Aktualisiert 30.07.2014 11:37

Geschäft mit Lösegeld

Schweiz zahlte der Al Kaida über 11 Millionen

Entführungen sind eine Haupteinnahmequelle für Terroristen. Lösegeld zahlen vor allem europäische Regierungen - auch die Schweiz.

von
kmo

Umgerechnet 113 Millionen Franken verdiente die Terrororganisation Al Kaida seit 2008 mit Entführungen. Allein letztes Jahr waren es fast 60 Millionen Franken. Spitzenreiter beim Bezahlen von Lösegeldern sind die Regierungen europäischer Länder. Laut Recherchen der «New York Times» ist Europa somit einer der grössten Geldgeber der Al Kaida. Oft tarnen Regierungen die Gelder als Entwicklungshilfe und schicken Stellvertreter los, den Entführern kofferweise Bargeld zu übergeben.

Auf Anfrage der «Times» dementierten zwar die Aussenministerien von Deutschland, Frankreich und Österreich, Lösegelder bezahlt zu haben. Auch die Schweiz streitet ab, Entführungsopfer freigekauft zu haben. Doch laut «Times» bezahlte Bern im Jahr 2009 ein Lösegeld von umgerechnet über 11 Millionen Franken - damals befanden sich Gabriella und Werner Greiner in der Gewalt der Terrorgruppe Al Kaida im islamischen Maghreb.

Belege für die Schweizer Lösegeldzahlungen hat die Zeitung in internen Al-Kaida-Unterlagen in Mali gefunden. Aber auch Gespräche mit Diplomaten und ehemaligen Geiseln hätten derlei Zahlungen bestätigt.

Von 180'000 Franken auf neun Millionen

Bei Entführungen stecken Regierungen in der Zwickmühle: Sollen sie sich weigern zu bezahlen und riskieren, dass die Geiseln brutal und öffentlichkeitswirksam umgebracht werden? Oder sollen sie bezahlen und riskieren, dass weitere Personen entführt werden? Denn genau das geschieht: Der Erhalt von Lösegeld motiviert Terroristen zu weiteren Verschleppungen.

Beobachtern zufolge sind Entführungen heute die wichtigste Einnahmequelle der Al Kaida. Während die Terroristen im Jahr 2003 noch umgerechnet gut 180'000 Franken pro Entführung verdienten, sind es laut der «Times» heute bis zu 9 Millionen Franken.

Positiv an dieser Entwicklung ist, dass die Entführten das Ereignis meist überleben - im Gegensatz zu vor zehn Jahren, als noch regelmässig Menschen aus dem Westen gefangengenommen und vor laufender Kamera ermordet wurden.

Alles gut geplant

Die Al Kaida hat das Geschäft mit Entführungen gut organisiert. Ihre Unterorganisationen - die Al Kaida im islamischen Maghreb in Nordafrika, die Al Kaida auf der arabischen Halbinsel in Jemen und die Shabab in Somalia - koordinieren ihre Aktionen gemeinsam. Um die Risiken für ihre Kämpfer möglichst klein zu halten, haben die Terroristen die eigentlichen Entführungen an lokale kriminelle Banden weitergegeben. Diese erhalten rund zehn Prozent der Lösegelder, was die geforderte Summe ebenfalls erhöht.

Es läuft immer nach demselben Schema ab: Nach der Entführung lassen die Täter erst einmal nichts von sich hören, um bei den Angehörigen möglichst grosse Angst um das Leben ihrer Lieben auszulösen. Danach werden Videos veröffentlicht, in denen die Opfer ihre Regierungen um Verhandlungen bitten.

Heuchlerische Europäer?

Laut «Times» weigern sich nur noch wenige Länder, auf die Forderungen von Entführern einzugehen - an vorderster Front die USA und Grossbritannien. Die Folge: Während europäische Entführungsopfer meist überleben, müssen verschleppte Briten und Amerikaner oft mit dem Leben bezahlen.

«Die Europäer haben ziemlichen Erklärungsbedarf», sagt Vicki Huddleston vom US-Aussenministerium zur «Times». Die Politik europäischer Regierungen, Lösegeld zu bezahlen und dies gleichzeitig zu bestreiten, bezeichnet sie als «heuchlerisch». Und: «Mit dem Bezahlen von Lösegeldern wird nicht nur der Terrorismus gefördert, dieses Verhalten gefährdet auch unsere Bürger.»

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