Fiktive Kriegsmission – Schweiz liess im Simulator neue Kampfjets Tschechien angreifen

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Fiktive KriegsmissionSchweiz liess im Simulator neue Kampfjets Tschechien angreifen

Im Rahmen der Kampfjet-Evaluation hatte die Schweiz viele Anforderungen an die Hersteller. So sollten die Anbieter im Simulator auch einen Bombenangriff auf einen tschechischen Flugplatz fliegen, wie SRF investigativ berichtet.

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Eine F-35A der U.S. Air Force im Einsatz; der neue Schweizer Jet soll auch Erdkampf können. 

Eine F-35A der U.S. Air Force im Einsatz; der neue Schweizer Jet soll auch Erdkampf können.

U.S. Air Force
Das VBS unter Bundesrätin Viola Amherd führte die Evaluation durch.

Das VBS unter Bundesrätin Viola Amherd führte die Evaluation durch.

20min/Sébastien Anex
Ein Szenario, das die Fähigkeiten der Jets belegen sollte …

Ein Szenario, das die Fähigkeiten der Jets belegen sollte …

SRF News-Clip

Darum gehts

  • Im Rahmen der Beschaffung des neuen Kampfflugzeugs liess die Armasuisse die Anbieter diverse Szenarien durchspielen, darunter einen Bombenangriff in Tschechien.

  • Das VBS gibt an, das Ganze sei rein hypothetisch gewesen – es gehe nur um die Fähigkeiten der Jets.

  • Dennoch stösst das Szenario eines Angriffs bei Experten und der Politik auf Unverständnis und Ablehnung.

Um einen drohenden Angriff aus Osten abzuwenden, steigen Schweizer F-35-Kampfjets in die Luft und fliegen 370 Kilometer weit bis nach Tschechien, um dort einen Flugplatz zu bombardieren und Bodenziele wie etwa der Kommandanten-Konvoi in Schützenpanzern unschädlich zu machen: Diese Vorstellung erscheint angesichts der Philosophie des Schweizer Heeres als reine Verteidigungsarmee ziemlich abwegig. Und doch liess die Rüstungsbehörde Armasuisse genau dieses Szenario durchspielen und unter anderem ebenso den Angriff auf eine Brücke im Ausland, wie das Team von SRF investigativ recherchiert hat. Die Szenarien mussten auch im Simulator nachgeflogen werden. Am Mittwoch ist der Bericht in der «Rundschau» zu sehen.

Laut Dokumenten, die das Rechercheteam einsehen konnte, sollten die Hersteller der im Wettbewerb um die Beschaffung durch die Schweiz stehenden Kampfjets damit die Effizienz deren Waffensysteme und Missionstauglichkeit belegen. Eines der Szenarien umfasste die Bekämpfung von Bodenzielen, den sogenannten Erdkampf, und die vorherige Luftaufklärung durch die Flugzeuge.

Auch Präventivschläge im Anforderungsprofil

Die Missionen führten dabei auch ins benachbarte Deutschland und Österreich und eben nach Tschechien. In einem Strategiepapier namens «Luftverteidigung der Zukunft» steht, der neue Jet müsse auch Ziele «in der Tiefe des gegnerischen Raums» attackieren können. Dies umfasst offenbar auch Präventivschläge, wie nun laut SRF investigativ klar wurde.

Auf Anfrage der Jornalisten gab das VBS an, die Szenarien würden die verschiedenen Einsatzarten der Jets beschreiben und hätten nichts «mit der realen sicherheitspolitischen Lage und Entwicklung» zu tun. «Zweck dieser fiktiven Szenarien war es, den Herstellern die Gelegenheit zu geben, die gesamte Leistungsfähigkeit ihrer Kampfflugzeuge aufzeigen zu können.» Es gehe um die rein technische Betrachtung der Fähigkeiten der Jets.

«Ausserordentlich heikel»

Dennoch löste der Bombenangriff in Tschechien Unbehagen aus. Roland Beck, Oberst im Generalstab a.D. und Militärhistoriker, wird wie folgt zitiert: «Das ist meiner Meinung nach ausserordentlich heikel, weil wir ins Licht eines Angreifers kommen und unsere Grundphilosophie ist: Wir verteidigen.» Auch SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf ist konsterniert: «Wir haben eine Armee für den Verteidigungsfall, keine Angriffsarmee.» Sie habe allerdings «immer Angst gehabt, dass es im VBS tatsächlich solche Vorstellungen geben könnte.»

Anders sieht es allerdings FDP-Präsident Thierry Burkart. «Im Kriegsfall gibt es keine Neutralität mehr», sagt er. Dann müsse man alle möglichen Missionen durchführen können, die dem Schutz des Landes oder «einem grösseren europäischen Raum» dienten: «Dazu gehören auch Präventivschläge, wenn damit Schläge gegen die Schweiz verhindert werden können.»

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(trx)

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