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Eawag-StudieSchweizer Bäche enthalten deutlich mehr Pestizide als bisher angenommen

Mit einem neuen mobilen Wasserlabor untersuchten Forscher des ETH-Instituts Eawag Schadstoffkonzentrationen eines Bachs im Landwirtschaftsgebiet. Die Messungen überschritten die Pestizid-Grenzwerte um ein Vielfaches.

von
Joel Probst
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Bei Messungen in einem Bach sammelten Wasserforscher des ETH-Instituts Eawag «brisante Daten».

Bei Messungen in einem Bach sammelten Wasserforscher des ETH-Instituts Eawag «brisante Daten».

REUTERS
So überschritt die Konzentration des Insektizids Thiacloprid den in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Grenzwert gemäss der Studie «häufig» und um bis zu das 30-Fache.

So überschritt die Konzentration des Insektizids Thiacloprid den in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Grenzwert gemäss der Studie «häufig» und um bis zu das 30-Fache.

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Darunter leiden die Wasserorganismen: «Wird der Grenzwert überschritten, wirkt das Insektizid wie ein Nervengift auf die Tiere», sagt Eawag-Sprecher Andri Bryner.

Darunter leiden die Wasserorganismen: «Wird der Grenzwert überschritten, wirkt das Insektizid wie ein Nervengift auf die Tiere», sagt Eawag-Sprecher Andri Bryner.

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Darum gehts

  • Messungen in einem Bach im Landwirtschaftsgebiet zeigten Pestizidkonzentrationen, die bis zu 30-mal höher lagen als der Grenzwert.

  • Die Forscher warnen, dass bei bisherigen Messungen das von den Schadstoffen ausgehende Risiko unterschätzt worden sei.

  • Die Initianten der Trinkwasserinitiative sind schockiert: «Es ist entsetzlich, dass wir Wasserlebewesen mit solchen Pestizidcocktails vergiften.»

  • Der Bauernverband entgegnet, man sei auf einem guten Weg.

Eigentlich wollten die Forscher des ETH-Wasserforschungsinstituts Eawag lediglich ihr neu entwickeltes mobiles Wasserlabor «MS2field» testen. Doch bei Messungen in einem Bach innerhalb eines Landwirtschaftsgebiets im Mittelland sammelten die Wasserforscher «brisante Daten», wie das Eawag schreibt. Die Forscher des Instituts warnen, dass bei bisherigen Messungen in kleinen Bächen das von den Schadstoffen ausgehende Risiko deutlich unterschätzt worden sei.

Mithilfe des mobilen Labors konnten die Eawag-Forscher alle 20 Minuten eine Probe auswerten statt wie sonst üblich nur eine Mischprobe aus mehreren über einige Tage verteilten Wasserentnahmen. «So ist es uns möglich, die Veränderungen der Schadstoffkonzentrationen nachzuvollziehen», erklärt Studienleiter Heinz Singer. «Als wir sahen, wie viel höher die Konzentrationsspitzen gegenüber dem Durchschnitt waren, sind wir schon ein wenig erschrocken.»

«Kann Wasserorganismen stark beeinträchtigen»

Im Bach massen die Forscher für viele Pestizide Höchstkonzentrationen, die bis zu 170-mal höher waren als der Konzentrationsmittelwert über mehrere Tage. Das Insektizid Thiacloprid überschritt den in der Gewässerschutzverordnung festgelegten Grenzwert gemäss der Studie «häufig» und um bis das 30-Fache. «Das kann empfindliche Wasserorganismen stark beeinträchtigen», sagt Singer. Für Menschen seien die Pestizide in diesen Konzentrationen aber kein Risiko, da sie das Wasser nicht aus dem Bach trinken und – anders als die Gewässerorganismen – auch nicht darin leben.

Für den Forscher ist die neue Erkenntnis wichtig: «Wir wissen, dass wir mit Mischproben das Risiko für Wasserorganismen in kleinen Bächen unterschätzen.» Daraus ergebe sich auch einen Handlungsbedarf: «Wenn möglich sollten zukünftig vermehrt zeitlich hoch aufgelöste Messungen durchgeführt werden.»

