Aktualisiert 14.01.2020 19:29

Mängel im Schlachthof«Schweine sterben mit schlimmsten Schmerzen»

Kein Wasser zum Trinken, Schlachtung ohne Betäubung – die Zustände in vielen Schweizer Schlachthöfen sind laut einer Analyse ungenügend. Das sagt die Fleischbranche dazu.

von
sda/ihr
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Obwohl in der Schweiz strenge Richtlinien betreffend Tierwohl für Schlachthöfe bestehen, werden die rechtlichen Vorschriften von vielen Betrieben nur ungenügend befolgt. (Symbolbild)

Obwohl in der Schweiz strenge Richtlinien betreffend Tierwohl für Schlachthöfe bestehen, werden die rechtlichen Vorschriften von vielen Betrieben nur ungenügend befolgt. (Symbolbild)

Keystone/Georgios Kefalas
Zehn Prozent der Schweizer Schlachtbetriebe, insgesamt 67 Schalchthöfe, wurden zwischen Januar 2018 und März 2019 durch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV kontrolliert. (Symbolbild)Das Fazit ist ernüchternd: Obwohl die rechtlichen Vorschriften zum Schutz der Tiere beim Schlachten gut seien, würden sie in den meisten Betrieben nur ungenügend befolgt. (Symbolbild)

Zehn Prozent der Schweizer Schlachtbetriebe, insgesamt 67 Schalchthöfe, wurden zwischen Januar 2018 und März 2019 durch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV kontrolliert. (Symbolbild)Das Fazit ist ernüchternd: Obwohl die rechtlichen Vorschriften zum Schutz der Tiere beim Schlachten gut seien, würden sie in den meisten Betrieben nur ungenügend befolgt. (Symbolbild)

Keystone/Melanie Duchene
So fehlen bei der Unterbringung über Nacht häufig tierartgerechte Tränken und fast immer Futter, Einstreu und Beschäftigungsmaterial. Zudem gab es auch Mängel bei der obligatorischen Tierkontrolle nach zwölf Stunden. (Symboldbild)

So fehlen bei der Unterbringung über Nacht häufig tierartgerechte Tränken und fast immer Futter, Einstreu und Beschäftigungsmaterial. Zudem gab es auch Mängel bei der obligatorischen Tierkontrolle nach zwölf Stunden. (Symboldbild)

Keystone/Juerg Mueller

Rund 67 Schlachthöfe, also zehn Prozent der Schweizer Schlachtbetriebe, wurden zwischen Januar 2018 und März 2019 durch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV kontrolliert. Das Fazit ist ernüchternd: Obwohl die rechtlichen Vorschriften zum Schutz der Tiere beim Schlachten gut seien, würden sie in den meisten Betrieben nur ungenügend befolgt.

Zwar gehen die kontrollierten Betriebe mit den Tieren schonend um. Trotzdem bestehen gravierende Mängel, insbesondere im Bereich des Tierwohls. So fehlen bei der Unterbringung über Nacht häufig tierartgerechte Tränken und fast immer Futter, Einstreu und Beschäftigungsmaterial. Zudem gab es auch Mängel bei der obligatorischen Tierkontrolle nach zwölf Stunden.

Betäubung und Entblutung

Vor allem in Betrieben mit geringer Kapazität fehle oft die Kontrolle des Betäubungserfolgs vor der Tötung der Tiere. Teilweise sei die Stromleistung bei der Elektrobetäubung bei schweren Schweinen nicht ausreichend. Oft werde die Betäubungszange nicht korrekt angesetzt, und die Zeitspanne zwischen Betäuben und Entblutungsschnitt sei manchmal zu lang. Auch die Kontrolle des Entblutungserfolgs ist in kleinen Schlachtbetrieben nicht immer gewährleistet. Abweichungen bestehen aber auch bei der Fleischkontrolle, insbesondere bei Betrieben mit geringer Kapazität.

Die Mängel sind gemäss dem Bericht in der Regel auf fehlendes Bewusstsein beziehungsweise ungenügende Schulung zurückführbar. Auch Hektik im Schlachtprozess oder ungenügende Ressourcen begünstigen die Missstände. Im Bericht des BLV heisst es: «In fast keinem Betrieb wurde das Tierwohl absichtlich verletzt.» Grundsätzlich sind die Betreiber der Schlachtbetreiebe für den Empfang und den schonenden Umgang mit den Tieren bis zur Schlachtung verantwortlich. Diese sollten möglichst wenig belastet werden.

