Arbeitslosigkeit: Schweiz soll Berufslehre in Spanien einführen
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ArbeitslosigkeitSchweiz soll Berufslehre in Spanien einführen

Entwicklungshilfe für Europa statt Afrika: Geht es nach der SP, soll das Bildungssystem der Schweiz nach Südeuropa exportiert werden. Doch diese Idee stösst nicht überall auf Anklang.

von
sth
Ein Schweizer Lehrling lernt während Jahren die Fertigkeiten, die es braucht, um später als Glasmalerin Arbeit zu finden.

Ein Schweizer Lehrling lernt während Jahren die Fertigkeiten, die es braucht, um später als Glasmalerin Arbeit zu finden.

Die Schweiz soll ihren südlichen Nachbarn mit jährlich 15 Millionen Franken das Modell der Berufslehre näherbringen. Das fordert SP-Nationalrat Corrado Pardini vom Bundesrat. Gegen die grassierende Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Spanien, und Portugal und zur Stärkung der Wirtschaft würde damit ein Beitrag geleistet, sagt Pardini. Exponenten bürgerlicher Parteien und der Gewerbeverband haben die Motion mitunterzeichnet.

Pardini führt zwei Argumente an, warum er den Nachbarn, die in wirtschaftliche Nöte geraten sind, unter die Arme greifen will. Zum einen habe die Schweiz ein ökonomisches Interesse: «Wir brauchen Stabilität in Europa, um sichere Absatzmärkte zu garantieren.» Andererseits geht es ihm um Solidarität. Er will mit konkreter Hilfe vor Ort ein Zeichen setzen. So steht es im Begründungstext der Motion. Mit den Geldern sollen Experten vor Ort Unternehmen über die Vorteile einer Berufslehre aufklären.

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, vergleicht die Situation in Spanien mit einem Pulverfass: «Kommt es zu Jugendunruhen, können diese leicht auf andere Länder übergreifen.» Das duale Bildungssystem sei für die tiefe Arbeitslosenquote bei jungen Erwachsenen in der Schweiz verantwortlich. «Die Spanier haben sich ihre Situation selber eingebrockt», meint hingegen SVP-Parlamentarier Oskar Freysinger. Den Bildungsexport ebenfalls nicht unterstützen mag Kurt Fluri von der FDP. «Das ist ein Sozialplan für Länder mit der höchsten Arbeitslosigkeit.» Fluri würde stattdessen Länder fördern, die «wirkliche» Entwicklungshilfe benötigten, um damit Migration zu verhindern.

Exporterfolg Berufslehre

Das Schweizer Bildungssystem stösst international auf grosses Interesse. Erste Export-Projekte fanden 2008 in Indien statt. Schweizer Unternehmen aus der Maschinenindustrie, die mit Tochtergesellschaften vor Ort waren, übernahmen die Vorreiterrolle. Wollten lokale Untenehmen Lehrlinge nach Schweizer Modell ausbilden, mussten sie eine Lizenz erwerben. Der Export fördere die Mobilität heimischer Lehrlinge, da deren Abschlussdiplome auch ausserhalb der Schweiz anerkannt würden. Daneben könnten Schweizer Unternehmen im Ausland ihren Personalbedarf leichter decken, steht im aktuellen Bericht des Bundesrates für Strategie in Bildung, Forschung und Innovation.

Dass das duale System ein Erfolg ist, zeigt sich auch darin, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) es in einem aktuellen Bericht als sehr guten Weg aus der Krise bezeichnet. In Italien, Spanien und Portugal wird bereits an der Entwicklung eines dualen Berufsbildungssystems gearbeitet. Im italienischen Wahlkampf stand die Berufsausbildung bei allen Parteien im Programm. Als eine «partnerschaftliche Hilfe» ist der Vorstoss laut SP-Mann Pardini deshalb zu verstehen.

In den Südstaaten Europas stieg als Folge der Krise die Jugendarbeitslosigkeit. Italien (38,7 Prozent), Spanien (55,5 Prozent) und Portugal (38,6 Prozent) haben horrend hohe Arbeitslosenquoten bei jungen Menschen. Manche sprechen von einer «verlorenen Generation».

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