Die kurzzeitig hohe Konzentration des Insektizids Thiacloprid kann laut dem Eawag-Sprecher Andri Bryner für Wasserinsekten wie Bachflohkrebse oder Steinfliegenlarven zum Problem werden: «Wird der Grenzwert überschritten, wirkt das Insektizid wie ein Nervengift auf die Tiere. Die Auswirkungen können von Krämpfen über eine gestörte Atmung oder einen beeinträchtigten Stoffwechsel bis zum Tod reichen.»

Bauernverband: «Sind auf Kurs»

Franziska Herren, Kopf hinter der Trinkwasserinitiative, ist schockiert über das Resultat der Studie: «Es ist hochproblematisch, dass Pestizid-Grenzwerte um das 30-Fache überschritten werden.» Die Initiative fordert, Bauern die Direktzahlungen zu streichen, wenn sie Pestizide oder Antibiotika einsetzen. «Es ist entsetzlich, dass wir Wasserlebewesen mit solchen Pestizidcocktails vergiften», sagt Herren. Sie ist sich sicher: «Das trifft auch die Menschen. Über das Grundwasser gelangen die Pestizide in unser Trinkwasser.»

Auch für Greenpeace sind die hohen Pestizidkonzentrationen «alarmierend», wie Sprecher Yves Zenger sagt: «Es zeigt einmal mehr, dass wir uns im Blindflug befinden, wenn es um Schadstoffmengen und gesundheitliche Auswirkungen von Pestizidgemischen geht.» Man müsse endlich grosse Schritte unternehmen, um den Pestizideinsatz zu verkleinern und die Bevölkerung zu schützen.

Der Schweizer Bauernverband will diese Kritik nicht auf sich sitzen lassen: «Die Landwirtschaft ist auf gutem Weg und auf Kurs», sagt Sprecherin Sandra Helfenstein. «Uns ist bewusst, dass es bezüglich Punkteinträgen noch Verbesserungspotenzial gibt.» Es finde aber ein grosser Umbruch in der Landwirtschaft statt. So setzten die Betriebe bereits jetzt 40 Prozent weniger chemisch-synthetische Pestizide ein als noch vor zehn Jahren und wechselten stattdessen vermehrt auf «biotaugliche».

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127 Kommentare
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Hauptsache Billig

06.12.2020, 18:31

Es ist schlimm zu sehen das die meisten Leute keine Ahnung haben von der Schweizer Landwirtschaft.Liebe Stadt Leute ihr könnt nicht alles haben billiges essen auf der einen Seite aber im gleichen Atemzug fordern das man auf spritzmittel verzichten. Traurig aber wahr ist wenn wir diese Nahrungsmittel nicht zu einem hohen Standart hier in der Schweiz Herrstellen wird es halt einfach in Brasilien,USA usw. hergestellt wo es keine Richtlinien gibt und auch z.B. über reifen Raps rund Up (Glyphosat) gespritzt wird ist das denn die lösung?Und wieso wird denn nicht mehr Bio Produkte gekauft das wäre doch die richtige Lösung denn der Konsument steuert den Markt oder nicht? ach glatt vergessen das ja über 1mio Schweizer ins Ausland Lebensmittel einkaufen!

Stephanie

06.12.2020, 16:53

Es kommt ja nicht nur von den Pestiziden. Die Gülle ist genauso verantwortlich für diese Umweltsünde, wenn nicht noch mehr. Es wird übermässig gegüllt, manchmal fahren sie zweimal über die Äcker und Wiesen, noch langsamer als Schritttempo und bleiben zudem noch stehen, bis Seen entstehen. Tage später sind sie immer noch zu sehen. Da sollte dringend was unternommen werden. Traurig!!

Coco

06.12.2020, 13:21

Interessant: über 50 Prozent wollen synthetische Pestizide verbieten lassen. Prinzipiell eine gute Sache. Zusatzfrage: sind auch über 50 Prozent der Abstimmenden bereit, höhere Gemüsepreise zu bezahlen? Bei einem Verbot von synthetischen Pestiziden und einer Reduktion von Pestiziden im Allgmemeinen wird garantiert auch der Aufwand für die Bauern grösser, und der Ertrag niedriger, die Kosten für die Gemüseproduktion also höher. Also, wenn man in Zukunft öfter Biogemüse kauft, unterstützt man jetzt schon eine Pestizidarme Landwirtschaft und erhöht den Druck und die Motivation für die Politik.