Aktualisiert 26.07.2011 09:22

Psychoaktive Substanzen

Schweiz will kein Drogenparadies mehr sein

Seit Anfang Juli können die Behörden Imitationen von Ecstasy, Kokain und anderen Designerdrogen im Schnellverfahren verbieten. Aktuell prüfen sie mehrere Dutzend solcher Stoffe.

von
Jessica Pfister
Ein Chemielabor im Keller eines Mehrfamilienhauses in Zürich. Ein 19-jähriger Student und sein 23-jähriger Kollege stellten hier grössere Mengen von synthetischen Drogen her.

Ein Chemielabor im Keller eines Mehrfamilienhauses in Zürich. Ein 19-jähriger Student und sein 23-jähriger Kollege stellten hier grössere Mengen von synthetischen Drogen her.

Die Schweiz ist ein Paradies für Dealer und Konsumenten von Designerdrogen. Denn im Gegensatz zum Ausland kann hier ein Grossteil der neuen synthetischen Substanzen, die die Wirkung von Ecstasy oder Kokain imitieren, noch legal gekauft werden. Der Grund ist das bisher zu langsame Schweizer Kontrollverfahren für die «Research Chemicals» - so werden die neuartigen Substanzen genannt, deren molekulare Struktur Variationen von bestehenden (illegalen) Substanzen sind. «Was die Kontrolle dieser Stoffe angeht, hinken wir dem Markt zurzeit etwa eineinhalb Jahre hinterher», sagt Hans-Beat Jenny, Leiter im Bereich der Bewilligungen beim Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic.

Diesen Rückstand wollen die Schweizer Behörden nun rasch aufholen. Möglich soll es das neue Betäubungsmittelgesetz machen, das seit Anfang Juli in Kraft ist. Damit können Stoffe, bei denen eine betäubungsmittelähnliche Wirkung vermutet wird, auf eine Kontrollliste gesetzt werden. Dort bleiben sie so lange stehen, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind und feststeht, wie gefährlich die Substanzen wirklich sind. «Wir rechnen damit, dass vom Zeitpunkt, wenn neue Stoffe in der Szene erscheinen, bis zur rechtsgültigen Aufnahme in die Kontrollliste zwei bis drei Monate vergehen», sagt Jenny. Mit dieser neuen Liste wolle man einerseits den illegalen Konsum beschränken und andererseits den Kriminellen die Geschäftsbasis entziehen. «Es darf nicht mehr sein, dass die Schweiz im europäischen Umfeld als Eldorado für Designerdrogen bekannt ist», so der Bewilligungsleiter.

«Erste Tranche von Designerdrogen in Prüfung»

Laut Daniel Lüthi, Mediensprecher bei Swissmedic, prüft das Heilmittelinstitut bereits eine erste Tranche mit einigen Dutzend der heute gehandelten Designerdrogen. «Es ist vorgesehen, dass das Eidgenössische Departement des Innern im Spätsommer dieses Jahres auf Antrag von Swissmedic die ersten Designerdrogen auf die neue Liste setzen kann.» Anschliessend werde die Liste jährlich mehrmals überprüft und aktualisiert.

Die Stadtpolizei Zürich begrüsst das schnellere Verfahren: «Es ermöglicht uns, neue Stoffe besser und schneller zu verfolgen», sagt Mediensprecher René Ruf. An der Street Parade in rund drei Wochen könne man davon aber noch kaum Gebrauch machen, da die Kontrollliste momentan noch leer sei. «Wenn unsere Spezialisten aber an der Street Parade feststellen, dass ein neuer Stoff gehandelt wird, können wir diesen Swissmedic melden», so Sorg.

Gemäss Donald Ganci, Leiter der Jugendberatung Streetwork, werden an der diesjährigen Street Parade sicher neue Substanzen im Umlauf sein. «Es gibt einen regelrechten Wildwuchs von neuen Designerdrogen», sagt Ganci. Welche Stoffe zurzeit angesagt sind, sei schwierig zu sagen. «Der Markt ist sehr undurchsichtig und die Nachfrage wechselhaft.» Er glaubt auch, dass das neue Verfahren den Vollzugsorganen eine gewisse Sicherheit gibt. «Ob es jedoch Einfluss auf den Markt haben wird, ist unklar.»

«Immer noch zu lang»

Donatella del Vecchio von Suchtinfo Schweiz glaubt nicht, dass sich die Situation verbessert. «Zwei oder drei Monate sind immer noch zu lang», so del Vecchio. Werde die chemische Zusammensetzung einer bestimmten Droge verboten, reagiere der Markt sofort. «Wenige Wochen später ist ein ähnliches Produkt im Handel.» Sucht Info Schweiz rät, nicht eine einzige Substanz zu verbieten, sondern eine ganze Substanzgruppe. Doch auch dann bleibe das Risiko, dass sich die Konsumenten einen anderen Stoff suchen werden - mit unvorhersehbaren Folgen. «Bei allen Stoffen, die relativ neu sind, ist der Konsument Versuchskaninchen», so die Expertin. Das Schadenspotenzial sei oft noch gar nicht bekannt.

«Konsumenten nur schwer erreichbar»

Neue synthetische Drogen verbreiten sich zur Zeit in rasender Geschwindigkeit in Europa. Die EU hat 2010 die Rekordzahl von 41 sogenannten psychoaktiven Stoffe ermittelt, welche die Wirkung von Ecstasy oder Kokain immitieren. In der Schweiz konsumieren laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor allem junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren am Wochenende und im Ausgang synthetische Drogen. Meist seien dies durchschnittliche, sozial integrierte Personen. Über die Risiken wissen die Fachleute noch wenig. Klar ist, dass besonders der Mischkonsum, also die Einnahme unterschiedlicher Substanzen wie auch Alkohol und Medikamente zur gleichen Zeit oder in kurzer Abfolge gefährlich ist. Gross angelegte Präventionskampagnen sind laut BAG nicht sinnvoll. «Die Konsumenten sind für Präventionsbemühungen nur schwer erreichbar, weil sie die Drogen als Spass und nicht als Problem ansehen», so Sprecherin Mona Neidhart. Wichtiger sei die Information von Organisationen, Bar- oder Discobesitzern über die Risiken. (jep)

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