18.02.2018 20:30

OECD-RanglisteSchweiz schlägt Türkei bei Gleichstellung nur knapp

In Schweden, Norwegen und Island finden erwerbstätige Frauen die besten Bedingungen vor. Die Schweiz rangiert im Index nur knapp vor der Türkei.

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pam
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Der Glass-Ceiling-index der Zeitschrift «Economist» generiert aus Faktoren wie etwa höhere Bildung, Frauenanteil im Management oder Mutter- und Vaterschaftsurlaub einen Index. Dieser zeigt, wo arbeitstätige Frauen die besten Bedingungen vorfinden.

Der Glass-Ceiling-index der Zeitschrift «Economist» generiert aus Faktoren wie etwa höhere Bildung, Frauenanteil im Management oder Mutter- und Vaterschaftsurlaub einen Index. Dieser zeigt, wo arbeitstätige Frauen die besten Bedingungen vorfinden.

Economist
Dass die Schweiz schlecht abschneidet, dürfte jene Kritiker in ihrer Sicht bestätigen, die Schweiz sei bei der Gleichstellung ein Entwicklungsland.

Dass die Schweiz schlecht abschneidet, dürfte jene Kritiker in ihrer Sicht bestätigen, die Schweiz sei bei der Gleichstellung ein Entwicklungsland.

Clemens Bilan
Beim Vaterschaftsurlaub bildet die Schweiz wie die USA, Israel oder Irland das Schlusslicht. Von den europäischen Staaten schwingt Portugal mit knapp 13 Wochen obenaus. Zwar führen Japan oder Südkorea die Liste an – doch der Anspruch von Vätern auf den Urlaub von 30 Wochen wird oft gar nicht eingelöst, da der Urlaub in der Leistungsgesellschaft als Schwäche gesehen wird.

Beim Vaterschaftsurlaub bildet die Schweiz wie die USA, Israel oder Irland das Schlusslicht. Von den europäischen Staaten schwingt Portugal mit knapp 13 Wochen obenaus. Zwar führen Japan oder Südkorea die Liste an – doch der Anspruch von Vätern auf den Urlaub von 30 Wochen wird oft gar nicht eingelöst, da der Urlaub in der Leistungsgesellschaft als Schwäche gesehen wird.

Keystone

Die Schweiz sei bei der Gleichstellung von Mann und Frau ein Entwicklungsland, propagieren Feministinnen und Linke gern. Die jüngste Möglichkeit dazu bot die Initiative für einen bezahlten vierwöchigen Vaterschaftsurlaub, die vom Bundesrat zur Ablehnung empfohlen wurde. Der neue Glass-Ceiling-Index der Zeitschrift «Economist» dürfte die Kritiker bestätigten: Insgesamt rangiert die Schweiz unter den OECD-Ländern bei der Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt auf dem 26. Platz, noch knapp vor der Türkei. Die ersten drei Plätze belegen Schweden, Norwegen und Island (siehe Bildstrecke).

Eine Detailauswertung der berücksichtigten Faktoren, darunter etwa höhere Bildung, Frauenanteil im Management oder Mutter- und Vaterschaftsurlaub, zeigt weiter, in welchen Bereichen die Schweiz schlecht abschneidet – und wo sie im vorderen Mittelfeld liegt.

Beim Vaterschaftsurlaub bildet die Schweiz wie die USA, Israel oder Irland das Schlusslicht. Von den europäischen Staaten schwingt Portugal mit knapp 13 Wochen obenaus. Zwar führen Japan oder Südkorea die Liste an – doch der Anspruch von Vätern auf den Urlaub von 30 Wochen wird oft gar nicht eingelöst, da der Urlaub in der Leistungsgesellschaft als Schwäche gesehen wird.

Auch beim Mutterschaftsurlaub zeigen sich grosse Unterschiede.

Das «Economist»-Rating hat auch untersucht, welcher Anteil des Einkommens für die Kinderbetreuung aufgewendet werden muss. Besonders tief in die Tasche greifen müssen die Engländer, aber auch in der Schweiz frisst die Krippe einen Grossteil des Budgets weg. Dies liegt vor allem daran, dass die Spitzenreiter die Krippenplätze stark subventionieren, während in der Schweiz die Eltern für einen grossen Teil selbst aufkommen.

Vergleichsweise gut schneidet die Schweiz beim Anteil Frauen in Führungspositionen ab. Auch der Anteil Frauen, die arbeiten, ist hoch.

Für SP-Nationalrat Cédric Wermuth zeigt die Analyse, wie stark die Schweiz im internationalen Vergleich hinterherhinkt. «Die Schweiz ist OECD-Spitze, was die Gleichstellung bei den Kosten für die Kinderbetreuung und den Elternurlaub angeht – zumindest wenn man die Rangliste von hinten liest», schreibt er auf Twitter. Auf Anfrage sagt er: «Länder wie Island zeigen, was möglich ist, wenn der politische Wille da ist.» Besonders für die reiche Schweiz sei es ein Armutszeugnis, dass etwa beim Mutterschaftsurlaub sogar ein Land wie Ungarn die Schweiz abhängt. «Das Geld wäre da, damit die Schweiz aufschliessen könnte», sagt Wermuth. Leider werde es für Kampfjets oder Steuergeschenke für Konzerne aufgewendet.

«Mehr Geld erhöht nicht automatisch die Karrierechancen»

Laut Marco Salvi, Forschungsleiter «Chancengesellschaft» bei der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse, könnte sich die Schweiz punkto Vereinbarkeit noch verbessern, aber sie liege auch nicht auf dem Niveau der Türkei oder der südeuropäischen Länder.

So schneide die Schweiz bei der Erwerbsbeteiligung der Frauen international sehr gut ab, was aber eine verzerrende Wirkung beim Vergleich der Lohngleichheit haben könne: «In den südeuropäischen Ländern arbeiten oft nur qualifizierte Frauen in gut bezahlten Jobs, für die weniger Qualifizierten lohnt sich Arbeiten entweder nicht oder es gibt keine Jobs für sie.» Darum sei in diesen Ländern die berechnete Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern kleiner.

Dass die skandinavischen Länder insgesamt die Liste anführen, liegt laut Salvi an den hohen Investitionen. «Dafür kostet das die Steuerzahler.» Die Schweiz könne mit ähnlichen Programmen in ähnlicher Höhe durchaus noch einige Plätze gutmachen. «Mehr Geld für Elternurlaub oder Kinderbetreuung führt aber nicht automatisch zu besseren Karrierechancen», sagt Salvi. So kenne die USA etwa keinen Mutterschaftsurlaub, habe aber trotzdem einen relativ hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen.

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