1954 gegen Österreich: Schweiz ist das Opfer der grössten WM-Aufholjagd
Aktualisiert

1954 gegen ÖsterreichSchweiz ist das Opfer der grössten WM-Aufholjagd

Trost für Deutschland: Keine Aufholjagd ist so schmerzhaft wie jene an der WM 1954: Die Schweizer vergeigen gegen Österreich eine 3:0-Führung und verpassen eine historische Chance.

von
Klaus Zaugg
Die Schweiz spielt an der WM 1954 in Lausanne gegen Österreich.

Die Schweiz spielt an der WM 1954 in Lausanne gegen Österreich.

26. Juni 1954. Stade Olympique in Lausanne. 40 000 begeisterte Zuschauer. Die Schweizer haben in den Gruppenspielen den hohen Favoriten Italien in zwei Spielen eliminiert. Nun stehen sie zum ersten und bis heute einzigen Male im WM-Viertelfinale. Gegen Österreich.

Die Schweizer werden vom Publikum getragen und wirbeln im Sturm wie vielleicht vorher und seither nie mehr. Nach 24 Minuten führen sie 3:0. Aber nun folgt eine Wende, die in der WM-Geschichte einmalig ist: Nach 35 Minuten steht es 3:5 und bei Halbzeit 4:5. Am Ende gewinnen die Österreicher 7:5. Es ist bis heute das torreichste Spiel der WM-Geschichte. Österreich zieht ins Halbfinale ein. Dort folgt gegen den späteren Weltmeister Deutschland ein 1:6. Aber gegen Uruguay wird der dritte Platz (3:1) gesichert – ein Erfolg, der wohl auch für die Schweizer möglich gewesen wäre.

40 Grad im Schatten

Wie konnte es zu diesem Spektakel kommen? Die Chronisten machen dafür die Hitze verantwortlich. Es ist an diesem 26. Juni einfach nur heiss. Kein Lüftchen bringt Kühlung. 40 Grad zeigt das Thermometer im Schatten an. Bei 81 Prozent Luftfeuchtigkeit. Für die Schweizer ist es die vierte WM-Partie in zehn Tagen (einmal gegen England: 0:2, zweimal gegen Italien: 2:1 und 4:1).

Diese tropischen Bedingungen fordern ihren Tribut. Torhüter Eugène Parlier, einer der populärsten Schweizer Spieler seiner Epoche, zieht wohl sein schwächstes Länderspiel ein und ist bei Weitschüssen unerklärlich schwach. Die Abwehr ist auch nicht stabil. Verteidiger Roger Bocquet zeigt bald Erscheinungen einer hitzebedingten Orientierungslosigkeit. «Seine Interventionen erfolgten plötzlich gegen seine sonstige Gewohnheit recht impulsiv. Er wagte sich viel zu weit nach vorne», wird sich der Tages Anzeiger in seiner Analyse wundern. Will heissen: Bocquet irrt planlos auf dem Platz umher, und beim Stande von 4:5 verschuldet er einen Elfmeter, den aber Alfred Körner neben das Tor setzt.

Österreich hat einen «ferngesteuerten» Schlussmann

Aber auch der österreichische Goalie Kurt Schmied verträgt die Hitze nicht gut und erleidet einen Sonnenstich. Auswechslungen sind bei dieser WM nicht möglich. Deshalb schickt Trainer Walter Nausch seinen Masseur Josef Ullrich hinter das Tor, um dort Schmied Kommandos zu geben und zu warnen, wenn die Schweizer angreifen und wo er den Schuss zu erwarten hat. Mit dem von Ullrich «ferngesteuerten» Schlussmann gelingt es, den Vorsprung über die Zeit zu retten. Mit insgesamt 6 Treffer kommt Josef «Sepp» Hügi an dieser WM hinter Sandor Kocsis (Ungarn/11 Tore) auf den 2. Platz der Torschützenliste.

Schweiz – Österreich 5:7 (4:5)

40 000 Zuschauer. – Schiedsrichter: Faultless (Schottland).

Schweiz: Parlier; Neury, Bocquet; Kernen, Eggimann, Casali; Antenen, Vonlanthen, Hügi, Ballaman, Fatton.

Tore: 16. Ballaman 1:0, 17. Hügi 2:0, 19. Hügi 3:0, 24. Wagner 3:1, 25. Körner 3:2, 27. Wagner 3:3, 31. Ocwirk 3:4, 33. Körner 3:5, 37. Ballaman 4:5, 52. Wagner 4:6, 56. Hügi 5:6, 77. Probst 5:7.

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