Ukraine-Krieg – Schweizer Eltern bangen um Leihmutter-Babys aus der Ukraine
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Ukraine-KriegSchweizer Eltern bangen um Leihmutter-Babys aus der Ukraine

Der Krieg in der Ukraine führt zu einem Drama um die boomende Leihmütter-Industrie. Jetzt hat die Schweiz fünf Babys die Einreise ermöglicht.

von
Daniel Graf
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In einem Film zeigt die ukrainische Firma BioTexCom, wie sie Neugeborene und Leihmütter in Kiew in einen Schutzbunker verfrachten.

In einem Film zeigt die ukrainische Firma BioTexCom, wie sie Neugeborene und Leihmütter in Kiew in einen Schutzbunker verfrachten.

Screenshot/Youtube
Dutzende Personen wurden letzte Woche, kurz vor Ausbruch des Kriegs, in den Bunker gebracht. 

Dutzende Personen wurden letzte Woche, kurz vor Ausbruch des Kriegs, in den Bunker gebracht. 

Screenshot/Youtube
Der Bunker ist mit allem ausgerüstet, was es im Kriegsfall braucht. 

Der Bunker ist mit allem ausgerüstet, was es im Kriegsfall braucht. 

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Darum gehts

  • Das Geschäft mit Leihmüttern in der Ukraine boomt: Immer mehr Paare und Einzelpersonen lassen ihr Baby von jungen Ukrainerinnen austragen.

  • Der Krieg macht auch vor den Geburtskliniken nicht Halt. Die grösste Klinik in der Ukraine warnt nun davor, dass panische Eltern die Leihmütter aus dem Land holen wollten. 

  • Es ist ein Dilemma: Entweder, die werdenden Mütter bleiben in der Ukraine und sind den Gefahren des Kriegs ausgesetzt. Oder sie verlassen das Land, müssen das Kind aber illegal gebären. 

  • Die Schweiz hat nun reagiert und fünf Babys von ukrainischen Leihmüttern die Einreise ermöglicht. 

«Statt des erwarteten Babyglücks bringt der Krieg in der Ukraine unseren Wunscheltern nur panische Angst»: In einem Facebook-Post warnt die ukrainische Firma BioTexCom diese eindringlich davor, schwangere Leihmütter auf eigene Faust aus dem Land zu holen. Die Klinik vermittelt kinderlosen Paaren und Einzelpersonen aus der ganzen Welt ukrainische Leihmütter, welche die Kinder zur Welt bringen und danach zur Adoption freigeben. Das Problem: Leihmutterschaft ist in vielen Ländern illegal, auch in der Schweiz (siehe unten).

«Die Geburt des Kindes ausserhalb der Ukraine ist nicht legal und wird rechtliche Konsequenzen haben», schreibt die Firma offen. Und: «Die Leihmutter wird als Mutter gelten und der Versuch der Übergabe des Kindes wird als Kinderhandel bezeichnet. Sie werden nie als Eltern des Kindes anerkannt.»

Die Wunscheltern, deren Leihmütter kurz vor der Geburt stehen, stehen also vor einem Dilemma: Die Mütter in der Ukraine lassen und den Gefahren des Kriegs aussetzen, oder versuchen, sie über die Grenze zu bringen, wo eine legale Adoption nicht mehr möglich wäre.

«Paare aus allen deutschsprachigen Ländern hier»

Wie Heute.at vor wenigen Tagen berichtete, waren zu diesem Zeitpunkt auch Paare «aus allen deutschsprachigen Ländern» in der Ukraine, um Eltern zu werden. Das bestätigte eine Firmensprecherin gegenüber der Zeitung. Die Firma postete letzte Woche ein Video eines voll ausgestatteten Luftschutzbunkers, in dem sie Leihmütter und die künftigen Eltern von Babys unterbringen. Zu sehen sind grosse Busse der Firma, mit der Dutzende Menschen in den Bunker gebracht werden.

