Medikamentenengpässe: Schweizer Apotheken gehen erste Medikamente aus

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MedikamentenengpässeSchweizer Apotheken gehen erste Medikamente aus

In der Schweiz wird die Liste mit fehlenden Arzneimitteln immer länger. Vor allem Schmerzmittel und Antibiotika sind Mangelware. Jetzt kämpfen erste Apotheken mit leeren Regalen.

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Marino Walser
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Der Medikamentenengpass in der Schweiz spitzt sich zu. Erste Medikamente werden bereits aus den Pflichtlagern bezogen.

Der Medikamentenengpass in der Schweiz spitzt sich zu. Erste Medikamente werden bereits aus den Pflichtlagern bezogen.

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Laut der Liste der aktuellen Versorgungsengpässe des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) werden derzeit elf Medikamente aus den Pflichtlagern bezogen. Diverse weitere Medikamente sind derzeit nicht lieferbar, es muss auf Alternativen ausgewichen werden.

Laut der Liste der aktuellen Versorgungsengpässe des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) werden derzeit elf Medikamente aus den Pflichtlagern bezogen. Diverse weitere Medikamente sind derzeit nicht lieferbar, es muss auf Alternativen ausgewichen werden.

20min/Michael Scherrer
Laut dem Apothekerverband Pharmasuisse zeigt die Liste des BWL allerdings nur die halbe Wahrheit: «Es besteht nur ein sehr beschränkter Überblick und die Apothekerinnen und Apotheker erhalten die Informationen immer erst dann, wenn der Lieferengpass bereits besteht.»

Laut dem Apothekerverband Pharmasuisse zeigt die Liste des BWL allerdings nur die halbe Wahrheit: «Es besteht nur ein sehr beschränkter Überblick und die Apothekerinnen und Apotheker erhalten die Informationen immer erst dann, wenn der Lieferengpass bereits besteht.»

Beat Mathys/Tamedia AG

Darum gehts

  • In der Schweiz wird die Liste der fehlenden Arzneimittel immer länger.

  • Gerade Schmerzmittel und Antibiotika sind Mangelware.

  • Erste Medikamente werden bereits aus den Pflichtlagern bezogen.

  • Welche Medikamente genau aber in den Regalen der Apotheken fehlen werden, ist nicht klar.

  • Die Gründe für die Engpässe sind vielseitig.

Der Medikamentenengpass in der Schweiz spitzt sich zu. Zu spüren bekommt dies etwa die Apotheke Balgrist in Zürich. Mediensprecherin Priska Scherzer sagt: «Zurzeit sind mehrere Medikamente vom Hauptgrossist nicht lieferbar, was sich auch auf die Verfügbarkeit der Medikamente bei uns auswirken kann.» Als 20-Minuten-Leser M.G. in der Balgrist Apotheke Ponstan kaufen wollte, sagte ihm die Verkäuferin, dass er soeben die letzten zwei Packungen bekommen habe.

Dies bestätigt der führende Grosshändler von Medikamenten in der Schweiz, die Galenica AG: «Einzelne Medikamente konnten aufgrund eines Engpasses zumindest temporär nicht an Apotheken ausgeliefert werden», sagt Mediensprecher Andreas Petrosino.

Engpass spitzt sich zu

Laut der Liste der aktuellen Versorgungsengpässe des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) werden derzeit elf Medikamente aus den Pflichtlagern bezogen. Diverse weitere Medikamente sind derzeit nicht lieferbar, es muss auf Alternativen ausgewichen werden.

Laut dem Apothekerverband Pharmasuisse zeigt die Liste des BWL allerdings nur die halbe Wahrheit: «Es besteht nur ein sehr beschränkter Überblick und die Apothekerinnen und Apotheker erhalten die Informationen immer erst dann, wenn der Lieferengpass bereits besteht. Vor allem dann, wenn sie Medikamente nachbestellen wollen», sagt Kommunikationsleiterin Stéphanie Logassi Kury.

Pharmasuisse fordert, dass der Bund den Lead übernimmt: «Es braucht frühe Information, Transparenz und Diversifizierung. Zentral ist, dass die Apotheken frühzeitig über Lieferengpässe informiert werden.» Eine Arbeitsgruppe des Bundes befasst sich derzeit mit solchen Lösungsansätzen (siehe unten).

Bis die Ergebnisse da sind, hat Enea Martinelli, Vizepräsident von Pharmasuisse, die Sache deshalb selber in die Hand genommen und die Datenbank www.drugshortage.ch erstellt. «Im Mai waren es noch rund 400 Lieferengpässe, jetzt sind es über 600», sagt Martinelli.

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Nicht klar, welche Medikamente bald fehlen werden

Welches Medikament als Nächstes ausgehen werde, sei schwierig zu sagen. «Dies ist wie Kaffeesatzlesen», sagt Martinelli. Für die Patientinnen und Patienten sei die Gefahr dort am grössten, wo ein Ausfall einen sofort spürbaren Effekt habe. «Das sind unter anderem Antiepileptika, Medikamente gegen Parkinson, Herz- und Diabetesmedikamente sowie Medikamente in der Psychiatrie.»

Ein wenig deutlicher wird Philippe Luchsinger, Präsident mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz. Gelegentlich fehlen laut ihm  lebenswichtige Medikamente, welche die Ärzte und die Patientinnen vor schwierige Situationen stellen. «Gerade in der Kindermedizin fehlen immer wieder wichtige Antibiotika, gerade letzthin wurden Präparate aus dem Handel genommen, die für spezielle Situationen ohne Alternativen sind. Hier nimmt die Pharma-Industrie leider keine Rücksicht auf die Versorgungssituation», so Luchsinger.

Ebenfalls nicht ganz klar ist, wer zuständig ist. BAG und BWL schreiben auf Anfrage: «Das BAG führt keine Kontrolle über die Versorgung der Schweiz mit lebenswichtigen Arzneimitteln. Primär sind die Kantone in der Verantwortung der Gesundheitsversorgung.»

Urs Künzle, Präsident der Kantonsapothekervereinigung, sieht die Zuständigkeit wiederum beim BWL. Er ist besorgt: «Spitalapotheken, öffentliche Apotheken und Arztpraxen haben sich schon verschiedentlich geäussert, dass es derzeit wirklich schwierig ist, an gewisse Medikamente zu kommen.» Problematisch sei das auch bei nicht lebenswichtigen Medikamenten: «Jeder Wechsel des Medikaments ist ein Risiko und bedeutet für den Arzt oder das Spital zusätzliche Arbeit.»

China und Indien als Hauptursache

Die Ursachen, weshalb es zu solchen Engpässen kommt, sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielen die Corona-Pandemie und die dadurch entstandenen Unterbrüche der Lieferketten. Viele Medikamente oder Grundstoffe werden in China hergestellt. Die dortige Null-Covid-Strategie führte teilweise zu Produktionsstopps. Auch Indien sorgt für einen Medikamentenengpass in Europa und der Schweiz. Im Frühjahr beschloss die Regierung einen Exportstopp für Antibiotika, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern.

Ende Jahr sollen Lösungen her

Bereits seit längerem ist dem Bund und mehreren Bundesämtern bekannt, dass es bei Medikamenten zu Lieferengpässen kommt. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Fachleuten der Bundesverwaltung und der interessierten Kreise soll deshalb bis Ende 2022 verschiedene Massnahmen prüfen und Empfehlungen ausarbeiten.

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