Aktualisiert 11.07.2019 14:07

«Frauenberufe» gefragt

Schweiz fehlen bald bis zu 500'000 Arbeitskräfte

In den nächsten zehn Jahren nimmt der Mangel an Arbeitskräften massiv zu, so eine UBS-Studie. Sie nimmt die Männer in die Pflicht.

von
dob
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Vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich wird es bald viele offene Stellen geben.

Vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich wird es bald viele offene Stellen geben.

Keystone/Gaetan Bally
Grundsätzlich werden in den nächsten Jahren mehr als 300'000 Arbeitskräfte fehlen. Das schreibt die UBS in ihrer Studie «Outlook Schweiz».

Grundsätzlich werden in den nächsten Jahren mehr als 300'000 Arbeitskräfte fehlen. Das schreibt die UBS in ihrer Studie «Outlook Schweiz».

Keystone/Melanie Duchene
Denn bleibt die Nachfrage wie in den letzten 15 Jahren mit 1,3 Prozent pro Jahr weiterhin gleich hoch, rechnet die Grossbank gar mit mit einem Mangel von bis zu einer halben Million Arbeitskräften.

Denn bleibt die Nachfrage wie in den letzten 15 Jahren mit 1,3 Prozent pro Jahr weiterhin gleich hoch, rechnet die Grossbank gar mit mit einem Mangel von bis zu einer halben Million Arbeitskräften.

Keystone/Gaetan Bally

Der Schweiz gehen die Arbeitskräfte aus. Wenn sich das Beschäftigungswachstum um 1 Prozent pro Jahr fortsetzt – so wie das seit 1960 der Fall ist – fehlen hierzulande in den nächsten zehn Jahren mehr als 300'000 Arbeitskräfte. Das schreibt die UBS in ihrer Studie «Outlook Schweiz».

Die Situation könnte für die Unternehmen gar noch schlimmer werden. Denn bleibt die Nachfrage wie in den letzten 15 Jahren mit 1,3 Prozent pro Jahr weiterhin gleich hoch, rechnet die Grossbank gar mit mit einem Mangel von bis zu einer halben Million Arbeitskräften.

Frauen kommen schneller zum Job

Vom Mangel sind aber nicht alle Branchen bedroht. Sondern besonders der Gesundheits- und Pflegebereich. In der Industrie dagegen werden die Stellen stagnieren, schreibt die UBS in ihrem Bericht. Sie betont, dass Arbeitskräfte vor allem in Branchen fehlen werden, in denen heute überwiegend Frauen arbeiten.

Das hat Folgen bei der Jobsuche: Frauen dürften schneller eine neue Stelle finden als Männer. Für die UBS ist daher klar, dass ein Umdenken bei den Männern notwendig ist. «Männer werden in Zukunft vermehrt in ‹Frauenberufen› Fuss fassen müssen», so die Grossbank.

Babyboomer hinterlassen Lücke

Grund für den Mangel an Arbeitskräften ist unter anderem die Pensionierung der Babyboomer mit Jahrgängen zwischen 1945 und 1964. Der Wegfall der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt hinterlässt grosse Lücken. Wie in der Vergangenheit könne der zusätzliche Bedarf an Arbeitskräften vor allem durch eine hohe Einwanderung gedeckt werden.

Allerdings würde die Schweiz in den nächsten zehn Jahren jährlich eine Nettozuwanderung von über 100 000 Personen benötigen, um das jährliche Beschäftigungswachstum von einem Prozent auf dem Arbeitsmarkt decken zu können. Eine so hohe Zuwanderung dürfte aber wegen eines grossen politischen und gesellschaftlichen Widerstands unrealistisch sein. Daher dürfe die Einwanderung nicht die einzige Option zur Rekrutierung zusätzlicher Arbeitskräfte sein, folgert die UBS.

Grössere Beteiligung am Arbeitsmarkt

Die Grossbank sieht daher in einer grösseren Beteiligung am Arbeitsmarkt eine Teillösung. «Zwar beteiligen sich bereits 80 Prozent der Frauen am Arbeitsmarkt, allerdings arbeiten 45 Prozent davon Teilzeit. Insbesondere Frauen mit nicht mehr schulpflichtigen Kindern böte sich die Möglichkeit ihre Arbeitspensen zu erhöhen und sich damit stärker am Arbeitsmarkt zu beteiligen.»

Um den immer grösseren Bedarf an Arbeitskräften zu decken, müsse man auch ältere Arbeitskräfte integrieren. Im Fokus sind hier die rentennahen Jahrgänge, die in der Bevölkerung stark vertreten sind. Dennoch stellt die UBS klar: «Eine fixe Erhöhung des Rentenalters trägt jedoch dem Strukturwandel der Wirtschaft nicht Rechnung.» Denn: In vielen Branchen seien künftig nicht mehr Arbeitskräfte nötig.

Flexible Ausgestaltung des Rentenalters

Die UBS-Ökonomen sprechen sich daher für eine flexible Ausgestaltung des Rentenalters aus. «Es müssen Anreize geschaffen werden, damit in Branchen mit Arbeitskräftemangel Arbeitnehmende bereit sind, über das heute bestehende Rentenalter hinaus zu arbeiten.»

Frau Weisser*, es wird viele freie Jobs geben. Das ist doch positiv?

Für Arbeitskräfte ist das eine super Situation. Sie können davon profitieren, dass sie und ihre Fähigkeiten auf dem Markt nachgefragt werden. Für schnell wachsende Firmen ist das aber ein Problem. Ihnen fehlen die Arbeitskräfte.

Welche Branchen betrifft das?

Jene, die stark expandieren. Ganz vorne der Sozial- und Gesundheitssektor. Dieser ist bereits stark gewachsen und wird weiter boomen. Weniger freie Jobs wird es typischerweise in der Industrie, im Finanzsektor, im Handel oder in der Hotellerie geben. Diese Bereiche schrumpfen wegen des schwierigen Marktumfelds.

Warum wächst der Sozial- und Gesundheitssektor so stark?

Wegen der Alterung der Gesellschaft. Bis 2060 wird es in der Schweiz doppelt so viele Menschen über 65 geben. Alleine 2035 wird es rund zwei Drittel mehr Rentner geben. Die Nachfrage nach Gesundheits- und Pflegeleistungen wird somit steigen.

Wie begegnet man dem Mangel an Arbeitskräften?

Wir werden in Zukunft flexibler sein müssen und in unseren Berufskarrieren mehrere Berufe erlernen. Auch Unternehmen werden sich gezwungen sehen, offen zu sein für Arbeitskräfte, die sie bisher wenig berücksichtigt haben. Eine flexiblere Gesellschaft ist immer auch eine wohlhabende Gesellschaft, weil dadurch mehr Personen am Arbeitsmarkt teilnehmen, die Steuern und Sozialabgaben zahlen.

Wie soll man Männer für «Frauenberufe» fit machen?

Die Nachfrage nach Fachkräften wird in klassischen Frauenberufen deutlich ansteigen. In Zukunft wird man wohl vermehrt Männer in Frauenberufen fördern müssen. Es braucht grundsätzlich einen Wandel im gesellschaftlichen Denken. Das Bild vom Mann als Pfleger und Erzieher sollte noch positiver besetzt werden – schliesslich profitieren diese Berufe in Zukunft von hoher Jobsicherheit.

*Veronica Weisser ist Ökonomin bei der UBS.

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