Auch mehrere Schweizer Paare haben in den letzten Tagen Babys von ukrainischen Leihmüttern aus Kiew geholt. Ingrid Ryser, Informationschefin des Bundesamts für Justiz (BJ), sagt: «Aufgrund der schwierigen Situation in der Ukraine wurde in einigen Ausnahmefällen die Einreise der Kinder vor Abschluss des Zivilstandsverfahrens erlaubt.»

Konkret seien fünf Babys in die Schweiz gelassen worden, obwohl die rechtlichen Angelegenheiten in der Ukraine noch nicht abgeschlossen waren – die Schweiz hat ihr Botschaftspersonal schon länger abgezogen. Im Vordergrund stehen laut Ryser das Wohl und die Interessen der betroffenen Kinder. «Das Kindesverhältnis muss jedoch unmittelbar nach Einreise in die Schweiz rechtmässig hergestellt und eingetragen werden.»

Telefonleitungen sind tot, E-Mails bleiben unbeantwortet

Wie die Situation vor Ort mittlerweile aussieht, ist schwierig zu beurteilen. Die Telefonnummern der Firma funktionieren nicht mehr, Mails bleiben unbeantwortet. Auch ist unklar, ob sich weiterhin Schweizerinnen und Schweizer in der Ukraine befinden, um nach den Leihmüttern oder ihren Babys zu schauen.


Für Carolin Schurr ist klar: «Der Krieg in der Ukraine spült lediglich Missstände an die Oberfläche, die schon seit Jahren existieren.» Schurr leitet die Abteilung Sozial- und Kulturgeographie an der Uni Bern und hat intensiv zum Thema Leihmutterschaft geforscht, das auch in Mexiko und den USA ein Business ist.

Illegal, aber akzeptiert

Laut Fabian Teichmann, Rechtsanwalt und Notar, ist die Leihmutterschaft nach Schweizer Recht illegal. «Das Schweizer Recht geht davon aus, dass die Frau, welche das Kind zur Welt bringt, auch Mutter des Kindes ist.» Zum Schweizer oder zur Schweizerin werden die Kinder bei der Leihmutterschaft durch Adoption: «Erst durch das Adoptionsverfahren kann das Kind zu den Wunscheltern kommen.» Gemäss Schurr von der Uni Bern werden dazu schon vor der Schwangerschaft der Leihmutter Verträge abgeschlossen.

«Missbrauch ist ein grosses Problem»

Schurr sieht zwei Hauptprobleme: «Weil es keine internationale Regelung gibt, ist Missbrauch gerade in ärmeren Ländern wie der Ukraine oder zuvor Thailand ein grosses Problem», sagt sie. Dazu komme die Ungleichbehandlung der Leihmütter und der Babys: «Die Leihmütter in der Ukraine erhalten in der Regel nur einen Bruchteil des Geldes, welches westliche oder chinesische Kunden bezahlen. Sobald sie das Kind geboren haben, interessiert sich niemand mehr für sie.»

Dabei sind Folgeschäden bei den Leihmüttern aufgrund der Hormontherapie und der Schwangerschaft laut Schurr keine Seltenheit. «Das reicht von körperlichen Problemen wie eigener Unfruchtbarkeit bis hin zu Traumata, weil das Neugeborene den Leihmüttern kurz nach der Geburt weggenommen wird.» Die Forschung fordere deshalb schon lange international gültige Regeln. 

Hohe Dunkelziffer

Gemäss einer Untersuchung, welche Carolin Schurr letztes Jahr für das BAG zum Thema Leihmutterschaft durchgeführt hat, haben sich 2019 offiziell 28 Personen oder Paare aus der Schweiz ihren Kinderwunsch über eine Leihmutterschaft im Ausland erfüllt. «Die Dunkelziffer dürfte aber sehr viel höher liegen», sagt Schurr. Denn: «Viele Adoptionen von Kindern von Leihmüttern werden statistisch schlicht nicht erfasst.» Schurr geht aufgrund ihrer Forschung auch davon aus, dass die Zahlen in den letzten Jahren stetig zugenommen haben. Strafbar macht sich laut Schurr nur, wer eine Leihmutterschaft vermittelt. Aus diesem Grund seien die Agenturen nicht in der Schweiz tätig.

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