Umgang mit Geld: Schweiz will neues Pisa-Fach nicht testen
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Umgang mit GeldSchweiz will neues Pisa-Fach nicht testen

Die Pisa-Studie 2012 prüft neben Mathe, Lesen und Naturwissenschaften auch die Finanzkompetenz der Schüler. Die Schweiz verzichtet darauf - zum Ärger von Politikern und Schuldenberatern.

von
Jessica Pfister
Mathematik ja, Finanzkomptenz nein. Die Schweizer Schüler werden bei Pisa 2012 nicht an allen Tests teilnehmen.

Mathematik ja, Finanzkomptenz nein. Die Schweizer Schüler werden bei Pisa 2012 nicht an allen Tests teilnehmen.

2012 ist es wieder so weit: Die Bildungsstudie Pisa steht an — und wartet gleich mit einer Neuerung auf. Die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler sollen bei Pisa 2012 nicht nur in klassischen Schulfächern getestet werden, sondern auch ihre Finanzkompetenz unter Beweis stellen. Wie Recherchen von 20 Minuten Online zeigen, setzt die Schweiz bei diesem Punkt allerdings aus — im Gegensatz zu anderen Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien, den USA, Brasilien oder der chinesischen Region Shanghai.

«Die Anfrage der OECD für den Zusatztest in Finanzkompetenz erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Schweiz den Budgetrahmen für Pisa 2012 bereits festgelegt hatte», begründet Gabriela Fuchs, Mediensprecherin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), den Entscheid. Die Kosten seien an der EDK-Jahresversammlung im Oktober 2009 auf 3,72 Millionen Franken festgelegt worden. Laut der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hätte der zusätzliche Test fünf Prozent der Gesamtkosten ausgemacht.

«Verschuldete Jugendliche kosten mehr als Studie»

Bildungspolitikerin und SP-Nationalrätin Chantal Galladé will das Budget-Argument nicht gelten lassen. «Wenn die Jugendlichen aufgrund fehlender Finanzkompetenz in die Schulden rutschen, kostet uns das ein Vielfaches der Pisa-Studie», sagt die Berufsschullehrerin, die selbst schon Bildungstests abgenommen hat. Sie könne deshalb nicht verstehen, weshalb sich Bund und Kantone als Auftraggeber der Studie gegen diese Zusatzoption entschieden hätten.

Enttäuscht ist auch CVP-Nationalrätin Brigitte Häberli-Koller. «Die Resultate dieses Tests wären sehr wertvoll gewesen», sagt das Vorstandsmitglied von Wirtschaftsbildung Schweiz. Zum einen hätte sie sich davon wichtige Erkenntnisse über die Gründe der steigenden Verschuldung von Jugendlichen erhofft. «Zum anderen hätte man die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren können.»

EDK-Sprecherin Fuchs gibt jedoch zu bedenken, dass zum Zeitpunkt der Anfrage der OECD im März 2010 nicht klar gewesen sei, was unter dem Stichwort «Finanzkompetenzen» getestet werden solle. «Wir vertreten die Auffassung, dass man in einer Langzeitoptik auf die seit 2000 getesteten Fächer wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften setzen sollte», so Fuchs weiter.

«Forschung steckt hierzulande in den Kinderschuhen»

Die OECD bedauert auf Anfrage von 20 Minuten Online, dass die Schweiz diesen Teil des Tests nicht durchführt. Es sei immerhin die erste grossangelegte internationale Studie, welche die Finanzkompetenz der Jugendlichen prüfe. Dies sei deshalb wichtig, weil die jüngere Generation in Zukunft mit immer komplizierteren Finanzprodukten und Services zu tun habe. Einmal erwachsen müssten die heutigen Jugendlichen mehr finanzielle Risiken als ihre Eltern tragen. Die Organisation will unter anderem den Umgang mit Bankkonten und Kreditkarten testen, das Planen und Managen von Finanzen, das Verständnis von Steuern und Rücklagen oder Konsumentenrechte und Pflichten in finanziellen Verträgen.

Laut Andrea Fuchs von der Schuldenberatung Aargau-Solothurn wäre eine Studie zur Finanzkompetenz der Schweizer Jugendlichen dringend nötig. «Die Forschung zum Thema Umgang mit Geld steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen», sagt die Schuldenberaterin. Um geeignete Rezepte und eine nationale Strategie zu formulieren, müsse man die Finanzkomptenz systematisch untersuchen und fördern. Dies hätten auch Gespräche am runden Tisch zum Thema Jugendschulden vor drei Wochen deutlich gezeigt.

«Erst nach Einführung des neuen Lehrplans sinnvoll»

Den Mangel an grundlegendem Finanzwissen bei Jugendlichen erkennt auch Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). «Da man ohne Finanzkompetenz sein Leben als Erwachsener nicht mehr bewältigen kann, muss die Schule ihren Beitrag auch in diesem Bereich leisten.» Der LCH unterstütze daher die Absicht, den Bereich Wirtschaft, Arbeit und Haushalt im neuen Lehrplan 21 für die Volksschule stärker zu gewichten. «Erst nach dieser flächendeckenden Einführung des neuen Lehrplans macht es jedoch Sinn, die Finanzkompetenz der Schweizer Schüler in den kommenden Pisa-Tests zu untersuchen.»

Ab 2015 will Schweiz bei Pisa sparen

20 000 Schweizer Jugendliche im Alter von 15 Jahren werden zwischen April und Mai 2012 an der Pisa-Studie teilnehmen. Pisa (Programme for International Student Assessment) ist eine internationale, durch die OECD durchgeführte Studie, welche misst, ob die obligatorische Schule die Jugendlichen genügend auf die Herausforderungen des beruflichen Lebens vorbereitet.

Die Erhebungen finden seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre statt. Die Schweiz hat bisher immer teilgenommen. Schwerpunkt der Erhebung 2012 ist Mathematik, die Testergebnisse werden 2013 publiziert. Wie bis anhin entscheiden die einzelnen Kantone dabei, ob sie sich auf ihre Kosten zusätzlich mit einer kantonal repräsentativen Stichprobe an der Erhebung beteiligen wollen.

Ab 2015 ist dies allerdings nicht mehr möglich, weil die Teilnahme der Schweiz auf eine nationale Stichprobe beschränkt wird. Das bedeutet, dass sich nur noch etwa 5000 Jugendliche an den Tests beteiligen. Auf sprachregionale und kantonale Vergleiche wird dagegen verzichtet. Die freigewordenen Mittel sollen für die Überprüfung der nationalen Bildungsziele eingesetzt werden. (jep)

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