldfläche. Im Gegenteil, die Kinder seien äusserst sensibel mit der Natur. «Als sie mir halfen, Bäume zu setzen, wurde jeder Wurm vor einer Schaufel gerettet und umplatziert», erzählt er. Am Mittag seien die Kinder von sich aus 30 Minuten ruhig, damit die Tiere und Vögel im Wald auch mal ihre Ruhe hätten. «Diese Kinder wissen mehr über den Wald als die meisten Erwachsenen», so Scherer. 

Schweine ja, Kinder nein.

Skurril dabei: In der Nähe des Areals der Waldschule dürfen ab 2023 Schweine durch den Wald trampeln. Das Projekt «SchweinErleben» soll ein Forschungs- und Bildungsangebot für Schulklassen sowie für die breite Bevölkerung sein. Dort könne man dann «Schweine in ihrem Alltag beobachten, wie sie durch den Wald streifen, gemeinsam die Weide erkunden oder sich im feuchten Schlamm abkühlen», heisst es auf der Webseite. Unterstützt wird das Projekt von der Albert-Koechlin-Stiftung

Auf die Frage hin, ob denn ein Schwein oder ein Kind den Wald mehr belaste, muss der Forstwart lachen. Das sei eine einfache Frage: «Die Kinder sorgen sich um die Pflanzen und Tiere. Ein Schwein macht das nicht.» Eine Lösung für das Problem sehe er in einer Gesetzesänderung der Zonenplanung. Es müsse eine Möglichkeit geben, wie ein solcher Unterricht angeboten werden kann. «Inhaltlich bleiben leider viele Fragen offen», sagt Melanie Kistler. Sie vertritt den Vorstand der IG Naturpädagogik Meggen, ein Zusammenschluss von Eltern und Interessierten, die sich für den Waldunterricht einsetzen. «Es ist nicht klar, ob eine Rettung des Projekts nicht doch möglich wäre oder gewesen wäre». 

Gemeinde und Schulleitung sperren sich

Was bleibt, ist tiefer Frust bei Eltern sowie den Projektbeteiligten. Weder das Rawi noch die Gemeinde und die Schulleitung selbst hätten sich mit dem Projekt genügend auseinandergesetzt: «Anfangs sei die Ausnahmebewilligung für Bereiche ausgegeben worden, auf denen es physikalisch gar nicht möglich war, die Bauten zu errichten», erzählt ein Beteiligter gegenüber 20 Minuten. Auch hätten die Projektmitarbeitenden mehrfach versucht, Lösungen anzubieten, wie der Wald weniger belastet wird, der Unterricht aber dennoch in Teilen dort stattfinden kann. Bei der Gemeinde und der Schulleitung aber sei man damit auf taube Ohren gestossen. 

René Duss, Gesamtschulleiter in Meggen, wollte sich zu den Vorwürfen nicht äussern und verwies an die Gemeinde. Gemeindepräsident Urs Brücker war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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