Schweiz droht Stromengpass

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Schweiz droht Stromengpass

Walter Steinmann, Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE), warnt vor einem Stromengpass, der die Schweiz spätestens im Winter 2012 treffen könnte. Bundespräsident Moritz Leuenberger schliesst die Kernkraft als Option nicht aus.

Den klimapolitischen Vorteil der Kernkraftwerke dürfe man nicht übersehen, sagt der Energieminister in einem in der «SonntagsZeitung» erschienenen Interview. Allerdings dauere es wegen der Verfahrenswege lange Jahre, bis ein Kernkraftwerk gebaut sei. Die Akzeptanz sei zudem fraglich.

Keine Frage ist dagegen für die Spezialisten, dass rasch etwas geschehen muss, um die drohende Versorgungslücke zu schliessen. Bisher gingen sie von einer spürbaren Verknappung im Jahr 2020 aus. In jenem Jahr werden die Kernkraftwerke Mühleberg und Beznau rund 50 Jahre alt sein.

Stromverbrauch steigt

Es sei vernüftig, diese dann vom Netz zu nehmen, sagte Steinmann in einem Interview mit der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» vom Samstag. Inzwischen rechnen die Fachleute jedoch schon mit ersten Stromengpässen in kalten Nächten des Winters 2012 - eine Folge der derzeitigen Zunahme des Stromverbrauchs.

Steinmann schwebt eine Art Mosaiklösung vor, bei der alle Vorschläge in einen Topf geworfen werden. Mit einem Stromsparprogramm, das vor allem die Gebäude betrifft, könnte der Stromengpass um zwei bis drei Jahre hinausgezögert werden. Bei der Energieeffizienz der Gebäude will auch Leuenberger ansetzen.

Sowohl Leuenberger als auch Steinmann unterstreichen, das die Versorgungssicherheit gegen den Klimaschutz abzuwägen sei. «Dazu braucht es in den nächsten zwei bis drei Jahren einen Kompromiss», sagt Steinmann in einem in der «NZZ am Sonntag» veröffentlichten Interview. Denn klar sei: «Wir brauchen ab 2012 neue Kraftwerke.»

Übergangslösungen sieht Steinmann in Form von Gaskraftwerken. Der Ständerat entschied allerdings, dass Gaskraftwerke ihren CO2- Ausstoss zu 100 Prozent kompensieren müssen. Ob sich das noch rechne, müsse die Stromwirtschaft entscheiden, sagte der BFE- Direktor der «NZZ am Sonntag».

Er bezweifle aber, dass in der Schweiz unter diesen Bedingungen die Versorgungssicherheit mit Gaskraftwerken sichergestellt werden könne, sagt Steinmann. Der Ball liegt nun beim Nationalrat, der einen Weg finden müsse, «wie man die Versorgungssicherheit gewährleisten kann - ohne die Klimaziele zu gefährden».

Möglicher Kompromiss

Ein Kompromiss könnte darin bestehen, Gas als Übergangslösung zu sehen und die Zahl der Kraftwerke zu beschränken, wie Steinmann ausführt. «Gleichzeitig brauchen wir klare Rahmenbedingungen dafür, dass die fossile Stromproduktion in der Schweiz gegenüber dem Ausland einigermassen konkurrenzfähig ist.»

Ohne Gaskraftwerke löse sich der klimapolitische Widerspruch nicht auf, hält Leuenberger fest und verhehlt nicht, dass er froh über die CO2-Abgabe ist. Würden Gaskraftwerke jenseits der Landesgrenzen gebaut, geschehe dies ohne Verpflichtung zur Kompensation des CO2-Ausstosses.

Als umweltpolitisch noch schlimmer erachtet es Leuenberger, den fehlenden Strom einfach aus dem Ausland zu importieren. Dieser stamme nämlich aus Gas- und immer mehr aus Kohlekraftwerken. Potenzial sieht Leuenberger bei den erneuerbaren Energien.

Auch Steinmann erachtet Bioenergie oder Geothermie - sowie in 20 bis 25 Jahren auch Sonnenenergie - als vielversprechende Technologien. Doch nicht erst seit dem künstlichen Erdbeben in Basel sei die Geothermie nur eine langfristige Perspektive. (sda)

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