«Dramatische Situation»: Schweiz-Löhne sind dreimal so hoch – Italien laufen die Handwerker davon

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«Dramatische Situation»Schweiz-Löhne sind dreimal so hoch – Italien laufen die Handwerker davon

Gewerbler und Gastronomen in Norditalien klagen, dass sie wegen Personalmangels teils Aufträge nicht annehmen oder Gäste nicht bewirten können. Der Grund: Qualifizierte  Arbeitskräfte ziehen die teils dreimal höheren Löhne in der Schweiz vor. 

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Jeden Tag fahren Tausende von Italienerinnen und Italiener zum Arbeiten in die Schweiz.

Jeden Tag fahren Tausende von Italienerinnen und Italiener zum Arbeiten in die Schweiz.

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Ennet der Grenze sind die Löhne bis zu drei Mal höher.

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Manche arbeiten in der Gastronomie, etwa in St. Moritz …

Manche arbeiten in der Gastronomie, etwa in St. Moritz …

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Darum gehts

  • Das norditalienische Veltlin leidet unter Personalknappheit, insbesondere in den Sektoren Handwerk und Gastronomie.

  • Grund dafür ist, dass viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die wesentlich höheren Löhne in der Schweiz vorziehen.

  • Unternehmer fordern nun eine Anpassung der Gesetze.

«Die Lage ist dramatisch», sagen Davide Trussoni, Präsident der Berggemeinde Valchiavenna, und Luca Della Bitta, Bürgermeister von Chiavenna, unisono gegenüber dem «Corriere della Sera». Die beiden Lokalpolitiker konstatieren einen teils massiven Mangel an Arbeitskräften in heimischen Betrieben, weil viele Handwerkerinnen, Handwerker und Gastro-Mitarbeitende nicht an ihren Wohnorten in Norditalien, sondern als Pendlerinnen und Pendler ennet der Grenze in der Schweiz ihre Brötchen verdienen – und Unternehmer in Italien deswegen kein Personal mehr finden. Insbesondere im Bausektor und in der Gastronomie und Hotellerie ist die Lage schwierig. Im Veltlin sind es rund 6000 Personen, die zum Arbeiten in die Schweiz fahren.

Im norditalienischen Val Chiavenna etwa sind 1440 Unternehmen registriert, die 5046 Personen beschäftigen. Nahezu jede dritte der Firmen dort sucht Arbeitskräfte – und kann keine finden. «Ich habe sieben Mitarbeiter und bräuchte noch mindestens zwei weitere», sagt Marco Della Morte, Inhaber eines Möbelunternehmens in Campodolcino, gegenüber der Zeitung. Er habe ein neues Lager zugelegt und Bestellungen bis im September, könne aber Aufträge nicht annehmen, weil er zu wenig Personal habe. «Ich könnte einem Tischler mit ein paar Jahren Erfahrung ein Gehalt von bis zu 3000 Euro bieten», sagt er, aber in der Schweiz würden 4500 Euro bezahlt. Ein ausgebildeter Handwerksmeister kann laut dem Bericht in der Schweiz bis zu 7000 Euro einsacken.

Auch Giovanna Crescenzo, Wirtin des Restaurants Crotto Ombra in Chiavenna klagt: «Ich bräuchte sofort einen Kellner und fünf weitere Leute für die Sommersaison. Zu Ostern mussten wir auf Reservierungen verzichten, da wir kein Personal hatten.» Die Unternehmer beklagen, dass sie zwar in die Ausbildung junger Menschen investieren, diese dann aber die Löhne in der Schweiz vorziehen und zu Grenzgängern werden. Raffaele Levi von Autotrasporti Levi Trascav klagt: «Ich würde einem jungen Menschen die Kosten für einen LKW-Führerschein bezahlen, ich würde ihm das Handwerk beibringen. Aber ich habe seit Monaten keine Bewerbung mehr gesehen.»

Unternehmer fordern Hilfe vom Staat

Einer der 1700 Italienerinnen und Italiener aus dem Chiavenna-Tal, die täglich zum Arbeiten aus dem Val Chiavenna in die Schweiz fahren, ist Davide (38) aus Verceia. Früher verdiente er als Kellner in Italien 1600 Euro, bis er sich vor zwölf Jahren für eine Arbeit in der Schweiz entschied. Nun verdient er in einer Glaserei in St. Moritz das Dreifache dieses Betrags. «Wenn ich einen Job in der Nähe meines Wohnortes finden könnte, der es mir ermöglicht, meine vier Kinder zu ernähren und die Hypothek abzuzahlen, wäre ich der Erste, der eine andere Wahl treffen würde», sagt er. Das Lohngefälle sei aber zu gross, um in Italien zu arbeiten.

Die Unternehmer in Italien würden sich im Kampf gegen die Misere Unterstützung vonseiten des Staates wünschen. «Wir müssen einen Weg finden, Unternehmen nahe der Grenze dabei zu helfen, die Differenz bei den Lohn- und Arbeitsbedingungen zu verringern», so Trussoni und Della Bitta. Nötig sei eine Entlastung bei den Steuern, um das eingesparte Geld in die Löhne stecken zu können. «Im Moment können wir nur an junge Menschen appellieren, sich die Möglichkeiten, die unsere Gegend bietet, nicht entgehen zu lassen.

«Für Grenzunternehmen wären Steuererleichterungen nötig», fordert auch Marco Della Morte. «Sonst werden die Dörfer leer und das Wirtschaftsgefüge tot», ergänzt Levi.  

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(trx)

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