Geflüchtete – Schweiz sucht Hunderte Helfer für die Bewältigung der Flüchtlingswelle
Publiziert

GeflüchteteSchweiz sucht Hunderte Helfer für die Bewältigung der Flüchtlingswelle

Das Staatssekretariat für Migration bereitet sich auf die Aufnahme Zehntausender Geflüchteter vor. Neben Unterkünften sucht die Schweiz auch Hunderte Helfer in diversen Berufen.

von
Daniel Graf
1 / 6
Täglich kommen mehr Menschen aus der Ukraine in der Schweiz an, hier im Bundesasylzentrum Zürich.

Täglich kommen mehr Menschen aus der Ukraine in der Schweiz an, hier im Bundesasylzentrum Zürich.

SEM/Daniel Bach
Die Menschen registrieren sich in einem Bundesasylzentrum. 

Die Menschen registrieren sich in einem Bundesasylzentrum. 

SEM/Daniel Bach
Sie werden erstversorgt, bevor die Unterbringung organisiert wird. 

Sie werden erstversorgt, bevor die Unterbringung organisiert wird. 

SEM/Daniel Bach

Darum gehts

Der Flüchtlingsstrom aus der Ukraine reisst nicht ab: Bis am Sonntagmorgen haben sich laut Daniel Bach, Leiter Kommunikation des Staatssekretariats für Migration (SEM), 3126 Geflüchtete in den Bundesasylzentren registrieren lassen. Gemäss Fredy Fässler, Präsident der kantonalen Sicherheitsdirektorenkonferenz, dürfte die tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegen: «Ukrainerinnen und Ukrainer können visumsfrei in die Schweiz einreisen. Viele werden wohl erst einmal bei Verwandten oder Bekannten unterkommen und sich von den Strapazen erholen, bevor sie sich registrieren lassen.»

Das SEM bereitet sich gemäss Bach auf die Aufnahme von mehreren Zehntausend Vertriebenen vor. Das bringt grosse Herausforderungen mit sich: «In einem ersten Schritt geht es um die Unterbringung und eine Erstversorgung. Doch es stellen sich auch Fragen nach der Möglichkeit, die Kinder in die Schule zu schicken, eine Landessprache zu erlernen und der beruflichen Integration der erwachsenen Geflüchteten», sagt Fässler. Viele seien traumatisiert und müssten psychologisch betreut werden.

Mehr als 100 Stellen offen

Für all diese Arbeiten sind die Kantone, Gemeinden und die privaten Organisationen auf Helfende angewiesen. Die Firma ORS, die in der Schweiz über 60 Asylunterkünfte betreut, hat deshalb bereits jetzt mehr als 100 offene Stellen. Und auch die Kantone und Gemeinden sind auf der Suche nach temporären Arbeitskräften und Freiwilligen, wie Fässler bestätigt. Beim Kanton Zürich kann man sich etwa für Übersetzungsdienstleistungen, Hilfe bei Behördengängen und zur Unterstützung bei Integrationsmassnahmen melden. Auch in Schaffhausen werden Freiwillige gesucht.

Nathalie Barthoulot ist Präsidentin der Sozialdirektorenkonferenz. Auch sie sagt: «Der Bedarf an Begleitung und Betreuung der Menschen ist offensichtlich und in diesem Sinne müssen die Kantone und Städte Lösungen finden, um einerseits den Unterricht für die Kinder zu organisieren und andererseits auch diese Menschen, die mit einer traumatischen Situation konfrontiert sind, zu begleiten. Das ist eine echte Herausforderung, die es zu bewältigen gilt.»

«Werden Geflüchtete in Sprachkurse schicken»

Die grösste Herausforderung besteht laut Barthoulot darin, die Solidarität und Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung über längere Zeit hinweg erhalten zu können. «Hierzu braucht es eine gute Begleitung der Gastfamilien und auch eine Betreuung der Untergebrachten selbst. Wir sind der Ansicht, dass man die Leute nicht einfach auf sich selbst gestellt lassen kann.» In den Kantonen würden deshalb entweder die Schweizerische Flüchtlingshilfe oder die Kantone selbst die Gastfamilien begleiten und die Ankommenden gemäss ihrem Bedarf betreuen. «Wir gehen auch davon aus, dass wir sie in Sprachkurse schicken, damit sie während des Tages etwas eine Beschäftigung haben, sofern sie nicht arbeiten können.»

Der Unterricht und weitere Aspekte, die über die blosse Unterbringung und Erstversorgung hinausgehen, müssten laut Fässler nun schnell angepackt werden. «Es ist leider nicht damit zu rechnen, dass die Situation in der Ukraine sich von heute auf morgen entschärft. Und selbst wenn das passieren sollte, ist nicht klar, ob die Menschen einfach zurück in ihre zerbombten Städte und Häuser können.» Auch für den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg sei es zentral, dass man die Menschen hier arbeiten lasse. «So können sie die Ressourcen und Fähigkeiten erhalten, welche sie beim Wiederaufbau brauchen werden.»

«Wer Schutz braucht, bekommt ihn»

Wie viele Geflüchtete die Schweiz unterbringen könnte, ist laut Fässler schwierig zu beziffern: «Hier spielen diverse Akteure zusammen. Für eine erste Notunterbringung könnten auch Zivilschutz- und Militäranlagen geöffnet werden. Doch das Ziel muss sein, die Menschen schnellstmöglich am für sie passenden Ort unterzubringen.» Dazu brauche es auch grössere Unterkünfte, in denen man viele Geflüchtete zusammen unterbringen könne. «Das erleichtert es etwa, Sprachkurse in grösseren Gruppen abzuhalten, als wenn die Vertriebenen sich alle auf einzelne Wohnungen verteilen», sagt Fässler.

Gemäss Bach vom SEM werden die Kapazitäten laufend ausgebaut: «In den Bundesasylzentren werden bald mehr als 9000 Plätze zur Verfügung stehen.» Auch die Kantone haben laut Barthoulot in den letzten Tagen und Wochen Hunderte neue Plätze geschaffen. Dazu kommen Zehntausende Angebote Privater. Die Frage nach der Obergrenze stellt sich gemäss SEM derzeit nicht: «Wer Schutz braucht, bekommt ihn.»

«Es gibt erhebliches Missbrauchspotenzial»

Deine Meinung

176 Kommentare