Fallzahlen, Todesfälle, Ausblick: Schweiz oder Österreich – wer kommt besser durch die zweite Corona-Welle?
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Fallzahlen, Todesfälle, AusblickSchweiz oder Österreich – wer kommt besser durch die zweite Corona-Welle?

Anders als die Schweiz setzte Österreich im Herbst auf einen weiteren Lockdown. Wie kommen die beiden Alpenländer bis jetzt durch die zweite Corona-Welle? Ein Vergleich.

von
Daniel Waldmeier
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Ist die Schweiz im Corona-Blindflug? 

Ist die Schweiz im Corona-Blindflug?

Foto: Reuters
Zumindest wirtschaftlich sieht es hierzulande wesentlich besser aus als in Österreich, wo am kommenden Montag der Lockdown nach drei Wochen gelockert wird. 

Zumindest wirtschaftlich sieht es hierzulande wesentlich besser aus als in Österreich, wo am kommenden Montag der Lockdown nach drei Wochen gelockert wird.

Foto: Reuters
Die Fallzahlen bewegen sich derzeit in beiden Alpenländern auf einem ähnlichen Niveau. 

Die Fallzahlen bewegen sich derzeit in beiden Alpenländern auf einem ähnlichen Niveau.

Foto: Reuters

Darum gehts

  • Die beiden Skinationen fahren in der zweiten Corona-Welle völlig unterschiedliche Strategien.

  • Wirtschaftlich kommt die Schweiz bislang deutlich besser durch die Krise.

  • In der zweiten Welle verzeichnet die Schweiz bislang mehr Tote.

  • Österreich will die Zahlen mit einer strengen Quarantäne für Einreisende aus Risikogebieten
    und mit Massentests weiter drücken.

Wie zahlreiche Länder in Europa war auch Österreich seit dem 17. November in einem Lockdown. Am kommenden Montag nun dürfen Handel und Schulen wieder öffnen, wie Bundeskanzler Sebastian Kurz am Mittwoch bekannt gab. Die Restaurants und Hotels bleiben aber noch bis am 7. Januar geschlossen, Skifahren wird am 24. Dezember erst für einheimische Ausflügler möglich sein. Ausgangsbeschränkungen bestehen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr.

Im Gegensatz dazu setzt die Schweiz auf regionale Teil-Lockdowns und mehr Eigenverantwortung: «Der schweizerische Weg ist im Vergleich mit Europa ein Sonderfall», stellte auch der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen kürzlich fest. 20 Minuten zeigt, wie sich die unterschiedlichen Strategien von Gesundheitsminister Alain Berset und Kanzler Sebastian Kurz auf die Wirtschaft und die Todeszahlen auswirken – und wer die besseren Aussichten hat.

Todesfälle

Österreich kam in der ersten Welle glimpflicher davon als die Schweiz. Die zweite Welle hat unser Nachbarland mit leichter Verzögerung ebenfalls voll erfasst. Das Land zählte zuletzt 796 Corona-Fälle pro 100’000 Einwohner in den letzten Tagen, in der Schweiz waren es 656. Über 4400 Menschen müssen in Österreich wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden, 691 davon auf Intensivstationen. In der Schweiz lagen Stand Mittwoch 2933 Covid-Patienten im Spital, 494 Personen auf der Intensivstation.

Beide Länder verzeichneten in den letzten Wochen eine deutliche Übersterblichkeit. Hier steht Österreich derzeit etwas besser da: Während die Schweiz, die noch leicht weniger Einwohner als Österreich hat, seit dem 1. September in absoluten Zahlen 2813 Corona-Tote zählte, waren es in Österreich 2463.

Wirtschaft

Wirtschaftlich sieht es in der Schweiz klar freundlicher aus. Beim Lockdown im März brach die Schweizer Wirtschaft in einzelnen Wochen um bis zu 10 Prozent ein, ab Juni erholte sie sich aber zügig. In der zweiten Welle blieb ein Einbruch wie im Frühjahr aus. So lag die wirtschaftliche Aktivität von Anfang bis Mitte November knapp 2 Prozent unter dem Vorjahr.

Dagegen ist die österreichische Wirtschaft nach dem Teil-Lockdown am 2. November und dem Lockdown Mitte November eingebrochen, wenn auch weniger stark als im Frühjahr. Schon in der ersten Woche des Lockdown ging die Wirtschaftsleistung um geschätzte 8,5 Prozent zurück. In den nächsten Wochen rechnet die Österreichische Nationalbank mit einer BIP-Lücke von über 10 Prozent.


Für das ganze Jahr hat ebenfalls die Schweiz die Nase vorn: Die letzten Prognosen des Bundes rechnen mit einem BIP-Rückgang von knapp 4 Prozent im laufenden Jahr. Die EU rechnet in Österreich für 2020 mit einem BIP-Rückgang von gut 7 Prozent.

Ausblick

Prognosen über die weitere Entwicklung sind schwierig. Klar ist: Auch wenn die Schweizer Regierung punktuelle Verschärfungen plant, bleiben die Corona-Massnahmen in Österreich in den kommenden Wochen deutlich strenger. Neben den Teil-Schliessungen wird Österreich vor Weihnachten auch eine 10-tägige Quarantäne für Einreisende aus Risikogebieten einführen. Österreich startet zudem ab Freitag mit Corona-Massentests. Die Regierung hofft, dass sich mehrere Millionen Menschen beteiligen, um die Infektionsketten zu unterbrechen.

Ähnlich sind die Impfstrategien der beiden Länder. Österreich will im Januar mit den Impfungen in Altersheimen beginnen und hat Vorverträge über 16,5 Millionen Dosen abgeschlossen. Auch die Schweiz soll die ersten Impfdosen Ende Januar erhalten und hat bei den aussichtsreichsten Herstellern mehrere Millionen Dosen reserviert. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz schätzt, dass man «im Sommer wieder zur Normalität zurückkehren» könne. Das ist auch das Ziel des Bundesrates.

Das denken Experten

Für Olivia Keiser, Epidemiologin der Universität Genf und Mitglied der wissenschaftlichen Covid-Taskforce, sollte sich die Schweiz nicht an Österreich, sondern an Deutschland orientieren. «Dort ist es mit gezielten Massnahmen gelungen, die Fallzahlen und Todesfälle auf deutlich tieferem Niveau zu halten. Österreich und bestimmte Schweizer Kantone haben hingegen sehr spät reagiert.» In vielen Kantonen seien die Fallzahlen, aber auch die Positivitätsrate erschreckend hoch gewesen. Die harten Massnahmen der Westschweizer Kantone hätten deren Zahlen deutlich gesenkt, sagt Keiser.

«Jetzt wird sich zeigen, ob die Massnahmen der Deutschschweiz tatsächlich ausgereicht haben, um die Fallzahlen nachhaltig zu senken.» Der Blick nach Österreich lohne sich für die Schweiz für die geplanten Massentests: «Es wird interessant zu sehen sein, ob diese Strategie funktioniert.»

Auch Jan-Egbert Sturm, Direktor der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF, sagt, die Schweiz sei noch nicht über den Berg, neben der Wirtschaft müssten auch die Todesfälle berücksichtigt werden. «Für ein Urteil, welche Strategie besser ist, ist es aus akademischer Sicht noch zu früh.»

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