14.09.2020 15:20

FallzahlenSchweiz ist nach eigenem Massstab jetzt Risikogebiet

Erstmals hat die Schweiz den Wert, mit dem sie andere Länder auf die Quarantäne-Liste setzt, selbst überschritten. Das sind die Auswirkungen.

von
Pascal Michel
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«Tatsächlich beträgt die Inzidenz der letzten 14 Tage gesamtschweizerisch erstmals 60 auf 100'000 Einwohner», sagt Sprecherin Katrin Holenstein zu 20 Minuten.

«Tatsächlich beträgt die Inzidenz der letzten 14 Tage gesamtschweizerisch erstmals 60 auf 100'000 Einwohner», sagt Sprecherin Katrin Holenstein zu 20 Minuten.

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Damit erreicht die Schweiz selbst die Schwelle, die sie für die Definition für Risikoländer ausgegeben hat.

Damit erreicht die Schweiz selbst die Schwelle, die sie für die Definition für Risikoländer ausgegeben hat.

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Dazu führten zusätzliche 5256 Coronavirus-Fälle in den letzten zwei Wochen. Im Vergleich zur Vorwoche nahm die Fallzahl um 16 Prozent zu.

Dazu führten zusätzliche 5256 Coronavirus-Fälle in den letzten zwei Wochen. Im Vergleich zur Vorwoche nahm die Fallzahl um 16 Prozent zu.

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Darum gehts

  • Die Corona-Fallzahlen erreichen in der Schweiz jenen Wert, den die Behörden für die Definition der Risikogebiete im Ausland festgelegt haben.
  • In den letzten zwei Wochen verzeichnete das BAG 5256 Neuinfektionen.
  • Nun könnten auch Nachbarländer die Schweiz oder zumindest weitere Kantone auf ihre «roten Listen» setzen.
  • Auch das Contact Tracing in den Kantonen wird zunehmend «ausgereizt».

Länder und Regionen, die in den letzten 14 Tagen pro 100’000 Einwohner mehr als 60 Neuinfizierte melden, kann die Schweiz auf die Risikoliste setzen. Reisende aus diesen Ländern müssen sich in der Schweiz in eine zehntägige Quarantäne begeben.

Die Liste hatte der Bundesrat am Freitag aktualisiert und etwa Wien oder verschiedene Gebiete in Frankreich auf die Quarantäne-Liste gesetzt.

Derweil steigen auch die Fallzahlen in der Schweiz stetig. Am Montag meldete das BAG 257 neue Infektionen mit dem Coronavirus bei einer Positivitätsrate von 3,9 Prozent. Hotspots sind der Kanton Freiburg, Genf, Waadt und Zürich. Laut Berechnungen von Erwin Heimgartner, der täglich die Corona-Zahlen des Bundes aufschlüsselt, hat die Schweiz die eigene Risikoschwelle am Sonntag überschritten:

Dazu führten die zusätzlichen 5256 Coronavirus-Fälle in den letzten zwei Wochen. Im Vergleich zur Vorwoche nahm die Fallzahl um 18 Prozent zu.

Lage unter Kontrolle?

Angesichts dieser Entwicklung erstaunt es, dass Alain Berset in der «SonntagsZeitung» betonte, es gebe kein exponentielles Wachstum. Und Stefan Kuster, Corona-Delegierter des BAG, erklärte am Donnerstag, die Lage sei unter Kontrolle.

Auf Anfrage bestätigt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) lediglich: «Tatsächlich beträgt die Inzidenz der letzten 14 Tage gesamtschweizerisch erstmals 60 auf 100'000 Einwohner», sagt Sprecherin Katrin Holenstein. Die Frage, ob man die Lage weiterhin als «unter Kontrolle» betrachte, beantwortet das Bundesamt nicht.

Die kantonale Verteilung sei sehr unterschiedlich, heisst es dafür. «In der besonderen Lage liegt es in der Zuständigkeit der Kantone, mit geeigneten Massnahmen auf die epidemiologische Entwicklung zu reagieren und das Contact Tracing an die Lage anzupassen. Sie kennen das Terrain und die regionalen Gegebenheiten.»

Dass die Schweiz nun die eigene Risikodefinition erreicht hat, hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Arbeit der Kantone. Bei den Nachbarländern droht die Schweiz mit weiter steigenden Zahlen auf die Risikolisten zu kommen.

Risikolisten drohen

Deutschland spricht sogenannte Reisewarnungen aus, wenn die Zahl der Neuinfektionen die Schwelle von 50 pro 100’000 in den letzten sieben Tagen überschreitet. Danach gibt es die Möglichkeit, ein Gebiet als Risikogebiet einzustufen. Damit werden für Rückkehrer 14 Tage Quarantäne oder der Nachweis eines negativen Corona-Tests nötig. Als Schweizer Risikogebiete für deutsche Reisende gelten derzeit die Kantone Waadt und Genf.

