Einkaufstourismus: Schweizer betrügen mit Mehrwertsteuer an Grenze
Aktualisiert

EinkaufstourismusSchweizer betrügen mit Mehrwertsteuer an Grenze

Mehrwertsteuer für Produkte zurückfordern, die gar nicht gekauft wurden – mit dieser Masche wird an der deutsch-schweizerischen Grenze Geld erschwindelt. Nun drohen Bussen.

von
lin/ehs
1 / 10
Tausende Schweizer Einkaufstouristen betrügen bei der Rückerstattung der Mehrwertsteuer. Sie fordern die Mehrwertsteuer für Produkte zurück, die sie gar nicht gekauft haben.

Tausende Schweizer Einkaufstouristen betrügen bei der Rückerstattung der Mehrwertsteuer. Sie fordern die Mehrwertsteuer für Produkte zurück, die sie gar nicht gekauft haben.

Keystone/Martin Ruetschi
Der deutsche Zoll ist mit den vielen Einkaufstouristen überfordert und verlangt ein Eingreifen der Politik.

Der deutsche Zoll ist mit den vielen Einkaufstouristen überfordert und verlangt ein Eingreifen der Politik.

Keystone/Ennio Leanza
Auch in der Schweiz ist das Einkaufen ennet der Grenze ein grosses Thema. Schweizer Handel und Politik wollen den Einkaufstourismus eindämmen.

Auch in der Schweiz ist das Einkaufen ennet der Grenze ein grosses Thema. Schweizer Handel und Politik wollen den Einkaufstourismus eindämmen.

Keystone/Salvatore di Nolfi

Wer in Deutschland einkauft und seinen Wohnsitz in der Schweiz hat, kann in vielen Fällen die ausländische Mehrwertsteuer zurückfordern. Dazu wird eine Ausfuhrbescheinigung des Geschäfts benötigt, die der deutsche Zoll abstempeln muss. Über spezialisierte Dienste oder beim nächsten Einkauf in Deutschland kann man sich die Mehrwertsteuer danach rückerstatten lassen.

Schweizer Einkaufstouristen machen von dieser Möglichkeit fleissig Gebrauch. Rund 70 Prozent aller grünen Ausfuhrzettel stempeln die deutschen Zöllner an der Grenze zur Schweiz ab. Offenbar wird die Möglichkeit der Rückerstattung der Mehrwertsteuer aber auch für Betrügereien genutzt. Der «Südkurier» berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, wie ein Schweizer einen deutschen Kunden eines Baumarkts ansprach und nach dessen Kassenbeleg fragte. Der Schweizer erklärte, er werde die Mehrwertsteuerrückerstattung organisieren und versprach dem deutschen Kunden die Hälfte des Gewinns.

Mehrere Tausend Betrüger

Dass deutsche Einkäufer von Personen mit Wohnsitz in der Schweiz auf ihre Kassenzettel angesprochen werden, sei bekannt, teilt das Hauptzollamt Singen 20 Minuten mit. Das Ausmass der Betrügereien mit der Rückerstattung der Mehrwertsteuer hingegen nicht. Die deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft geht von mehreren Tausend Betrügern pro Jahr aus.

Allerdings sind es nicht nur Schweizer, die mit Mehrwertsteuertricksereien an der Grenze Geld verdienen. Laut einem Bericht des deutschen Bundesrechnungshofs tricksen auch Personen mit Wohnsitz in Deutschland. So funktionierts: Sie bitten befreundete Schweizer, für sie einzukaufen. Die lassen sich Ausfuhrbescheinigungen ausstellen. Die Ware verlässt Deutschland nicht, sondern bleibt im Land. Die Schweizer lassen sich beim nächsten Einkauf die Mehrwertsteuer zurückerstatten.

Geringes Risiko

Das Risiko der Trickser, am Zoll erwischt zu werden, ist gering. Nur in seltenen Fällen gleichen die Zöllner die Angaben der grünen Zettel mit den tatsächlich eingekauften Produkten ab. Laut der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft sind die Zöllner aufgrund des Ansturms der Schweizer Einkaufstouristen derart überlastet, dass dazu kaum noch Zeit bleibt.

Die Kontrollquote beträgt gemäss dem Bericht zwischen 1 und 5 Prozent. Zwischen 2006 und 2016 stieg die Zahl der Ausfuhrbescheinigungen an der Schweizer Grenze von 6 auf 17 Millionen. Beim Zollamt Konstanz-Autobahn werden in Spitzenzeiten 1000 Ausfuhrbestätigungen pro Stunde gestempelt, in Weil am Rhein bis zu 800. «Damit diese Mengen bewältigt werden können, werden die Bescheinigungen im Sekundentakt gestempelt», heisst es im Bericht der deutschen Behörde.

Jetzt gibts Bussen

Doch selbst wer erwischt wird, hatte bisher kaum etwas zu befürchten, denn es gab seit 2012 keine rechtliche Grundlage, um die Nicht-Ausfuhr einer Ware zu bestrafen. Seit Mitte Juni ist das nun anders: Wer am Zoll mit Ausfuhrbescheinigung, aber ohne Ware auftaucht, muss zwischen 20 und 55 Euro Busse bezahlen.

Deine Meinung