14.02.2019 20:03

Bolide statt BescheidenheitSchweizer Autokäufer stehen auf viele PS

Wettrüsten auf Schweizer Strassen: Die neu zugelassenen Autos hatten im letzten Jahr im Schnitt 179 PS. Das ist neuer Rekord.

von
S. Spaeth
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Die 2018 in der Schweiz neu zugelassenen Fahrzeuge hatten im Schnitt 179 PS – ein neuer Rekord. Vor fünf Jahren lag dieser Wert bei 153 PS.

Die 2018 in der Schweiz neu zugelassenen Fahrzeuge hatten im Schnitt 179 PS – ein neuer Rekord. Vor fünf Jahren lag dieser Wert bei 153 PS.

Keystone/Cyril Zingaro
Einer der Hauptgründe für die hohen PS-Zahlen sind die steigenden SUV-Anteile.

Einer der Hauptgründe für die hohen PS-Zahlen sind die steigenden SUV-Anteile.

AP/David Zalubowski
Zudem setzt eine Reihe von Marken neben den «Geländewagen» auf sogenannte Mini-SUV oder Crossover, also die Mischung aus normaler Limousine und SUV.

Zudem setzt eine Reihe von Marken neben den «Geländewagen» auf sogenannte Mini-SUV oder Crossover, also die Mischung aus normaler Limousine und SUV.

Volkswagen

Allen Klimadiskussionen zum Trotz: Schweizer Autokäufer stehen auf PS, Dynamik und Fahrspass. Zu dieser Erkenntnis kommt, wer die Leistungswerte der rund 300'000 im vergangenen Jahr in der Schweiz verkauften Neuwagen anschaut. Die Autos hatten im Schnitt 179 PS – ein neuer Rekord. Vor fünf Jahren lag der Schnitt bei 153 PS. Anders gesagt: Im Vergleich zum Jahr 2013 haben die Autokäufer bei den PS gegen 20 Prozent aufgerüstet, wie die Daten von Auto-Schweiz zeigen.

Einer der Hauptgründe für die hohen PS-Zahlen sind die steigenden SUV-Anteile. Zudem setzt eine Reihe von Marken neben den «Geländewagen» auf sogenannte Mini-SUV oder Crossover, also die Mischung aus normaler Limousine und SUV. Ein weiterer Grund ist laut Automobil-Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg Essen der steigende Premium-Anteil. «Premium hat immer mehr PS. Und mehr PS bringt den Marken mehr Profit.» Mit stärkeren Motoren verkaufe sich die bessere Ausstattung wesentlich leichter.

Beim Auto wollen die wenigsten «Schonkost»

Der Hang zu hohen PS-Zahlen zeigt sich auch an der Modellpalette in der Schweiz: Die Mercedes-C-Klasse, laut Statistik mit 4330 verkauften Fahrzeugen eines der Top-5-Modelle in der Schweiz, gibt es in der schwächsten Version mit rund 130 PS. In der AMG-Variante hat das stärkste Modell 510 PS. Eine kleinere Bandbreite gibt es beim Skoda Octavia, dem mit 8455 Stück am meisten verkauften Auto in der Schweiz. Der Kleinste hat 115, der Grösste 190 PS. «Dem Kunden wird mit dem stärkeren Auto der Mund wässrig gemacht», sagt Dudenhöffer. Beim Auto wollten die wenigsten «Schonkost», das hätten die Autobauer verstanden.

Die steigenden PS-Zahlen begründet Rudolf Blessing von Auto-Schweiz auch mit dem Downsizing der Motoren. Will heissen: Weniger Hubraum kombiniert mit Turboladern. «Das sorgt nicht nur für mehr Effizienz und weniger Gewicht der Motoren, sondern auch für mehr Leistung», sagt er.

Schweiz hängt Deutschland ab

Bei der PS-Bolzerei hängen die Schweizer auch die Auto-Nation Deutschland ab. Während die Neuwagen in der Schweiz im Schnitt 179 PS aufweisen, sind es in Deutschland lediglich 153 PS. Laut Experten liegt das einerseits an der Schweizer Topografie – wegen der Schweizer Berge und der schneereichen Winter entscheidet sich manch ein Konsument für ein etwas stärkeres Allrad-Fahrzeug. Andererseits liegt es an der hohen Kaufkraft: «Schweizer verdienen mehr und leisten sich eben etwas Schönes», bringt es Dudenhöffer auf den Punkt.

Urs Wernli*, was steht hinter der Entwicklung mit immer stärkeren Neuwagen?

Schweizer Automobilisten gehören im europäischen Vergleich zu den kaufkräftigsten Konsumenten Dies zeigt sich darin, dass die Schweizer sehr gut ausgestattete Neuwagen nachfragen. Dies hat auch geographische Gründe: So steigt seit Jahren die Zahl der Autos mit Vierradantrieb, die oft über leistungsstarke Motoren verfügen.

Ist es der Kunde, der die PS will? Oder kriegt er einfach PS-starke Modelle angeboten?

Das Angebot folgt der Nachfrage. Die Schweizer Kunden fragen nach komfortablen und sicheren Fahrzeugen – und das wirkt sich oft auf die Motorisierung aus.

Automarken und Konsumenten geben sich umweltbewusst, fahren aber trotzdem höher motorisierte Autos. Wie passt das zusammen?

Die steigenden PS-Zahlen stehen dank der technologischen Entwicklung nicht zwingend im Zusammenhang mit einem höheren Verbrauch. Ein Auto ist aber mehr als ein x-beliebiges Konsumgut. Wenn es nur darum ginge, von A nach B zu gelangen, bräuchten wir keine derart grosse Palette an Modellen. Das Wachstum bei den alternativen Antrieben wird sich beschleunigen und den Zusammenhang zwischen PS und Verbrauch abschwächen.

*Urs Wernli ist Zentralpräsident des AGVS (Auto Gewerbe Verband Schweiz)

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