Ob nun bald weitere Kantone auf die Liste kommen oder gar die ganze Schweiz, heisst es aus dem Auswärtigen Amt nur: «Wir verfolgen die weltweite Lageentwicklung intensiv.» Entscheidend für die Bewertung seien tatsächliche Trends, nicht Momentaufnahmen. Art und Umfang der zu ergreifenden Schutzmassnahmen richteten sich nach der Pandemieentwicklung, es müsse im ersten Schritt nicht zwingend eine Reisewarnung ausgesprochen werden.

«Revanchiert» sich Frankreich?

Frankreich sieht im Vergleich zu Deutschland keine fixe Zahl vor, behält sich aber vor, Länder ebenfalls auf die Liste zu setzen, die denselben Schritt für Frankreich ergriffen haben. Da die Schweiz letzte Woche verschiedene Regionen auf die Risikoliste gesetzt hat, könnte der französische Staat sich revanchieren. Im Falle von Grossbritannien hat er diesen Schritt bereits angekündigt.

«Wir analysieren die epidemiologische Lage auch in den Nachbarländern laufend und sind diesbezüglich auch mit dem Aussenministerium im Austausch», heisst es in Österreich. «Sollte die Situation eine Aktualisierung der Einreiseverordnung erfordern, werden wir dies rechtzeitig bekanntgegeben.»

Und was tun die Kantone angesichts der Tatsache, dass die Schweiz selbst zum Risikoland geworden ist? «Die Schweiz ist trotz dieser kontinuierlichen Steigerung der Infektionszahlen noch in einer besseren Situation als beispielsweise Frankreich und Österreich», sagt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte. Die Lage in der Schweiz solle zudem ebenfalls regional betrachtet werden. «Auch zeigen Beispiele wie Genf, dass ergriffene Massnahmen wirken und Infektionszahlen auch entsprechend wieder abgebremst werden können. Wir müssen sorgsam bleiben, um diesen Herbst zu meistern.»

«Kapazitäten teils ausgereizt»

Laut Hauri gibt es keine konkrete Limite, wann das Contact Tracing nicht mehr mitkommt. Die Kantone bauten ihre Kapazitäten aber bei Bedarf laufend aus. Herausfordernd seien Ereignisse, die innert sehr kurzer Zeit viele Kontaktabklärungen erforderten. «Häufen sich entsprechende Fälle über einen längeren Zeitraum, dann kann auch ein flexibel ausgestaltetes und belastbares Contact Tracing an den Anschlag kommen. Entsprechend werden die Kapazitäten in den Kantonen mit hohen Infektionsraten derzeit ausgereizt.»

Die Kantone prüften weiter, bei «beunruhigenden Entwicklungsprognosen» Massnahmen zu ergreifen, sagt Hauri. Dazu gehörten auch solche, um Reisewarnungen und Quarantänelisten zu vermeiden: «Die Kantone ergreifen verschiedene Massnahmen, um die Ausweitung des Virus einzudämmen sowie mittels Contact Tracing die Infektionsketten zu unterbrechen, damit ein weiterer Anstieg der Fallzahlen und damit auch entsprechende Schritte der Nachbarländer möglichst vermieden werden können.»

Weitere Massnahmen

Zur Frage, ab welcher Fallzahl pro Tag wieder schweizweit neue Massnahmen nötig werden, sagt Rudolf Hauri: «Die Kantone prüfen laufend die Situation und ergreifen gemäss ihrer Einschätzung Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Sie tauschen sich dabei untereinander, insbesondere regional und unter den Nachbarkantonen, aber auch mit dem Bund und der Science Task Force, aus. Die Gesundheitsdirektorenkonferenz hat die Empfehlung an die Kantone abgegeben, dass bei anhaltend hohen oder steigenden Fallzahlen, bei beunruhigenden Entwicklungsprognosen oder auch zur Eindämmung von Hotspots folgende Massnahmen ergriffen werden sollen: Ausweispflicht in Clubs, Maskenpflicht in Verkaufsgeschäften sowie eine Obergrenze von 100 Personen in Bars, Clubs und Diskotheken, in denen der Abstand nicht eingehalten und eine Maskenpflicht nicht durchgesetzt werden kann.»

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1079 Kommentare
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MkultraProjects

15.09.2020, 16:02

Ja, und die US-Regierung wäre nach eigenem Masstab eine Terrororganisation. Was sagt uns das? Wende deine Masstäbe immer nur bei den Anderen an. Sonst kanns in die Hose gehen....

Schlaubi

15.09.2020, 15:19

Ja, was will man mehr, testen macht krank... gut für Berset und Co.

Mary

15.09.2020, 13:07

Man könnte meinen, der Untertitel von Corona-Schinken lautet "Angst vor dem Leben".