Selbstkontrolle und amtliche Kontrolle

Die hierfür vorgegebenen obligatorischen Selbstkontrollen müssen von den Betrieben dokumentiert werden. Amtliche Tierärzte wiederum sind verpflichtet, stichprobenweise diese Selbstkontrollen zu überprüfen. Doch sei es grundsätzlich nicht nachvollziehbar, wie die Veterinärdienste die tatsächliche Situation über Unterbringung, Betäubung und Entblutung in Schlachtbetrieben überwachen, so der Bund.

Die Auswahl der Betriebe für die Analyse sei zwar nicht repräsentativ, da teilweise bewusst Risiko-Betriebe ausgewählt wurden, die bereits früher kantonalen Inspektionen aufgefallen sind. Trotzdem fordert das BLV die zuständigen kantonalen Vollzugsbehörden dazu auf, bei den mangelhaften Betrieben sofort eine tierschutzkonforme Situation wiederherzustellen.

Schmerzen und Stress

Einer der schlimmsten im Bericht des BLV aufgedeckten Mängel ist die fehlende Kontrolle des Betäubungserfolgs vor dem Schlachten, so Cesare Sciarra vom Schweizer Tierschutz. Denn die Tiere würden erst betäubt. Erst dann, wenn sie nichts mehr spüren sollten, werden sie mit dem Messer entblutet. Das Entbluten führt zum Tod des Tieres. «Wenn die Betäubung nicht richtig durchgeführt wird und niemand bemerkt es, dann ist das Tier bei Bewusstsein, wenn der Metzger mit dem Messer den Entblutestich durchführt, und es wird unter minutenlangen schlimmsten Schmerzen sterben.»

Aber auch die mangelnde Einrichtung für die Haltung über Nacht mache den Tieren zu schaffen, so Cesare: «Wenn bei Übernachtungen die Haltungsbedingungen nicht stimmen, dann leiden die Tiere im schlimmsten Fall unter Durst und Hunger, legen sich je nachdem nicht hin und ermüden, haben Stress.»

Laut Cesare habe seine Organisation bereits 2014 auf dieselben Probleme hingewiesen. Eine Verbesserung könne ihm zufolge erreicht werden, indem die Ausbildung der Schlachthofmitarbeiter, vor allem in den kleinen und mittleren Schlachtbetrieben, deutlich verbessert wird.

Auch die Einrichtungen in den Schlachthöfen und die Gerätschaften zur Betäubung müssten massiv verbessert werden. «Vor allem braucht es aber auch mehr und genügend ausgebildete amtliche Kontrolleure, damit sie den Überwachungsaufgaben im Schlachthof gewachsen sind», so Sciarra. «Die Schlachtbetriebe tragen bei mangelnder Ausrüstung die volle Verantwortung.»

«Das Ergebnis ist ernüchternd»

Regula Kennel, Leiterin Unternehmensentwicklung beim Fleischfachverband Proviande, sagt, dass das Ergebnis nicht überrasche, da in die Analyse extra auch problematische Schlachtbetriebe aufgenommen worden seien. «Es ist aber tatsächlich ernüchternd», sagt sie. Denn durch diese Auswahl hätten Schwachpunkte aufgedeckt und unmittelbar an die Hand genommen werden können. «Die Tierschutzvorschriften sind klar, sie müssen eingehalten werden. Dort, wo das nicht der Fall ist, muss der Vollzug reagieren», so Kennel.

Die Fleischbranche habe sich zum Ziel gesetzt, dass auf allen Stufen vorbildliche Verhältnisse für das Wohl der Nutztiere vorzufinden sein müssten, sagt Kennel. Deshalb biete Proviande Schlachtbetrieben, Behörden und Ausbildungsanbietern überall wo nötig Unterstützung an, um den Tierschutz während der Schlachtung sicherzustellen und Verbesserungen einzuleiten.

«Seit der Analyse wurde von den Schlachtbetrieben bereits viel zur Verbesserung der Situation beigetragen», sagt Kennel. Dies würde in erster Linie zum Wohl der Tiere beitragen, sei letztlich aber auch wichtig, um auch das Vertrauen der Konsumenten in die Schweizer Gesetzgebung und deren Einhaltung zu erhalten.

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