Aktualisiert 19.05.2015 06:56

Präimplantationsdiagnostik

Schweiz hat strengstes Fortpflanzungs-Gesetz

Genetische Tests von Embryos, Leihmutterschaft, Eizellenspende: Im Vergleich zur Schweiz sind die Gesetze in anderen Ländern Europas wesentlich liberaler.

von
P. Michel

Am 14. Juni entscheiden die Stimmbürger, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) auch in der Schweiz möglich sein soll. Die PID will, dass künstlich befruchtete Eizellen auf Erbrankheiten untersucht werden können. Auch wäre es künftig möglich, die Embryonen für eine spätere Benutzung einzufrieren. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt: In fast allen europäischen Ländern ist dies bereits erlaubt – und die gesetzlichen Regelungen gehen in einigen Ländern sogar weit darüber hinaus. Experten schätzen, dass heute aufgrund der strengen Gesetze bis zu 1000 Schweizerinnen für eine künstliche Befruchtung ins Ausland reisen.

Die Liberalen

Einer der liberalsten Staaten in Sachen Fortpflanzungsgesetzgebung in Europa ist Spanien. Bei der PID etwa ist in Spanien fast alles möglich: Neben der Überprüfung auf Erbkrankheiten führen die Kliniken Diagnosen auf alle möglichen Krankheiten durch. Auch das Einfrieren der überzähligen Embryonen für bis zu 5 Jahre, das sogenannte «Social-Freezing», ist möglich. Die spanischen Kliniken gehen jedoch noch weiter: Sie bestimmen auf Wunsch auch das Geschlecht des Embryos. Wegen dieser gesetzlichen Bestimmungen und der Möglichkeit zur Eizellenspende ist das Land bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch ein beliebtes Ziel: Rund 8000 Europäerinnen lassen sich laut Angaben des spanischen Fertilitätsverbandes jedes Jahr in einer der zehn Kliniken behandeln. Die Leihmutterschaft hingegen ist verboten.

Auch in Grossbritannien ist die PID gestattet – die Bestimmung des Geschlechts hingegen ist hier verboten. Ansonsten herrscht im Inselstaat eine sehr liberale Gesetzgebung: Im Vergleich zu Spanien ist hier neben der Eizellenspende und der Forschung an Embryonen auch die Leihmutterschaft erlaubt – jedoch nur, wenn die Leihmutter, die das Kind austrägt, nicht dafür bezahlt wird. Verboten ist es allerdings, gezielt für Leihmutterschafts-Angebote zu werben. Auch ausserhalb Europas ist vieles möglich: In den USA und in Israel darf sogar das Geschlecht und die Augenfarbe eines Embryos ermittelt werden.

In Belgien ist das Austragen eines fremden Kindes ebenfalls möglich. Jedoch auch hier nur, wenn eine Frau nicht dafür bezahlt wird. Daneben lässt das belgische Recht den Ärzten viele Freiheiten: Eizellenspende, das Einfrieren von Eizellen oder PID sind möglich. Letzteres ist hingegen nur gestattet, wenn die Diagnose «nicht aufgrund der Selektion genetischer Eigenschaften» erfolgt. Ähnlich in Deutschland: Dort ist die Untersuchung eines Embryos nur möglich, wenn die Eltern an einer Erbkrankheit leiden. Leihmutterschaft und Eizellenspende sind nicht möglich.

Die Unentschlossenen

In Luxemburg und Irland ist die PID eine undurchsichtige Angelegenheit. Im Grossherzogtum herrscht gar ein rechtsfreier Raum: Es existiert keine Gesetzesgrundlage, die das Verfahren regeln würde. Nur eine Klinik arbeitet in Luxemburg im Bereich der medizinischen Fortpflanzung. Sie hält allerdings fest, dass die PID nicht praktiziert wird.

Dasselbe gilt in Irland: Zwar gibt es private Kliniken, die künstliche Befruchtungen anbieten, jedoch verzichten diese auf den Einsatz von PID. Auch Bestimmungen zu anderen Verfahren in der Fortpflanzungsmedizin wie Eizellenspende und Leihmutterschaft sieht das irische Recht nicht vor.

Die Konservativen:

Dieser offenen Gesetzgebung diametral gegenüber stehen nicht nur die Bestimmungen der Schweiz, sondern auch jene in Litauen. Der baltische Staat ist neben der Schweiz das einzige Land, das Tests an Embryonen im Reagenzglas verbietet.

Unübersichtlicher präsentiert sich die Situation in Italien: Laut italienischem Gesetz wäre PID ebenfalls verboten. Jedoch haben verschiedene Gerichte entschieden, dass diese Auslegung eine «ungerechtfertigte Einschränkung der Persönlichkeitsrechte» darstellt. Deshalb ist das Verfahren bis auf weiteres zulässig, sofern es nicht der Geschlechterselektion dient.

Sind Sie ins Ausland gereist, um PID in Anspruch zu nehmen? Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch

Um was geht's bei der PID?

Die Präimplantationsdiagnostik ist ein medizinisches Verfahren, mit dem Embryonen bei einer künstlichen Befruchtung genetisch untersucht werden, bevor sie in die Gebärmutter eingesetzt werden. Es wird seit 20 Jahren ausserhalb der Schweiz angewendet. Bei Paaren, die Träger von schweren Erbkrankheiten sind, können mit Hilfe dieses Verfahrens Embryonen, die keine Gendefekte aufweisen, ausgewählt werden. Damit wird verhindert,dass die Kinder von der Erbkrankheit ihrer Eltern betroffen sind. Bei Paaren, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, werden auf diese Weise Embryonen ausgewählt, die eine gute Entwicklungsfähigkeit erwarten lassen. Damit soll erreicht werden,

dass die Schwangerschaft möglichst ohne Komplikationen verläuft und die Frau das Kind nicht verliert.

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