Aktualisiert 27.11.2009 15:29

Verschwörungstheorie

Schweinegrippe-Virus aus dem Labor?

Seit Mai behauptet der australische Forscher Adrian Gibbs, das A/H1N1-Virus könnte einem Labor entsprungen sein. Erst jetzt veröffentlichte er seinen lang erwarteten Bericht zum Thema. Aus einem Labor entwichene Viren - ein abwegiger Gedanke? Nicht, wenn es nach Einschätzungen eines Schweizer Experten geht.

von
Runa Reinecke

Adrian Gibbs, ein Spinner, Verschwörungstheoretiker oder gar ein übler Wichtigtuer? Nichts von all dem - so lässt sich vermuten - trifft auf den 75-jährigen Forscher zu. Auch wenn seine jüngst im Fachmagazin «Virology Journal» veröffentlichte Hypothese kühn daher kommt: Das Schweinegrippe-Virus könnte durch einen «Labor-Unfall» entstanden und versehentlich in die Welt jenseits der Mauern eines Forschungsinstituts gelangt sein. Ein Horrorszenario, über das 20 Minuten Online bereits im Mai berichtete - Steven Spielberg hätte das nicht besser inszenieren können.

« ...Hypothesen konnten unseren Erkenntnissen nicht Stand halten»

Kaum hatte der Wissenschaftler (er war massgeblich an der Entwicklung des in Tamiflu und Relenza enthaltenen Anti-Grippe-Wirkstoffs Oseltamivir beteiligt) seinen damals noch unveröffentlichten Bericht angekündigt, prüfte die Weltgesundheitsorganisation WHO Gibbs' Vorab-Publikation. Dort kam man zum Schluss, dass das A/H1N1-Virus kein Produkt menschlicher Manipulation sei. WHO-Sprecher Keiji Fukada erklärte damals: «Wir haben den Bericht verschiedenen Experten vorgelegt - Gibbs' Hypothesen konnten unseren Erkenntnissen allerdings nicht Stand halten».

«Ich halte das nicht für abwegig ...»

Einschätzung hin oder her: Die Vorstellung, das A/H1N1-Virus könnte einem Labor entkommen sein, löst Unbehagen aus. Doch wie wahrscheinlich ist es überhaupt, dass ein Virus einer Forschungsanstalt entweichen kann? Völlig absurd ist ein solches Horrorszenario Christian Griot zufolge keineswegs: «Ich halte das nicht für komplett abwegig. Durch eine schlecht gewartete Infrastruktur ist so etwas durchaus denkbar», meint der Direktor des Instituts für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe (IVI) in Mittelhäusern (BE) auf Anfrage von 20 Minuten Online.

Beim IVI wird mit verschiedensten Tierviren hantiert - auch mit dem Schweinegrippe-Virus. Aus diesem Grund herrscht dort die höchste Sicherheitsstufe vier: Wer das Labor betritt, muss sich splitternackt ausziehen und erhält nach dem Durchschreiten einer Schleuse Arbeitskleidung. Damit keine Erreger in die Aussenwelt getragen werden können, sind die Sicherheitsmassnahmen beim Verlassen der Labors noch massiver: Erst nach penibler Einhaltung eines speziellen Duschprozederes und dem Wechseln der Kleidung kommt man hier wieder raus. Tiere verlassen das Institut nie lebend - sie müssen nach den Versuchen getötet und erhitzt werden. Eine Massnahme, die einer möglichen Verbreitung von Laborviren vorbeugt.

Abwasser, Abfälle ... alles wird erhitzt

Selbst Abwasser und Abfälle werden so vor dem Abtransport sterilisert. Massnahmen, die unbedingt nötig sind: 2007 drangen Maul-und-Klauenseuche-Viren durch das Abwasser eines Labors in Grossbritannien in die Aussenwelt. Diverse Rinderzuchten Südenglands waren damals von der Erkrankung betroffen.

Dass sich eine derartige Katastrophe wiederholen könnte - vielleicht sogar mit einem für Menschen gefährlichen Virus - will auch Griot nicht ausschliessen: «Die Wahrscheinlichkeit, dass Viren unser Labor unkontrolliert verlassen, liegt bei 0.01 Prozent. In einem Labor in Afrika oder im asiatischen Raum könnte die Quote durchaus bei etwa fünf Prozent liegen.»

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